Es geht auch ohne Chemie-Hammer

Maisanbau ohne Glyphosat: ETH-Simulation fördert überraschende Ergebnisse zu Tage.

Mit Glyphosat können die Bauern einen Acker schnell und günstig von allem Unkraut befreien. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

Mit Glyphosat können die Bauern einen Acker schnell und günstig von allem Unkraut befreien. Foto: Sean Gallup (Getty Images)

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Was sich Landwirte bisher kaum vorzustellen wagten, scheint nach der immer noch ungelösten Zulassungsfrage in der EU doch möglich zu werden: ein Verbot des umstrittenen Unkrautvertilgungsmittels Glyphosat. Der Agrarökonom Robert Finger von der ETH Zürich hat nun in einem Modell simuliert, wie sich ein Bann des Herbizides auf die Landwirtschaft auswirken würde. Sein Befund ist klar. Die Ertragseinbussen wären gering, zumindest gilt dies für das von Finger untersuchte Szenario, den Silomaisanbau im Westen Deutschlands. Nach dem erfolgreichen Testlauf möchten die Forscher ab Januar 2018 auch den Weizenanbau in der Schweiz prüfen.

Finger leitet seit 2016 die Gruppe für Agrarökonomie und -politik an der ETH, bei der die ökonomischen und ökologischen Zusammenhänge der Landwirtschaft im Zentrum stehen. Nebenbei schreibt er mit anderen Fachleuten regelmässig im Agrarpolitik-Blog über seine Forschungsergebnisse.

Glyphosat ist ein Wundermittel für die Landwirte, ein Breitbandherbizid, das allen Unkräutern radikal den Garaus macht. Es ist billig, einfach einzusetzen, erleichtert die Bodenbearbeitung und vergünstigt so die Lebensmittel. Dementsprechend ist der Verbrauch in den vergangenen 20 Jahren weltweit stark angestiegen (siehe Grafik). Mit zum weltweiten Boom beigetragen haben Gentechpflanzen, die gegen das Herbizid resistent sind.

Grafik: Glyphosat-Verbrauch weltweit Grafik vergrössern

Auf der anderen Seite steht ein mögliches Risiko für die Konsumenten, nachdem Forscher das Mittel als «wahrscheinlich krebserregend» eingestuft haben. Die Erkenntnisse sind jedoch wissenschaftlich umstritten. Auch schädliche Auswirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt werden diskutiert. Die EU-Kommission ringt noch immer um einen Entscheid über die Neuzulassung des Wirkstoffes. Frankreich hat sogar angekündigt, Glyphosat auch ohne Zustimmung der EU im Alleingang zu verbieten.

Nun ist bereits der Streit um die Folgen eines Glyphosat-Verbots ausgebrochen. Die Landwirte malen den Teufel an die Wand. Experten sprechen von Mehrkosten von 500 Millionen Euro im Jahr und einem drastischen Anstieg des Arbeitsaufwandes von 18 Millionen Stunden. Auch der Dieselverbrauch und die CO2-Emissionen würden ansteigen, da die Bauern ohne den Einsatz des chemischen Hammers wieder mehr jäten und pflügen müssten.

Bioökonomisches Modell

Robert Finger ist skeptisch: «Viele der Studien basieren auf Experteneinschätzungen, die hochgerechnet werden. Das geht immer ganz schnell mit den Zahlen.» Allerdings gebe es bisher nicht viele Untersuchungen, welche die effektiven Folgen eines Glyphosat-Verbotes wissenschaftlich fundiert abschätzten.

Genau dies haben die Agrarökonomen um Finger und seine Kollegen der Universität Bonn gemacht. «In unserem bioökonomischen Modell können wir den Herbizideinsatz, alternative Unkrautbekämpfungsstrategien sowie die Politikszenarien in der Landwirtschaft simulieren», so Finger. Die Forscher haben den Anbau von Silomais in 377 Gemeinden in Nordrhein-Westfalen untersucht. «Silomais ist einerseits eine wichtige Kulturpflanze, andererseits werden beim Maisanbau praktisch nur Herbizide eingesetzt und keine anderen Pflanzenschutzmittel», begründet er die Wahl. Der Mais ist also so etwas wie ein Prüfstein für eine Ära ohne Glyphosat.

Das Modell zeigt, dass die Landwirte kaum auf andere Mittel umsteigen.

Das Modell geht tief ins Detail und kann zum Beispiel die von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich häufigen Unkräuter abbilden. Grundlage waren einerseits einschlägig bekannte Datenbanken wie Floraweb, statistische Angaben etwa zum aktuellen Pestizidverbrauch oder auch Expertenbefragungen zum Beispiel hinsichtlich Unkrautbekämpfungsstrategien. «Mit dem Modell haben wir getestet, welche Anbaustrategien die Landwirte unter welchen Bedingungen wählen, wenn das Glyphosat verboten wäre», erklärt Finger.

