Soll ich meinen Hund jetzt vegetarisch ernähren?

Immer mehr Tierhalter verzichten nicht nur bei sich, sondern auch beim Futter für ihren Vierbeiner auf Fleisch. Doch Experten sehen vegetarische Hunde kritisch.

Hunde sind Fleischfresser, manche goutieren gelegentlich aber auch Gemüse. Foto: Tim Platt

Hunde sind Fleischfresser, manche goutieren gelegentlich aber auch Gemüse. Foto: Tim Platt

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Als sprichwörtlich beste Freunde des Menschen folgen Hunde vielen Trends, mit denen sich ihre Halter beschäftigen. Dazu gehört, dass ein Hund nicht einfach mehr irgendetwas zu fressen bekommt. Stattdessen sucht ein wachsender Anteil der Hundebesitzer nach einem ausgeklügelten Ernährungskonzept fürs Tier. Darüber, was in seinen Napf gehört und was auf keinen Fall hineinsollte, wird ebenso engagiert – und oft ideologisch aufgeladen – diskutiert wie über die menschliche Ernährung. Und immer häufiger bedeutet das für den Canis lupus familiaris: Verzicht auf Fleisch. Der Hund soll zum Vegetarier werden – oder gar zum Veganer, also zum vollständig tierfrei lebenden Tier.

Meist stecken ethische Bedenken hinter dieser Entscheidung von Frauchen oder Herrchen, wie schon 2014 eine Untersuchung der Veterinärmedizinischen Universität Wien gezeigt hat. Demnach bringt vor allem die Sorge um das Klima und das Wohl der Nutztiere manche Hundehalter dazu, nicht nur selbst auf Schinken und Schnitzel zu verzichten, sondern auch ihre Hunde auf komplett fleischloses Futter umzustellen. «Ich habe den Eindruck, dass das Interesse daran wächst», bestätigt die Tierärztin Britta Dobenecker vom Lehrstuhl für Tierernährung der Universität München die Ergebnisse. Ihrer Erfahrung nach verlaufen die Vorlieben in der Hundefütterung oft parallel mit den Trends der menschlichen Ernährung. Dass eine strikt vegane Kost ohne Ei und Milch für Hunde geeignet wäre, wie manche Hundebesitzer glauben, dem widerspricht Dobenecker jedoch: «Dann wäre wohl ein Haustier wie ein Kaninchen, das sich ohnehin vegan ernährt, die bessere Wahl.»

Biologisch an die Ernährung des Menschen angepasst

Wie aber steht es um eine fleischlose Kost, die zumindest Milchprodukte und Hühnereier enthält? Das Fazit der Experten fällt nicht völlig ablehnend, aber deutlich zurückhaltend aus. «Eine wachsende Zahl von Studien und Fallberichten deutet darauf hin, dass Hunde mit vegetarischer Ernährung gesund bleiben können», schreiben Andrew Knight und Madelaine Leitsberger von der University of Winchester in einer Übersichtsarbeit im Fachjournal «Animals».

«Viele Hundehalter kochen das Futter für ihre Schützlinge selbst. Damit tun sie ihnen aber keinen Gefallen.»

Allerdings müsse die ausreichende Versorgung mit allen Nährstoffen sichergestellt sein, und das ist mit vegetarischem Futter weitaus schwieriger und aufwendiger als mit Fleisch. In jedem Fall empfehlen die Autoren regelmässige tierärztliche Kontrollen. Auch die Münchner Veterinärmedizinerin Doben­ecker hält eine gesunde vegetarische Hundekost nicht für unmöglich, aber auch nicht für ratsam. «Ich frage mich, ob es unbedingt nötig ist, das auszuprobieren. Der Halter muss sich dann jedenfalls viel mehr Gedanken machen.»

Dass eine fleischlose Ernährung für die von Raubtieren abstammenden Hunde überhaupt infrage kommt, hat mit ihrer Nähe zum Menschen zu tun. Die Domestikation hat physiologische Spuren hinterlassen, der Verdauungsapparat des Hundes arbeitet anders als der eines Wolfs. So stellt Stärke einen wesentlichen Bestandteil der menschlichen Ernährung dar, und Hunde können sie viel besser verdauen als ihre wild lebenden Vorfahren. Das haben genetische Analysen gezeigt, die 2013 im Wissenschaftsjournal «Nature» veröffentlicht wurden. «Der Hund ist ein Fleischfresser mit Tendenz zum Allesfresser», sagt Dobenecker. Darin unterscheidet er sich von Hauskatzen, welche trotz ihrer Domestikation reine Fleischfresser geblieben sind und eine vegetarische Ernährung deshalb keinesfalls vertragen.

