Warum Hurrikane immer gefährlicher werden

Die Stürme werden stärker und wüten länger am selben Ort – auch Europa muss sich wohl darauf einstellen.

Sieht man selten: Ein Satellitenaufnahme vom 3. September 2019 zeigt, dass Hurrikan Juliette (links), Tropensturm Fernand (Mitte) und Hurrikan Dorian (rechts) gleichzeitig wüten. Foto: Keystone

Sieht man selten: Ein Satellitenaufnahme vom 3. September 2019 zeigt, dass Hurrikan Juliette (links), Tropensturm Fernand (Mitte) und Hurrikan Dorian (rechts) gleichzeitig wüten. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als Sturm der höchsten Kategorie fünf suchte Dorian die Bahamas heim, sorgte für enorme Zerstörung und forderte mindestens 20 Todesopfer. Mit Windgeschwindigkeiten von fast 300 Kilometer pro Stunde war er laut dem Nationalen Hurrikan-Zentrum der USA «der stärkste je aufgezeichnete Hurrikan, der im Atlantik auf Land traf».

Wer jetzt aber an einen Sturm denkt, der mit unglaublichem Speed über die Bahamas hinweggefegt ist, liegt falsch. Im Gegenteil: Dorian bewegte sich nur im Schritttempo, hing tagelang über der Inselgruppe fest – und sorgte so für noch grössere Schäden. Es habe seit Beginn der Aufzeichnungen keinen Hurrikan dieser Stärke gegeben, der so lange stillgestanden habe, sagte Jeff Masters, einer der angesehensten US-Meteorologen.

Das ist kein Zufall. Verschiedene Untersuchungen haben ergeben, dass Tropenstürme – die je nach Region Hurrikane, Taifune oder Zyklone genannt werden – immer langsamer vorankommen. Eine Studie der Universität Wisconsin kam zum Schluss, dass ihre Fortbewegungsgeschwindigkeit in den letzten 70 Jahren weltweit um 10 Prozent abgenommen hat. Stürme im Atlantik sind über Land sogar 20 Prozent langsamer geworden.

Hauptgrund für diese Entwicklung ist die globale Erwärmung, wie Klimamodelle und Messdaten übereinstimmend zeigen. Sie sorgt dafür, dass sich die Zirkulation der tropischen Atmosphäre generell verlangsamt und damit auch die Fortbewegungsgeschwindigkeit von Hurrikanen wie Dorian. Diese bleiben länger am selben Ort, was zu grösseren Niederschlägen führt und das Risiko für Sturmfluten erhöht, die am meisten Schäden verursachen.

Ohnehin werden tropische Stürme zunehmend stärker, weil sie ihre Energie aus dem Meerwasser beziehen. Und dieses wärmt sich im Zuge des Klimawandels bekanntlich immer mehr auf. Die Ozeane speichern den grössten Teil der durch die menschengemachten Treibhausgase zusätzlich verursachten Wärmeenergie. Stürme nehmen so mehr Wasserdampf auf, werden grösser und regnen dann stärker ab.

Gemäss der Datenbank der amerikanischen Ozean- und Atmosphärenbehörde NOAA sind extreme Tropenstürme seit den 1980er-Jahren weltweit häufiger geworden. Stürme der Kategorie vier haben um 60 Prozent, solche der höchsten Kategorie fünf sogar um mehr als 100 Prozent zugenommen. Dafür werden Stürme der schwachen Kategorien seltener. Im aktuellsten Bericht der meteorologischen Weltorganisation (WMO) wird diese Entwicklung bestätigt. Ein Grossteil der dafür verantwortlichen Experten ist zudem überzeugt, dass der Mensch zu diesem Anstieg beigetragen hat.

Auch Zahlen zu Hurrikane im Atlantik, welche die NOAA erhebt, lassen diesen Trend erkennen. Zwar ist die Streuung der Werte gross. Dennoch ist klar sichtbar, dass die Anzahl Hurrikane der Kategorien drei bis fünf in den letzten zwanzig Jahren gestiegen ist. Zwischen 1999 und 2018 gab es im Schnitt 3,4 solcher Stürme, von 1979 bis 1998 waren es im selben Zeitraum weniger als zwei pro Saison.

Erstmals seit Beginn der systematischen Satellitenaufzeichnungen ist zudem in vier aufeinanderfolgenden Jahren im Atlantik ein Sturm der Stärke fünf aufgetreten: nach Matthew 2016, Irma und Maria 2017 und Michael 2018 jetzt auch Dorian. Die meisten Wissenschaftler sind sich einig darin, dass es in Zukunft noch öfter Superstürme geben wird. US-Meteorologe Jeff Master warf deshalb schon vor drei Jahren die Frage auf, ob man bald eine neue Kategorie sechs einführen sollte.

Auch Europa, das bisher nicht betroffen war, muss sich vielleicht bald auf solche einstellen. Datenauswertungen zeigen, dass sich Tropenstürme immer weiter polwärts ausbreiten. Im Oktober 2017 tauchte mit Ophelia erstmals ein Tropensturm der Kategorie drei vor der Küste Portugals auf. Zum Glück traf er dort nicht auf Land, sondern bewegte sich nach Norden und Richtung Irland. Im kälteren Meerwasser schwächte er sich ab – trotzdem war es der schlimmste Sturm in Irland seit einem halben Jahrhundert.

Erstellt: 06.09.2019, 10:06 Uhr

Artikel zum Thema

Bereits bedroht wieder ein Tropensturm die Bahamas

Die Bahamas kommen nicht zur Ruhe. Nach «Dorian» steuert ein neuer Tropensturm auf den Karibikstaat zu. Mehr...

«Der stärkste Hurrikan, der je auf Land traf»

Dorian hat mit Rekord-Windgeschwindigkeiten für Chaos und Zerstörung auf den Bahamas gesorgt – jetzt ist er auf dem Weg Richtung US-Küste. Mehr...

Die Saison der Monster

Der Hurrikan Irma hat Tod und Verwüstung gebracht, die nächsten zwei Stürme folgen. Dass die Natur so entfesselt ist, liegt auch am Klimawandel. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...