Glyphosat wird vor allem für die Direktsaat und schonende Bodenbearbeitung verwendet. Vor der Aussaat wird ein Feld mit dem Herbizid behandelt; damit werden ausnahmslos alle Unkräuter vernichtet. Das Pflügen wird so überflüssig, der Mais kann durch Direktsaat aufs Feld gebracht werden. Fällt das Glyphosat weg, bleibt als Alternative nur eine intensivere mechanische Bodenbearbeitung – also Pflug, Egge, Grubber oder das Jäten, was natürlich mehr Traktorfahrten und Dieselverbrauch zur Folge hätte. Diese Mehrkosten werden gemäss dem Modell jedoch durch Einsparungen bei der Aussaat kompensiert. Die durchschnittlichen Ertragseinbussen bei einem Verzicht auf Glyphosat belaufen sich dabei auf nur 0,5 bis 1 Prozent. Der Deckungsbeitrag pro Hektare, eine Art flächenbezogener Nettogewinn, würde durchschnittlich um ein bis zwei Euro tiefer ausfallen. Erstaunlicherweise zeigt das Modell auch, dass die Landwirte kaum auf andere Herbizide umsteigen würden, die möglicherweise schädlicher für die Umwelt sind.

«Im Vergleich mit früheren Studien hat sich gezeigt, dass die Kosten eines Glyphosat-Verbotes bisher überschätzt wurden», sagt Robert Finger, der die Resultate im Fachblatt «Ecological Economics» veröffentlicht hat. Der Agrarökonom schränkt jedoch ein, dass die Resultate nicht einfach auf andere Kulturen oder Regionen umgesetzt werden können, da die örtlichen Bedingungen entscheidend sein können.

Alternativen zum Verbot

In einem nächsten Schritt möchten Finger und seine Mitarbeiter nun weitere Faktoren berücksichtigen. Was bedeutet der Glyphosat-Verzicht für die CO2-Emissionen? Da das Pflügen einen Einfluss auf die Bodenerosion hat, soll auch dieser Faktor berechnet werden. Und nicht zuletzt möchten die Forscher die Umwelteinwirkungen quantifizieren, wofür die toxikologischen Eigenschaften der eingesetzten Pestizide berücksichtigt werden müssen. Im nächsten Jahr sollen mit dem Modell dann andere Kulturen getestet werden, unter anderem der Weizenanbau in der Schweiz. Dieses Projekt wird von der ETH Foundation unterstützt und ist besonders aktuell, weil die Bauernvereinigung IP Suisse vor kurzem bekannt gegeben hat, dass seine Mitglieder künftig auf die Verwendung von Glyphosat verzichten werden.

«Dass es ohne Glyphosat geht, ist gar nicht mehr die Frage», sagt Finger. Entscheidend sei, welche Folgen der Verzicht auf die Kosten, die Erträge oder auf die Umwelt habe. «In unserem Fall hat sich gezeigt, dass die Mehrkosten relativ tief sind, weil die Landwirte ihre Strategie anpassen.» Trotzdem ist er als Ökonom gegen ein Verbot. «Dadurch verbaut man sich auch immer Handlungsoptionen», sagt Finger. Besser wäre es, den Verbrauch über den Preis zu lenken. Würde zum Beispiel das Herbizid teuer, würden andere Strategien, die umweltfreundlicher sind, plötzlich attraktiver. Nicht zuletzt könnten damit neue Technologien, die noch nicht marktreif sind, gefördert werden. «Hier gibt es noch ganz viel Spielraum jenseits von einem Totalverbot», sagt Finger.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2017, 17:04 Uhr

EU-Zulassung

Für die Schweiz heisst es abwarten

Die EU hat am vergangenen Donnerstag den Entscheid über eine Neuzulassung von Glyphosat erneut vertagt. Für eine Erneuerung hatten sich 14 Staaten ausgesprochen, 9 Staaten waren dagegen – darunter Frankreich. Fünf Staaten enthielten sich der Stimme, unter anderem Deutschland. Nötig wäre ein Beschluss von mindestens 16 Staaten, die 65 Prozent repräsentieren müssten. Die Zeit drängt, denn die Zulassung läuft am 15. Dezember ab.

Das Unkrautvertilgungsmittel, das 1974 von Monsanto auf den Markt gebracht wurde und dessen Absatz in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist, ist heute umstritten. Umweltaktivisten verlangen ein Verbot, weil die Internationale Agentur für Krebsforschung (IARC) der Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Herbizid 2015 nach Fütterungsversuchen mit Nagern als «wahrscheinlich krebserregend» eingestuft hat. Laut Experten der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) besteht jedoch kein Risiko für die Menschen, weil die entsprechenden Grenzwerte etwa durch Rückstände in Nahrungsmitteln bei weitem nicht erreicht würden. Kritiker werfen der Behörde jedoch eine zu grosse Nähe zur Industrie vor.

Ein negativer Entscheid der EU hätte auch einen Einfluss auf die Schweiz, wo das Herbizid zugelassen ist. Laut Olivier Félix, Leiter des Fachbereichs Nachhaltiger Pflanzenschutz beim Bundesamt für Landwirtschaft (BLW), ist die Schweiz zwar nicht verpflichtet, den Entscheid nachzuvollziehen. Je nach Begründung des EU-Entscheids müsste die Zulassung der Glyphosat-Produkte aber neu überprüft werden, das heisst, dass die Behörde anhand der vorliegenden Erkenntnisse und Studien herausfinden müsste, ob das Produkt die Anforderungen für eine Zulassung weiterhin erfüllt.

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