«Wir sind oft zu technikgläubig»

Der Hydrologe Daniel Farinotti erklärt, wie wir gegen das Abschmelzen von Gletschern vorgehen könnten.

Gehört zu den Schweizer Gletschern, die am stärksten abschmelzen: der Triftgletscher im Sustengebiet 2004 und 2005. Foto: Keystone (VAW ETH Zürich)

Gehört zu den Schweizer Gletschern, die am stärksten abschmelzen: der Triftgletscher im Sustengebiet 2004 und 2005. Foto: Keystone (VAW ETH Zürich)

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In der Schweiz ist es seit der vorindustriellen Zeit vor rund 150 Jahren mehr als 1,5 Grad wärmer geworden. Selbst wenn das Ziel des Pariser Klimaabkommens erreicht würde, eine durchschnittliche globale Erderwärmung über 2 Grad zu verhindern: In den vergletscherten Gebieten der Alpen würde vermutlich die durchschnittliche Jahrestemperatur um etwa 2,5 Grad ansteigen. Rund 4000 Gletscher in den Alpen sind heute schon vom Klimawandel betroffen. Forschende des Forschungsinstituts WSL in Birmensdorf und der ETH Zürich machen deshalb ein Gedankenspiel, wie künftig das im Sommer fehlende Schmelzwasser kompensiert werden könnte.

Was würde eine Erwärmung um 2,5 Grad für die Alpengletscher bedeuten?
Es würde bis Ende des Jahrhunderts so gut wie keine Gletscher mehr geben.

Wie viel Wasser ist heute in den Gletschern der Schweiz gespeichert?
Etwa 60 Kubikkilometer Wasser. Zum Vergleich: Die Schweiz verbraucht etwa einen Kubikkilometer pro Jahr.

Und wie gross ist heute der durchschnittliche jährliche Anteil an Gletscher­schmelze in den Flüssen?
Das kommt auf die Region an. Der Po zum Beispiel führt an seiner Mündung in die Adria im Jahresdurchschnitt zwischen 1 und 5 Prozent Gletscherwasser. In der Rhone beim Einfluss in den Genfersee ist der Anteil hingegen 15 Prozent und mehr. Im Sommer ist der Beitrag natürlich wesentlich höher. Für die Rhone kann der Gletscherwasseranteil dann bis zu über 40 Prozent ausmachen.

Das heisst, starke Abschmelzraten im Frühling werden wir spüren?
In der Landwirtschaft kann dann in stark vergletscherten Regionen bei einem heissen Sommer durchaus Wasser für die Bewässerung fehlen. Fliesst im Sommer weniger Gletscherwasser ins Tal, wird auch das Grundwasserreservoir zum Beispiel für die Trinkwasserversorgung weniger aufgeladen. In Flüssen wie dem Hochrhein wird der Wasserpegel im Sommer tiefer liegen, was Folgen für die Schifffahrt hat. Natürlich spielen dabei nicht nur Gletscher eine Rolle, sondern auch der Niederschlag.

Die Idee ist nun, Wasser, das wegen der Erwärmung bereits im Frühling abfliesst, in den Sommer hinüberzuretten. Das soll mithilfe von Staumauern geschehen. Das klingt sehr theoretisch.
Am Anfang war das sicher eine wissenschaftliche, theoretische Überlegung. Wir wollten wissen, wie viel Wasser man überhaupt auffangen könnte und in welchem Verhältnis dies zu der fehlenden Wassermenge im Sommer steht. So gingen wir von einer Erwärmung von 2,5 Grad aus bis zum Ende des Jahrhunderts. Wir setzten in unserem numerischen Gletschermodell virtuelle Staudämme an die Standorte der schrumpfenden Gletscher und berechneten das Volumen der dadurch gebildeten Seen. Das Überraschende für uns war, dass wir mit diesem Konzept etwa zwei Drittel der erwarteten Wasserdefizite im Sommer kompensieren könnten. Gemäss den Berechnungen müsste man dazu 1 Kubikkilometer Wasser zwischenspeichern, während die simulierten Dämme mehr als 10-mal so viel speichern konnten.

Lässt sich das so genau sagen?
Die Unsicherheit ist tatsächlich noch gross, weil wir auch nicht genau wissen, wie sich der Wasserhaushalt durch den Klimawandel verändert. Die Klimamodelle sind noch sehr ungenau, wenn es darum geht, den zukünftigen Niederschlag abzuschätzen.

Nehmen wir trotzdem an, dass rund 1 Kubikkilometer Wasser kompensiert werden muss. Wie viele Staudämme brauchte man in diesem Fall?
Das wäre mit rund einem Dutzend zentralisierten Dämmen in der Grössenordnung des Grande Dixence machbar. Die Modellrechnungen suggerieren, dass es sich lohnen könnte, solche Überlegungen weiterzuführen.

