«Wir finden auch Königspythons»

In Genf wird über den Artenschutz konferiert, derweil der Handel mit verbotenen Pflanzen und Tieren boomt. Experte Mathias Lörtscher über bizarre Funde beim Zoll.

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Herr Lörtscher, 2018 hat der Schweizer Zoll 747 Sendungen entdeckt, die gegen dasWashingtoner Artenschutz­abkommen Cites verstossen. Wie erklären Sie sich die ­Zunahme um fast ein Viertel im Vergleich zu 2017?
Der Schweizer Zoll hat jetzt auch den Artenschutz als Priorität eingestuft. Er kontrolliert mehr und findet auch mehr verbotene Pflanzen- und Tierarten. Darunter sind Mitbringsel von Touristen wie etwa Korallen, Muscheln oder Dufthölzer. Und dann gibt es Leute, die in einer Flasche mit Alkohol eine kleine Kobra und einen Skorpion als Souvenir mit nach Hause nehmen. Das verstehe ich überhaupt nicht. Sehr gestört hat mich, dass jemand versuchte, einen Affenschädel zu importieren, der ­innen mit Silber beschlagen war – vermutlich, um dort ein gewisses weisses Pulver reinzutun.

Werden auch lebende Tiere irgendwo versteckt?
Regelmässig finden wir auch Einzeltiere wie etwa eine Königspython, Echsen oder Landschildkröten. Manchmal nähen sich Reisende kleine Säckchen aus Stoff in die Jacke oder Hose, worin sie Tiere schmuggeln. Leider gibt es dies auch im grossen Stil. Vor ein paar Jahren haben wir in einem Koffer 261 Exemplare von Vogelspinnen an der Schweizer Grenze beschlagnahmt, die aus der Dominikanischen Republik kamen. Sie wurden in entsetzlichen Verhältnissen gehalten, zusammengedrückt in Plastikbeuteln. Ohne Respekt für das Tier.

Was passierte mit den Spinnen?
Es war nicht so leicht, einen Platz für sie zu finden. Einige sind in Zoos untergekommen, andere schliesslich bei Privatpersonen. In diesen Fällen mussten wir ­jeweils kontrollieren, ob sie dort gut gehalten werden. Der Aufwand dafür war enorm.

Vor kurzem wurden an den Flughäfen Genf und Zürich 210'000 Glasaale konfisziert. Gab es das schon einmal?
Es war ausserordentlich. Die in Zürich beschlagnahmten Baby-Aale waren in sechs Koffern verteilt, um sie in Plastiksäcken nach Asien zu schleusen. Dort gelten sowohl die jungen sowie auch adulten Tiere als Delikatesse. Doch die Fischart ist vom Aussterben bedroht. Der Verkauf der Glasaale, die in Zuchtanstalten dann noch weiter gemästet werden, ist ein lukratives Geschäft. Ein Kilogramm von ihnen ist später, wenn die Tiere ausgewachsen sind, rund eine Million Dollar wert. Das ist mehr als eine entsprechende Menge an Kokain.

Das am meisten geschmuggelte Säugetier der Welt ist das Schuppentier.Mathias Lörtscher

Nach dem Coup an der Grenze wurden Zehntausende Aale im Murtensee und im Rhein ­ausgesetzt. Verändert sich dadurch kurzfristig das ökologische Gleichgewicht?
Nein, Aale kommen dort ja auch natürlich vor. Allerdings wird der grösste Teil nicht überleben und als Fischfutter enden. Das liegt in der Natur der Sache. Hätten wir mehr Zeit gehabt, hätten wir sie lieber in ein anderes Flusssystem gebracht, wo sie als ausgewachsene Tiere auch einfacher wieder hätten abwandern können.

Wie wurden die Täter bestraft?
Kuriere sind oft arme Menschen, die die Risikoarbeit machen. Sie mussten eine Busse ­zahlen und wurden wieder freigelassen. Doch wir konnten in Genf auch zwei der Hintermänner erwischen, gegen die jetzt ein Haftantrag hängig ist. Die internationale Zusammenarbeit hat in diesem Fall sehr gut funktioniert, sodass wir dem Händlerring auf die Spur gekommen sind.

An der Artenschutzkonferenz in Genf wird der ­kontrollierte Handel mit ­Elfenbein erneut diskutiert. Ein Rückschritt?
Die Staaten im südlichen Afrika, wo die Population der Elefanten mittlerweile stabil und zum Teil zunehmend ist, wollen den Schutz lockern. Auf diese Weise können diese Länder durch den Verkauf der Stosszähne Geld verdienen und damit die Schutz­bemühungen besser finanzieren. Doch andere Länder sind strikt dagegen, weil es bei ihnen deutlich weniger Elefanten als früher gibt. Gemäss einer wissenschaftlichen Untersuchung von Cites nimmt die Wilderei kontinuierlich ab, liegt aber immer noch zu hoch. Doch einige zweifeln die Resultate dieses «Monitoring the Illegal Killing of Elephants» an.

Mathias Lörtscher: Der Präsident des Cites-Tierkomitees arbeitet beim Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen.

China hat 2018 den Import von Elfenbein verboten. Ist dies schon spürbar?
Es ist noch zu früh, um Auswirkungen zu sehen. Wenn die Nachfrage nach Elfenbein in China sinkt, macht sich dies mittelfristig sicher bemerkbar. Doch Wilderer haben auch Lager angelegt und versuchen, es weiter ins Land zu schmuggeln.