Hunde hingegen können von vegetarischer Kost in manchen Fällen vielleicht sogar profitieren. Fraglich bleibt allerdings, welche abschliessenden Aussagen sich aus bisherigen Studien zum Thema ableiten lassen, es wurden jeweils nur recht wenige Tiere eingeschlossen. Zudem zeitigt der Vegetarismus bei den Haustierhaltern möglicherweise einen Placeboeffekt: Wer davon überzeugt ist, dass fleischloses Futter seinem Hund besser bekommt, auf den wirkt das Fell des Tieres womöglich dichter und glänzender.

Nicht alle Hunde goutieren das vegetarische Menü

In jedem Fall bleibt es eine mit viel Aufwand verbundene Gratwanderung, einen Hund fleischlos und trotzdem gesund zu ernähren, zumal die Tiere Er­nährungsfehler weniger gut wegstecken als der Mensch. Kritische Punkte betreffen zum Beispiel die Versorgung mit genügend hochwertigem Eiweiss und speziellen Fettsäuren, mit Kalzium, Vitamin A und D sowie essenziellen Aminosäuren. Dabei genügt es nicht, aus Tabellen die jeweiligen Werte eines Lebensmittels zusammenzusuchen und die Nahrung entsprechend zusammenzusetzen. Denn in vielen Fällen können Hunde Nährstoffe aus pflanzlichen Quellen schlechter verwerten als aus tierischen. Hinzu kommen mögliche Wechselwirkungen zwischen Zutaten, die es für die Nährstoffversorgung zu berücksichtigen gilt. Leidet der Hund unter Fehlernährung, zeigen sich die Folgen verzögert als Schlappheit oder Neigung zu Infekten. Auch Knochen, die schon bei leichter Beanspruchung brechen, können eine Folge unpassend zusammengesetzter Nährstoffe sein.

Besonders schwierig ist die richtige Zusammenstellung, wenn man auf Fertigfutter verzichten möchte. Dieses gibt es inzwischen sogar in vegetarischer Form – wobei auch in den konventionellen Varianten oft bereits pflanzliche Bestandteile enthalten sind. Doch viele Hundebesitzer halten Selbstgekochtes für die bessere Option. Dabei sei gerade dann die Gefahr einer schlechten Zusammensetzung besonders gross, warnt Tier­ärztin Dobenecker. Auch wenn Fertigfutter keine Garantie für eine gesunde Ernährung biete, so fänden sich unter den zahlreichen Angeboten doch viele mit guter Qualität.

Abgesehen von allen ernährungsphysiologischen Weisheiten, spielt aber noch etwas ganz anderes eine Rolle: Mag mein Tier, was ich ihm serviere? Um ihm vegetarische Kost schmackhaft zu machen, sollte man das Futter nur sehr behutsam umstellen. Doch selbst dann lässt sich nicht jeder Hund auf fleischlose Mahlzeiten ein. Und nichts wäre gewonnen, wenn das Tier zu Hause das fleischlose Futter verschmäht – dafür aber vielleicht aus dem nächsten Mülleimer ein weggeworfenes Wurstsandwich räubert.

Erstellt: 30.08.2019, 20:32 Uhr

Artikel zum Thema

Wie gut schmeckt Hundefutter wirklich?

Kolumne Tierfutterverkäufer werben damit, dass sie die Nahrung für ihren Liebling ausgiebig vor­gekostet haben. Was ist da dran? Mehr...

Haustiere als Klimasünder

Hunde und Katzen verbrauchen in den USA so viele Kalorien wie ein Fünftel der amerikanischen Bevölkerung. Vor allem der hohe Fleischgehalt im Tierfutter belastet die Umwelt. Mehr...

Der Vegi-Hund, kommt das gut?

Die Meinungen über die vegane Ernährung für Tiere gehen auseinander, und sie werden ziemlich emotional bis unsachlich dargelegt. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...