Warum uns Landschaften gut tun

Saftige Wiesen! Ein See! Berge! Bei einer solchen Aussicht kommen wir ins Schwärmen. Das ist kein Zufall.

Das Bild einer idealen Landschaft ist tief in unseren Genen verankert: Der Engstlensee zwischen Engelberg und Melchsee-Frutt. Foto: Keystone

Das Bild einer idealen Landschaft ist tief in unseren Genen verankert: Der Engstlensee zwischen Engelberg und Melchsee-Frutt. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Endlich Wochenende! Die Arbeit ist gemacht; Entspannen ist angesagt. Es zieht die Menschen aus den Siedlungen hinaus ins Grüne. Jetzt, im Wonnemonat Mai, ist die Natur voll im Saft. Zartgrüne Blätter schmücken die Bäume, Wiesen blühen gelb, rot, blau und weiss. Aus den Hecken zwitschern Vögel, Schmetterlinge gaukeln vorbei, und die Luft ist erfüllt vom melodiösen «gri-gri-gri» der Grillen. Tief einatmen – tut das gut!

Vom Bänkli am Waldrand aus bietet sich eine wunderbare Aussicht. Der Blick schweift über Wiesen, vorbei an Hecken und Feldern, in die Ferne, wo sich ein Fluss durchs Tal schlängelt, vorbei an Dörfern bis zu den verschneiten Berggipfeln am Horizont. Das ist Glück. Für einen Moment sind die Sorgen des Alltags vergessen.

Solche Landschaften tun uns gut: Blick von Weggis auf den Vierwaldstättersee. Foto: Andreas Gerth

«Landschaften tun gut», sagt Raimund Rodewald, 59, Biologe und Geschäftsleiter der Stiftung Landschaftsschutz Schweiz. Er beschäftigt sich seit 29 Jahren mit der Wechselwirkung zwischen Mensch und Landschaft. «Der Mensch», sagt er, «braucht Bilder von Landschaften, um zu sich selbst zu finden.» Und er fördert dadurch sein Wohlergehen. «Schon allein das Betrachten der Natur durch das Spitalfenster lässt Patienten schneller gesund werden.»

Das Bild der idealen Landschaft scheint tief in unseren Genen verankert zu sein. Umfragen in verschiedenen Ländern zeigen, dass die Mehrheit der Menschen eine abwechslungsreiche, offene Parklandschaft bevorzugt – eine Landschaft, in der sich Felder, Wiesen, locker gestreute Bäume, Bäche, Seen und Häuser abwechseln. «Der Mensch ist ursprünglich ein Savannenwesen», sagt Raimund Rodewald, «er muss stets alles im Blick haben: einerseits, wo die Beutetiere sind, und andererseits, von wo Gefahren drohen.» Daher fühlen wir uns am wohlsten in mit Bäumen durchsetzten Ebenen mit Aussichtspunkten und Versteckmöglichkeiten. Führt uns ein Waldweg zu einem Aussichtspunkt, wollen wir uns erst mal einen Überblick verschaffen, lassen den Blick über die Gegend schweifen. Der Wald im Rücken vermittelt uns Sicherheit, bei drohender Gefahr könnten wir uns sofort darin verstecken.

Mit Demut stellen wir fest, dass die Natur schon seit Jahrmillionen da ist: Morgendämmerung am Bodensee. Foto: Dukas

Flüsse, Bäche und Seen gehören ebenfalls zur idealen Landschaft. Wasser ist überlebenswichtig. Drei Tage nichts zu trinken – und wir sterben. Wasser ermöglicht überhaupt erst die Landwirtschaft, sorgt für Wachstum auf den Feldern und für gute Ernten. Doch zur absoluten Lebensnotwendigkeit des Wassers kommt noch ein anderer Aspekt hinzu. An Seeufern lassen wir unseren Blick über die offene Ebene in die Ferne schweifen, ausgeprägter noch am Meer. Sehnsucht ergreift uns. «Das Bild des weiten Horizonts, die Unendlichkeit, die Berührung von Diesseits und Jenseits hat etwas Sentimentales, Spirituelles», sagt Raimund Rodewald. Die Gedanken schweben davon. Im ewigen Rhythmus der Wellen spielt der eigene Alltag keine Rolle.

Bereits in der Bibel, im 1. Buch Mose, wird das Paradies als Landschaft mit Wasser, Bäumen und Wiesen beschrieben. Als Adam und Eva aus dem Paradies vertrieben werden, ist das ein Drama und ein Symbol. Die Sehnsucht nach dem Paradies ist tief in uns.