Zentralisierte Dämme hiesse aber, das Einzugsgebiet zu vergrössern. Es müssten also Verbindungskanäle zwischen den einzelnen Gletschern gebaut werden. Das ist doch völlig unrealistisch.
Das mag sein. Es ging uns ja auch darum, zu zeigen, dass wir allein mit technischen Lösungen irgendwann an eine Grenze stossen. In der industrialisierten Welt sind wir oft zu sehr technikgläubig. Ein Umdenken in unseren Ansprüchen, eine effizientere Energienutzung oder das Reduzieren unseres Konsums wären eine effizientere und nachhaltigere Lösung. Das wird aber oft im Namen des Wirtschaftswachstums einfach ausgeblendet.

Wo würden Sie denn den ersten Staudamm bauen?
Das kann ich so nicht sagen. Dazu müsste man erst eine Reihe von weiteren Faktoren in Betracht ziehen, nicht zuletzt den Umweltschutz und die Wirtschaftlichkeit.

Der Faktor Umweltschutz ist also in Ihren Modellen nicht berück­sichtigt?
Nein, bis jetzt nicht. Eine unserer Annahmen war, dass der Umweltschutz für die frei werdenden Gletscherflächen eine kleinere Rolle spielt. Dort, wo die Gletscher abschmelzen, gibt es praktisch keine Pflanzen und Tiere. Der See, der sich hinter der Staumauer bilden würde, ist hingegen ein grösserer Eingriff in die Landschaft.

Der Glaziologe Wilfried Häberli hat vor wenigen Jahren aufgezeigt, dass sich mit der Abschmelzung ohnehin natürliche Stauseen bilden werden. Es braucht vielleicht gar nicht ­so viele Staumauern.
Das könnte in der Tat so sein. Man muss aber bedenken, dass die Voraussagen über die Entstehung eines neuen Sees sehr unsicher sind. Zum Teil sind es ja sehr kleine topografische Gegebenheiten, die über eine solche Entstehung entscheiden, und so gut sind unsere Modelle leider nicht.

Wie gross ist das Problem in ­anderen Regionen der Welt?
Es gibt Regionen, in denen die Problematik viel grösser ist als in der Schweiz. In Zentralasien zum Beispiel, wo es im Sommer sehr trocken ist, ist Wasser aus der Schnee- und Gletscherschmelze für den Wasserhaushalt zentral. Wenn diese Wasserressource verschwindet, kann es zum Teil zu einer ausgesprochenen Trockenheit kommen. Für uns wäre es spannend, die verwendeten Modelle auch für solche Regionen laufen zu lassen. Bei den Stauseen würde es sich zudem lohnen, zu berechnen, wie viel Strom man aus dieser Wasserkraft gewinnen könnte.

Erstellt: 05.06.2016, 16:49 Uhr

Daniel Farinotti
Der Gebirgshydrologe arbeitet am Institut für Wald, Schnee und Landschaft WSL in Birmensdorf.

Schneereicher Frühling: Korrektur nach mildem Winter

Es liegt immer noch reichlich Schnee in den Bergen. Ende Mai betrug die Schneehöhe auf 2500 Meter Höhe im Wallis 1 bis 2 Meter, wie das Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) schreibt. Eine ähnliche Situation ergibt sich am Alpennordhang, im Gotthardgebiet und in Nordbünden. Auf dem Hausberg der Ostschweiz, dem Säntis, wurden an der extremsten Stelle sogar 3,65 Meter gemessen. Der Winter kam eigentlich erst im Mai. Das lässt sich auf der Versuchsfläche des Weissfluhjochs, 2540 Meter über Meer, veranschaulichen. Am 31. Mai lagen noch 162 Zentimeter Schnee auf dem Versuchsfeld. Das ist laut SLF im Vergleich zu den letzten 83 Jahren leicht überdurchschnittlich. Das heisst, die Schneebilanz im Mai hat den Winter schneemässig aufgebessert. Die SLF-Forscher vergleichen den Verlauf in den Monaten April und Mai dieses Jahres mit jenem des Frühjahrs 1991: Damals wurde auf dem Weissfluhjoch fast ein neuer Minus­rekord gemessen. Anschliessend schneite es allerdings immer wieder.

Die Entwicklung der Vegetation weist auch keinen konsequenten Verlauf auf. Im Januar und im Februar war sie laut Meteo Schweiz im Vergleich zum langjährigen Durchschnitt drei bis vier Wochen voraus. Die Blüte der Haselsträucher wurde so früh beobachtet wie noch selten. Der Huflattich blühte bereits im Februar. Auch die Obstbäume hatten einen Vorsprung. Der Kälteeinbruch im April und im Mai bremste jedoch die Entwicklung. Verschiedene Pflanzen, darunter Rosskastanien und Hasel, bewegten sich von nun an im normalen zeitlichen Rhythmus. Dazu gehören auch der Nadelaustrieb der Lärchen, die Blattentwicklung der Buchen und auch die Blüte der Buchen. Das Wetter bleibt unberechenbar. ( lae )

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