Werbespot für Insekten

Beat Wermelinger kann nur schwer nachvollziehen, dass sich viele Menschen vor Insekten ekeln. Deshalb zeigt er nun, wie vielfältig, nützlich – und auch schön sie sind.

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Beat Wermelinger spricht von «Raffinesse und Schönheit», wo sich andern beim Anblick eines Käfers oder einer Fliege die Haare sträuben. Er bewundert sogar Blattläuse. Wermelinger ist mit Herz und Seele Insektenforscher und leitet an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf die Forschungsgruppe Waldentomologie. Seit 25 Jahren beschäftigt er sich intensiv mit Waldinsekten. Dieses Wissen und eine Auswahl seiner 14'000 Insektenfotos sind Inhalt eines eben erschienenen Buchs. Es soll insbesondere Laien die faszinierende Welt der Waldinsekten näherbringen.

Verteidiger der Insekten

Wermelinger steckt voller Geschichten. Zum Beispiel diejenige über die Fortpflanzungsstrategie von Blattläusen: Viele praktizieren die Jungfernzeugung, wechseln im Verlauf des Jahres die Wirtspflanze, um für die Eiproduktion eine möglichst stickstoffreiche Umgebung zu haben – früh im Jahr wählen sie Holziges, dann wechseln sie zu Krautigem. Und sie gehören zu den ganz wenigen Insekten, die auch lebendgebärend sind. «Ich finde das faszinierend», sagt er. «Und doch mögen die meisten Menschen Blattläuse überhaupt nicht.» Blattläuse gelten neben dem Borkenkäfer als Inbegriff für Schädlinge. Dazu kommen die Plagegeister: Mücken, Fliegen, Wespen. «Das sind Kategorien des Menschen», sagt der Entomologe. Er stellt dagegen Vielfalt, Funktion und Bedeutung von Insekten in den Vordergrund.

«Schädling oder Nützling ist Menschensicht», findet Wermelinger, der international zu den besten Kennern von Borkenkäfern gehört. Will er uns weismachen, dass Borkenkäfer auch ihr Gutes haben? Er beschönigt nichts – beschreibt eindrücklich, was der massenhafte Befall durch die Borkenkäferart Buchdrucker anrichtet. Doch auch das ist Ansichtssache: Diese Käfer leiten den Abbau von abgestorbenen Bäumen ein. Und für die Lanzenfliege ist der Borkenkäfer ein gefundenes Fressen.

Auch Blattläuse haben natürliche Feinde, so etwa den Blattlauslöwen, der es an Raffinesse mit seinem Futter aufnimmt: Seine Flügel imitieren ein dürres Laubblatt; fliegt die Tarnung trotzdem auf, lässt er sich zu Boden fallen, zieht die Beine ein und gleicht aufs Haar einem Buchennüsschen.

Gegen Eiter und für Potenz

Dass Waldameisen gut für den Waldboden sind, dass die Insekten eine wesentliche Rolle bei der Bestäubung der Pflanzen spielen, dass Bienen Honig liefern, erfährt man schon in der Primarschule. Weniger bekannt ist, dass es medizinische Nutzinsekten gibt: So können etwa die Larven der Goldfliege zur Wundbehandlung eingesetzt werden. Sie putzen das eiternde und faulende Gewebe weg, was bei der um sich greifenden Antibiotika-Resistenz an Bedeutung gewinnt. Oder die Spanische Fliege – sie ist in lichten Wäldern oder an Waldrändern anzutreffen und ist einschlägig bekannt: als potenzsteigernd. Ihr hochpotentes Gift Cantharidin fördert stark verdünnt die Durchblutung, hilft gegen Rheuma und Nierenbeschwerden, und es hatte eben den Ruf eines Aphrodisiakums – mit zuweilen tödlichem Ausgang bei über­bordender Dosierung.

Schildlaus im Campari Soda

Die Produkte mancher Insekten sind gar von wirtschaftlicher Bedeutung: Die Kokons des Maulbeerspinners machten einst auch Zürcher Familien steinreich, Schildläuse liefern Farbstoffe und Lacke. So stammte bis 2006 die rote Farbe des Campari-Drinks von der Kermes-Schildlaus. Und manche Insekten sind einfach gut fürs Gemüt, weil sie so schön sind – findet zumindest Wermelinger. So etwa der bedrohte und schillernde Bunte Kirschbaum-Prachtkäfer, der sich unter der Rinde absterbender Äste und Stämme von Kirschbäumen entwickelt.

Oder der blau-graue Alpenbock – er gehört zu den Favoriten des WSL-Forschers, der auch Vorlesungen an der ETH Zürich gibt. Die schönsten Insekten seien für ihn jene, nach denen er lange suchen musste, bis er sie das erste Mal leibhaftig sah. Der in ganz Europa geschützte Alpenbock hat es gar geschafft, den ansonsten sehr geerdeten Entomologen aus dem Konzept zu bringen. Lange hatte er gezielt, aber vergeblich nach einem Alpenbock gesucht. Doch als er mit Familie auf der Suche nach einem anderen seltenen Insekt im Wald unterwegs war, landete ein Alpenbock auf der Hose seines Sohnes. Man stelle sich die Hektik vor, bis Wermelinger seine Kamera in Position gebracht hatte.

Ein weiterer Nutzen von Insekten wird vermehrt thematisiert: Insekten als Nahrungsmittel. «Das hat in Europa zwar keine Tradition, aber weltweit werden 2000 Insektenarten gegessen», sagt Wermelinger. Er führt aus, dass dies aus ökologischen Gründen durchaus begrüssenswert sei, da Insekten auf effiziente Art Eiweiss liefern und sich gut und umweltschonend züchten lassen. Hat er selbst schon Insekten probiert? Zu Beginn seiner Forschung über Borkenkäfer habe er einmal Borkenkäferlarven gegessen, erzählt er. «Allerdings zusammen mit einem Glas Wein.»

Beat Wermelinger: Insekten im Wald – Vielfalt, Funktionen und Bedeutung. Birmensdorf WSL, Hauptverlag 2017, 49.90 Fr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.03.2017, 16:49 Uhr

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