Aussichtspunkte vermitteln Sicherheit: Blick vom Brienzer Rothorn. Foto: Martin Mägli

Neben der genetisch verankerten Sehnsucht nach einer bestimmten Landschaft prägt uns aber auch die Umwelt, in der wir aufwachsen. Bereits der Säugling nimmt die Welt mit seinen Sinnen wahr. Wo wir die ersten Lebensjahre verbringen, da fühlen wir uns daheim. So wuchs Kilian Gasser, 48, zum Beispiel in Altdorf UR auf, in einem Tal, umgeben von Bergen. Als junger Mann zügelte er in die Stadt, doch nach 15 Jahren Stadtleben zog es ihn wieder zurück in die Heimat, zurück zu den Bergen. Reto Leuch, 48, aufgewachsen in Landschlacht TG am Bodensee, ist seiner Heimat am Wasser zeitlebens treu geblieben und könnte sich nicht vorstellen, von dort wegzuziehen. Diana Soldo, 50, aus Zürich hat hingegen erst im Laufe ihres Lebens herausgefunden, dass es ihr im Wald am wohlsten ist.

«Wald hat eine ganz starke Ursprungskraft», sagt Raimund Rodewald, «stärker noch als Wasser und Berge.» Der Wald spricht alle Sinne an: das Spiel der Sonnenstrahlen, die durch die Baumwipfel hindurch den Waldboden in ein Mosaik aus Licht und Schatten verwandeln, von weitem das Hämmern eines Spechts, die feuchten Moospolster, die einen frischen Duft verströmen, und das Harz der Tannen, Kiefern und Lärchen, das betörend riecht. «Der Wald ist ein wichtiges Gegenüber, wo der Mensch sich selber spürt», sagt Raimund Rodewald. Der lichte Wald beflügelt, während ein dichter, finsterer Wald auch bedrohlich wirken kann.

Die Berge sind erhaben und mächtig, sie galten als Sitz der Götter, aber auch des Teuflischen.

Wald, Berge und Wasser haben eine starke Wirkung auf uns. Neben Faszination empfinden wir auch Ehrfurcht der Natur gegenüber. Die Berge sind erhaben und mächtig, sie galten als Sitz der Götter, aber auch des Teuflischen, wie viele Sagen aus dem Alpenraum belegen. Das Meer verwandelt sich im Sturm zur angsteinflössenden Macht, mit haushohen, Gischt sprühenden Wellen. Die Urgewalten erinnern an die Ursprünge des Lebens. Demütig merken wir, dass die Natur etwas Grösseres ist. Etwas, das schon seit Jahrmillionen da ist und noch lange nach uns da sein wird.

Das Verhältnis des Menschen zur Natur hat sich im Laufe der Geschichte mehrmals geändert. Nach dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 10'000 Jahren entstand eine Waldfläche, die den grössten Teil der heutigen Schweiz bedeckte. Die Menschen durchstreiften die Wälder anfangs noch als Jäger und Sammler, später schlugen sie Lichtungen, um zu siedeln und Äcker anzulegen. Bis ins Mittelalter war der Wald das vorherrschende Landschaftselement. Die Bauern trieben ihr Vieh ins Unterholz, wo es sich von Kräutern, Eicheln und Buchnüsschen ernährte. Das Laub diente als Einstreu für die Ställe und als Füllmaterial für Matratzen und Duvets. Der Wald wurde geschätzt als Lebensspender. Später, als das Vieh auch tagsüber in Ställe gesperrt wurde, verlor er seine Bedeutung. Das ehemals Vertraute wurde unheimlich, der Wald zum Hort des Bösen, wo Hexen, Zauberer und Wölfe ihr Unwesen trieben.

Bei drohender Gefahr könnten wir uns sofort darin verstecken: Ein Wald. Foto: iStock

Heute dominiert vor allem das wirtschaftliche Denken, doch dient der Wald auch der Erholung. Spaziergänger geniessen den Wald in vollen Zügen, sie entspannen und finden zu sich selbst. Und tun nebenbei noch etwas für ihre Gesundheit: Duftstoffe, welche die Bäume verströmen, stärken das Immunsystem.

Bäume, Natur und Landschaft wecken die Lebensgeister, sie tun uns gut. In krassem Gegensatz dazu steht, wie wir mit ihnen umgehen. Die Fläche, die seit 1990 in der Schweiz verbaut wurde, ist grösser als jene des Genfersees. Die vielfältige Landschaft wurde «glatt gebügelt», wie es Raimund Rodewald ausdrückt. Er setzt sich seit drei Jahrzehnten unermüdlich ein für den Erhalt der Landschaft, wenn es zum Beispiel um den Bau von Siedlungen, Strassen oder Seilbahnen geht.