Warum setzt sich die Schweiz anstatt für die bekannten Giganten wie Elefant, Nashorn oder Haifisch für die Kleinen ein, die marinen Zierfische?
Die Grossen werden öffentlich immer zuerst wahrgenommen, weil sie jeder kennt. Doch die Kleinen machen die grosse ­Masse der über 37'000 bei Cites aufgelistet Tier- und Pflanzenarten aus. Dazu kommen aber auch ­noch weitere Arten, die nicht von Cites betroffen sind wie Clown-, Doktor- oder Lippfische, die dann per Luftfracht etwa aus Indonesien nach Europa kommen und hierzulande in den Aquarien landen. Hier fordert die Schweiz, dass sich Cites auch mit diesen Tieren intensiv auseinandersetzt.

Wie viele sind das?
Wissenschaftler gehen davon aus, dass weltweit zwischen 25 und 40 Millionen Exemplare pro Jahr gehandelt werden. Nur ein paar Dutzend von insgesamt über 2000 gehandelten Arten lassen sich züchten, der Rest ist alles Wildfang. Wir wollen nun erstmals herausfinden, ob diese Fänge auch nachhaltig sind. Bisher sind nur sehr wenige marine Zierfische bei Cites gelistet.

Die Schweiz gilt aufgrund ihrer Uhren- und Luxusindustrie als internationale Drehscheibe für den Handel von Reptilienleder. Ist dieser denn nachhaltig?
Wir stellen jedes Jahr rund 115'000 Ausfuhrbewilligungen für Reptillederwaren aus. Der grösste Teil davon ist für Produkte aus dem Leder des Amerikanischen Alligators. Die Nutzung dieser Art ist eine Erfolgsstory, weil durch das nachhaltige Management auch andere in den Sümpfen lebende Arten wie Wasservögel profitieren. Dagegen machte der Handel mit Schlangenleder aus Indonesien im Jahr 2010 negative Schlagzeilen: Die «Rundschau» zeigte, wie Pythons getötet, am Kopf aufgehängt und mit einem Wasserschlauch gefüllt wurden, um danach die Haut abgezogen zu erhalten. Das waren sehr unschöne Bilder.

Auf einem Markt in Asien bietet ein Händler die Haut eines Schuppentiers sowie noch andere exotische Ware an. Foto: Getty Images

Hat sich nun etwas geändert?
Unter Führung der Schweiz hat die Weltorganisation für Tier­gesundheit kürzlich Empfehlungen zum tiergerechten Töten von Reptilien verabschiedet. Zuvor haben in den Herkunftsländern Indonesien, Malaysia und Vietnam dazu bereits Schulungen stattgefunden. Dies ist wichtig, da die exportierten Mengen gross sind. Allein in Indonesien, wo alles nur Wildfänge sind, werden jährlich 120'000 Häute pro Jahr ins Ausland verkauft. Wir importieren in die Schweiz nicht ganze Häute, sondern fertige ­Pythonprodukte wie Schuhe, ­Taschen oder Gürtel.

Hat die Schweiz deshalb auch eine besondere Verantwortung?
Das ist sicher so. Darum auch unsere Anstrengungen bezüglich tiergerechter Schlachtungsempfehlungen. Zu uns kommen auch Lederwaren der Gelben Anaconda, der grössten in Argentinien vorkommenden Schlange. Um sie vor der Ausrottung zu schützen, hat das Land den Handel für ein paar Jahre eingestellt und erst wieder aufgenommen, als wissenschaftlich eindeutig klar war, dass sich der Bestand erholt hatte. Nun darf die lokale Bevölkerung die vier bis fünf Meter lange Schlange wieder jagen und hat durch den Verkauf der Häute ein Einkommen.

Welcher Warenimport ist bei uns strengstens verboten?
Zum Beispiel die Schals aus der Shahtoosh-Wolle der Tibet­antilopen. In den vergangenen vier Jahren wurden insgesamt 208 Schals vom Schweizer Zoll konfisziert. Für die Herstellung eines solchen Schals müssen drei bis fünf Antilopen illegal getötet werden, da die auf 5000 Meter Höhe lebenden Tiere für die Schur nicht domestiziert werden können. Die Antilopenart ist nun vom Aussterben bedroht, weil ihr Bestand innerhalb eines Jahrhunderts um 90 Prozent ­zurückging. Ein solcher Schal kann bis zu 30'000 Franken kosten, günstigere Varianten immer noch 1500 Franken.

Ist Asien in Sachen Artenschutz häufig der Sündenbock?
Illegaler Handel ist ein weltumfassendes Geschäft. Asien gilt dabei aber schon als grosser Markt. Das am meisten geschmuggelte Säugetier der Welt, das Schuppentier, ist vor allem in China und Vietnam eine Delikatesse, seine Schuppen werden dort als Medizin genutzt. Gemäss Schätzungen werden jährlich eine Million Schuppentiere gewildert. Aber die Europäer inklusive uns Schweizern sind mit dem exotischen Terrarienhandel nicht viel besser, was den Artenschutz betrifft. Einige Sammler schleppen seltene und bedrohte Echsen- und Schlangenarten ein. Für die Konferenz bedeutet dies, dass es nicht reicht, eine Art in die Liste aufzunehmen, sodass alle happy sind. Jeder muss in seinem Land etwas tun, seine Hausaufgaben machen, um die Arten effizient zu schützen.

Erstellt: 16.08.2019, 11:28 Uhr

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