Künstlicher Schnee soll Gletscherschwund abbremsen

Schweizer Gletscher haben dieses Jahr 3 Prozent ihres Volumens verloren. Nun sorgen Glaziologen mit visionären Tech-Projekten für Aufsehen. Was taugen sie?

Der Persgletscher am Fuss des Piz Palü mündete einst in den Morteratschgletscher (rechts). Vor drei Jahren schmolz er so stark, dass die Verbindung abriss. Foto: PD

Der Persgletscher am Fuss des Piz Palü mündete einst in den Morteratschgletscher (rechts). Vor drei Jahren schmolz er so stark, dass die Verbindung abriss. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie reisten von Nordfriesland an, stiegen mit Bratschen, Celli und Kontrabässen von der Diavolezza-Bergstation auf knapp 3000 Meter Höhe steil hinab auf den Persgletscher, um schliesslich vor Piz Palü und Bernina zu musizieren. Fünfzig Musikerinnen und Musiker waren es, die vor gut einer Woche in der Arena von Pers- und Morteratschgletscher ein ungewöhnliches Konzert gaben. «Es war sehr emotional», sagt der Initiant ­Felix Keller.

Der Bündner Glaziologe liebt solche Inszenierungen. Seit Jahren macht er mit unkonventionellen Mitteln auf den Verlust der Gletscherwelt aufmerksam. Vor zwei Jahren war es die Idee, den Morteratschgletscher zu beschneien. Oder er lässt im Winter künstlich geformte grosse Eiskegel im Roseg- und im ­Morteratschtal bauen, nach dem Vorbild sogenannter Ice-Stupa im nordindischen Ladakh, wo die Bauern im Winter Wasser zwischenspeichern, um im trockenen Frühling die Felder bewässern zu können. Keller glaubt, die Bevölkerung sei immer noch zu wenig sensibilisiert.

Schnee verhindert Rekord

Dabei zeigen die Messdaten, dass der Klimawandel den Schweizer Gletschern seit den 1980er-Jahren zusetzt. «Schon die aktuelle globale Erwärmung um ein Grad sind für sie der Todesstoss», sagt Martin Hoelzle, Professor für Geowissenschaften an der Universität Freiburg.

Was das heisst, wurde diesen Sommer deutlich. Das Sommerhalbjahr von April bis September war das wärmste seit mehr als 150 Jahren. Die aktuellen Daten des Schweizer Gletschermessnetzes Glamos weisen einen extremen Eisverlust nach. «Nur der viele Schnee im Winter hat Schlimmeres verhindert», sagt Matthias Huss, Gletscherforscher an der ETH Zürich und der Universität Freiburg. Sonst wäre der Rekord des Hitzesommers 2003 gebrochen worden, ist der Leiter des Gletschermessnetzes sicher.

Im hydrologischen Jahr 2017/18, das jeweils am 1. Oktober beginnt, sind rund 1400 Millionen Kubikmeter Eis abgeschmolzen. Das ergeben die Hochrechnungen, die auf Messungen bei 20 Gletschern in allen Landesteilen basieren. Das noch vorhandene Gletschervolumen ist damit um weitere 2,5 bis 3 Prozent zurückgegangen. Insgesamt haben die Schweizer Gletscher in den vergangenen zehn Jahren ein Fünftel des Volumens verloren.

Der diesjährige Sommer zeigt, was es bedeutet, wenn das Eis weiter schmilzt und extreme Hitze und Trockenheit zur Normalität werden. Kleinere Flüsse und Bäche waren ausgetrocknet. «Die wasserreichen Flüsse hingegen führten Schmelzwasser von den Gletschern», sagt Martin Hoelzle. Das Eis gleicht einen Teil aus, wenn das Wasser knapp wird. «Schweizweit bedecken die Gletscher zwar nur rund 2,5 Prozent der Landesfläche, für die Abflüsse spielen sie aber eine wichtige Rolle», sagt Glaziologe Huss.

Er nennt das Beispiel der Rhone: In einem extrem trockenen Jahr stammt in Genf über die Hälfte des Wassers von den Gletschern. «Und das ist bis zur Einmündung ins Mittelmeer verfolgbar», sagt Huss. Fällt die Eisressource weg, dann hat das langfristig Folgen: Das Grundwasserreservoir für die Trinkwasserversorgung wird in manchen Gebieten weniger aufgefüllt, die Schifffahrt könnte zeitweise in grossen Flüssen wie dem Hochrhein eingeschränkt sein, die Temperatur des Flusswassers wird weiter steigen.

Der Vergleich vom 23.9.2010 und 23.6.2017 zeigt, in welch hohem Tempo der Rhonegletscher wegschmilzt. Foto: Simon Oberli, GletscherVergleiche.ch

Dass dabei manche Fauna und Flora der Gewässer unter Leidensdruck geraten, ist nur logisch. Da hilft auch ein Winter mit reichem Niederschlag nicht. Oberhalb von 2000 Meter Höhe sei Ende März immer noch doppelt so viel Schnee wie üblich gelegen, so die Expertenkommission für Kryosphärenmessnetze der Akademie der Naturwissenschaften. Es war die grösste Schneehöhe der letzten 20 Jahre. Doch in den warmen und trockenen Monaten April und Mai schmolz der Schnee – abgesehen vom südlichen Wallis – auf Normalwerte.