Es ist die Abwechslung, das bunte Mosaik von Feldern, Wiesen, Bächlein, Hecken und eingestreuten Bäumen, das uns erfreut.

Die Verarmung der Landschaft lässt sich mit Zahlen belegen: In den letzten 100 Jahren sind 90 Prozent der Moore verschwunden und gar 95 Prozent der artenreichen Trockenwiesen. Sie wurden für die Landwirtschaft geopfert, zum Teil bereits während der Anbauschlacht im Zweiten Weltkrieg. Unter dem Fachwort Melioration, zu Deutsch «Verbesserung», sorgten ab 1950 Kulturingenieure, Geometer und Agronomen dafür, dass die Landschaft ausgeräumt wurde. Kleine Felder wurden zu grossen Äckern verbunden, damit sie rationeller bewirtschaftet werden konnten. Unproduktive Feldränder, Hecken und Obstbäume wurden vernichtet, Bäche kanalisiert oder in den Boden verbannt. Doch damit wurde die Landschaft der Elemente beraubt, die ihren Reiz ausmachen. Es ist ja gerade diese Abwechslung, das bunte Mosaik von Feldern, Wiesen, Bächlein, Hecken und eingestreuten Bäumen, was uns erfreut.

Der Verlust hat Folgen. Die Verödung der Landschaft wirkt sich auf unsere emotionale Befindlichkeit aus. «Wir dürfen uns nicht wundern», sagt Raimund Rodewald, «dass Zivilisationskrankheiten wie Burn-out zunehmen.» Während weiche Qualitäten der Landschaft wie Geborgenheit, Heimat, Schönheit oder Melancholie entschwänden, bleibe eine kalte, rein funktionale Landschaft zurück.

Die Farbe Grün empfinden viele Menschen als wohltuend: Die Alp Pròu im Onsernonetal. Foto: Alessandra Meniconzi

Wie wichtig die Natur zur Wahrung des emotionalen Gleichgewichts ist, zeigt eine Studie des Politgeografen Michael Hermann, die kürzlich erschienen ist: Zwei Drittel der Schweizer ziehen die Natur als Erholungsraum sogar den eigenen vier Wänden vor.

Eine intakte Natur wirkt sich auch auf die Empathie, auf unser Mitgefühl aus, sagt Raimund Rodewald. «Das Anteilnehmen am Gegenüber hat stark mit der sinnlichen Wahrnehmung zu tun», sagt Raimund Rodewald. «Wenn ich das Gegenüber nicht lebendig vor mir sehe, sondern nur noch via Handy- oder Computerbildschirm, dann geht etwas verloren.» Das ist bei Landschaften genau dasselbe. Äussere Landschaften werden zu inneren. So wie eine schöne, wohltuende Landschaft sich uns einprägt, tut es auch eine zerstörte, entwertete Landschaft. Mit negativen Folgen für unser Wohlbefinden.

Wir sind der Natur zwar egal. Wir sollten ihr gegenüber aber nicht gleichgültig sein.

Die Landschaft, wie sie bis Mitte des 20. Jahrhunderts aussah und heute grossenteils verschwunden ist, war das Ergebnis einer immensen Arbeit über Generationen hinweg. Unsere Vorfahren rodeten Wald, bauten Terrassenfelder, pflanzten Hecken, errichteten Trockenmauern, gaben der Landschaft ein Gesicht. Die Parklandschaft, die den meisten Menschen so gefällt, ist nicht wilde Natur, sondern vom Menschen gestaltete Kulturlandschaft.

Sie zu erhalten, oder besser das, was davon übrig geblieben ist, erfordert Arbeit und Geld. Bergbauern mähen Wiesen an Steilhängen, damit sie nicht verbuschen. Ehrenamtliche Helfer reparieren Trockenmauern. Bäche werden wieder aus der Versenkung hervorgeholt, Flüssen wird mehr Raum gegeben. Aber noch immer wird pro Sekunde ein Quadratmeter Land überbaut. Es bedarf grosser Anstrengung, das Erbe unserer Vorfahren zu erhalten. Doch lohnt es sich.

Wir sind der Natur zwar egal. Wir sollten ihr gegenüber aber nicht gleichgültig sein. Um es mit den Worten von Raimund Rodewald zu sagen: «Ein Sonnenstrahl, der durch die Wolken dringt, Weidenkätzchen am kahlen Baum, der Ruf des Kuckucks in der Ferne – das sind Momente des Glücklichseins, Momente, in denen du spürst: Du lebst!»

Büchertipps

Raimund Rodewald: «Sehnsucht Landschaft», Chronos Verlag, 20 Franken.

Klaus Ewald und Gregor Klaus: «Die ausgewechselte Landschaft», Haupt Verlag, 49 Franken.

Wilhelm Stölb: «Waldästhetik», Wald und Mensch Verlag, 42.50 Franken.

Jörg Müller: «Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder», Fischer Sauerländer Verlag, 38.50 Franken
.

Erstellt: 17.05.2019, 21:04 Uhr

«In den Bergen bin ich aufgewachsen, hier bin ich zu Hause»

Kilian Gasser, Medienvermarkter



«Zurück zu den Wurzeln, hiess es für mich, als ich nach 15 Jahren in der Stadt Zürich heimkehrte nach Altdorf. Hier bin ich aufgewachsen, hier bin ich zu Hause, umgeben von den Bergen fühle ich mich wohl. Nach den Jahren in der Stadt schätze ich wieder diese Nähe zur Natur. Es ist immer wieder ein grandioses Naturschauspiel, diese Bergkulisse, wie sie in der Morgensonne erstrahlt: Wow!

In der Stadt merkte ich manchmal den ganzen Tag lang nicht, dass es regnete. Ich wusste gar nicht, was für Wetter ist. Hier, mit Blick auf die Berge, nehme ich die Wetterentwicklung innerhalb eines Tages viel stärker wahr, ebenso die Jahreszeiten. Und dann ist da ja noch der praktische Aspekt: Ich gehe in der Freizeit gerne in die Berge, und weil sie ja praktisch vor meiner Haustüre liegen, kann ich auch mal spontan an einem Nachmittag wandern oder Ski fahren gehen.»

«Im Wald fühle ich mich aufgehoben»

Diana Soldo, Biologin



«Seit mehreren Jahren lebe ich in einem Wald in der Nähe von Zürich, von Bäumen umgeben, mit Sicht auf die Landschaft. Ich schätze die Ruhe, die der Wald ausstrahlt, die Stärke, die Ästhetik, für mich hat das eine göttliche Komponente. Ich fühle mich nicht alleine, sondern aufgehoben in der Lebensgemeinschaft des Waldes. Zwischen den Bäumen fühle ich mich daheim. Nur schon die Farbe Grün wirkt sehr beruhigend, und auch die Pflanzen, die Geräusche, die Vogelstimmen tun mir gut.

Ursprünglich haben die Menschen in unserer Gegend im Wald gelebt, es war ja fast alles mit Wäldern überdeckt hier. Von Natur aus fühlt sich der Mensch im Wald besonders wohl. Die Angst, die einige verspüren, ist oft kulturell bedingt. In Exkursionen versuche ich den Leuten den Zugang zum Wald zu vermitteln, damit sie ihn wieder mehr schätzen und schützen.»

«Der See ist da, und er gibt mir Arbeit»

Reto Leuch, Berufsfischer



«Bereits in der dritten Generation betreibt meine Familie Berufsfischerei auf dem Bodensee. Früh am Morgen fahre ich auf den See, um die Netze einzuholen. Ich könnte mir nicht vorstellen, an einem anderen Ort zu leben. Ich bin am See aufgewachsen. Der See ist da, und er gibt mir Arbeit.

Jeder Tag draussen auf dem See ist anders. Im Winter ist es ruhiger, langsamer, im Sommer hektischer, es herrscht dann mehr Betrieb auf dem See. Für mich hat jede Jahreszeit ihre Besonderheiten, auch wenn das Wetter mal nicht so schön ist. Jeder Morgen ist wieder ein neuer Tag, ein neues Glück. Das macht es aus. Ich könnte nicht in einem Büro arbeiten, jeden Tag in der gleichen Bude. Wenn ich mal weg war und wieder nach Hause komme, sehe ich, wie schön die Aussicht ist, wie wunderbar der Sonnenaufgang.»

Artikel zum Thema

Eine Psychotherapie, die gar keine ist

Basler Forscher haben ein Placebo kreiert, das die Stimmung hebt. Es funktioniert allerdings nur unter bestimmten Umständen. Mehr...

Wie wir durch Farben unterbewusst beeinflusst werden

Grüne Bio-Etiketten, pinke Ausnüchterungszellen: Warum sich unsere Psyche der Wirkung von Farben nicht entziehen kann. Mehr...

Nur 13 Prozent der Meere sind noch Wildnis

Die Ozeane wirken unendlich – und unberührt: Doch der Mensch hatte seine Hand nicht nur bei Ökosystemen an Land im Spiel. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...