Kleiner Rest bleibt zurück

Die Konsequenz: Die Gletscher aperten trotz grosser Schneemenge im Winter nicht später aus. Es gab also bereits früh keine Isolationsschicht mehr, die vor den ungewöhnlich hohen Temperaturen schützte. Wird sich die Erde weiter erwärmen, bleibt gemäss Computermodellen der Klimaforscher Ende des Jahrhunderts noch ein Restbestand von 10 bis 20 Prozent des heutigen Gletschervolumens zurück. Eismassen oberhalb von 3500 Metern werden sich halten, kleinere Gletscher hingegen vollständig verschwunden sein.

Wie zum Beispiel der Pizolgletscher im Sarganserland. Er vertritt im Schweizer Messnetz die kleineren Exemplare, die zwar flächenmässig zweitrangig sind, aber 80 Prozent der Schweizer Gletscher ausmachen. Als Matthias Huss 2006 auf dem Pizolgletscher zu messen begann, war noch eine geschlossene Eismasse vorhanden. «Sie war stellenweise noch bis zu 45 Meter dick.» Seit dem vorletzten Jahr fällt der Gletscher vollkommen auseinander. «Es gibt noch einzelne Eisblöcke.»

Auch wenn wir es schaffen sollten, eine durchschnittliche globale Erwärmung um zwei Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit – so steht es im Pariser Klimaabkommen – zu verhindern, in der Schweiz würden die Sommertemperaturen dennoch im Durchschnitt um vier Grad steigen. «Treibhausgase reduzieren kommt billiger, als sich an die Veränderungen anzupassen», sagt der Freiburger Glaziologe Martin Hoelzle. Derzeit bleibt allerdings nur Letzteres, um kurzfristig zu reagieren. So werden in Skigebieten wichtige Passagen mit Folien abgedeckt, um das Abschmelzen zu verhindern. Oder es wird Winterschnee für die nächste Saison aufwendig isoliert und gespeichert.

«Ich habe gesehen, wie Menschen bereits heute in den trockenen Gebirgsregionen ihre Existenz durch den Gletscherverlust verloren haben.»Felix Keller, Glaziologe

Für grosse Rettungsaktionen hingegen ist der Handlungsspielraum eng. Das Vorhaben des Bündner Glaziologen Felix Keller gehört in die Kategorie visionäre Projekte. Den Morteratschgletscher zu beschneien, halten viele Experten für eine unsinnige Idee. Keller hat Respekt und ist optimistisch: «Ich glaube an die Machbarkeit. Noch viel mehr glaube ich an die Notwendigkeit.» Er kann sich vorstellen, das Know-how zu exportieren, falls das Vorhaben kostengünstig realisierbar ist. Er denkt an Staaten im Himalaja oder in den Anden. «Ich habe gesehen, wie Menschen bereits heute in den trockenen Gebirgsregionen ihre Existenz durch den Gletscherverlust verloren haben.»

Falsches Signal?

Dass es technisch funktioniert, ist unter Fachleuten unbestritten. Ein Schneedeckel auf der Gletscheroberfläche reflektiert nicht nur die Sonnenstrahlung, er vernichtet vor allem Wärme durch Schmelzen des Schnees. Die Herausforderung ist allerdings: Wie beschneit man eine 650'000 Quadratmeter grosse Gletscherfläche in einem Gebiet zwischen 2300 und 2500 Meter über Meer, wo es keine Infrastruktur gibt?

Ein Beschneiungssystem, das praktisch ohne Energieaufwand beschneien kann, existiert bereits. Die Verteilung ist allerdings ein Problem. Keller stellt sich Beschneiungsleitungen vor, die über den Gletscher von Fels zu Fels gespannt sind. Das Wasser für die Schneeproduktion soll von einem kleinen See oberhalb des Persgletschers kommen.

Für den Glaziologen Matthias Huss ist das Projekt zweifellos technisch machbar, persönlich macht es für ihn aber keinen Sinn. «Das wird jedes Jahr Millionen kosten, wenn das jemand bezahlt, kann man das machen.» Die Beschneiungsfläche hält er jedoch nach seinen Berechnungen für viel zu klein. Auch der Freiburger Gletscherforscher Martin Hoelzle ist grundsätzlich skeptisch. «Erst muss alles nochmals wissenschaftlich sauber durchgerechnet werden.»

Die Vision Morteratsch erhält jedenfalls die Diskussion um die schon fast aufgegebenen Gletscher aufrecht. Matthias Huss hofft nur, dass sie kein falsches Signal an die Bevölkerung aussendet – nämlich, dass die Gletscherschmelze mit technischer Hilfe zu stoppen sei.

Erstellt: 22.10.2018, 08:46 Uhr

Artikel zum Thema

«Viele kleine Gletscher zerfallen richtiggehend»

Die Gletscher haben erneut an Eisvolumen eingebüsst. Es hätte aber noch viel schlimmer kommen können. Mehr...

Wo Frauen im ewigen Eis an ihre Grenzen gehen

Reportage Im Gletscher-Erlebniscamp der Forscherin Marijke Habermann lernen junge Frauen den kreativen Zugang zur Natur – ganz ohne Handys und Jungs. Mehr...

Veränderung Eisvolumen

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...