«Wölfe sind schlau und lernen schnell»

Seit seiner Rückkehr gab es in der Schweiz noch nie so viele Wölfe wie jetzt – und es hätte genügend Lebensraum für mehr als dreimal so viele Tiere.

In den Schweizer Alpen zu Hause: Ein Wolf des Calanda-Rudels im Mai 2018. Foto: Charly Gurt

In den Schweizer Alpen zu Hause: Ein Wolf des Calanda-Rudels im Mai 2018. Foto: Charly Gurt

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Der Wolf scheint sich in der Schweiz wohlzufühlen. Zumindest geht dies aus einer aktuellen Statistik hervor: Inzwischen gibt es acht Rudel und damit doppelt so viele wie noch im Vorjahr. Zudem sind drei neue ­Paare gesichtet worden, die nächstes Jahr voraussichtlich Nachwuchs haben werden.

Für Viehhalter auf den Alpen, aber auch für Wildhüter wird dies mehr und mehr zur Herausforderung. Denn der Wolf ist und bleibt ein eigensinniges Raubtier mit einem grossen Fleischbedarf. Im Durchschnitt vertilgt er rund 3,5 Kilogramm Nahrung pro Tag. Obwohl er meistens Wildtiere wie Rothirsche, Rehe oder Gämsen frisst, fallen ihm auch Schafe und Ziegen zum Opfer.

Zwei Jungtiere geschossen

«Diesen Sommer haben wir ein Rudel mit neun Welpen aus einem Wurf festgestellt», sagt Adrian Arquint, Jagdinspektor Graubünden. Es sei das Beverin-Rudel, das im Gegensatz zu den anderen Wölfen ein problematisches Verhalten gezeigt habe. Das männliche Elterntier M92 habe damit begonnen, auch Nutztiere aus durch Elektrozäune geschützten Herden zu reissen. Aufgrund der Häufigkeit solcher Vorfälle war eine rote Linie des Wolfsmanagements überschritten worden, sodass vor kurzem eine Abschussbewilligung für vier Jungtiere aus diesem Rudel erlassen ­wurde.

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Das von der italienischen Population abstammende Paar M92 und F37 hatte dieses Jahr das erste Mal Nachwuchs. Der Rüde fiel zuvor bereits auf, da er häufig Schafe aus ungeschützten Herden tötete. Neu kam hinzu, dass er innerhalb von vier Wochen am Heinzenberg und im Safiental mindestens 15 Ziegen riss, die durch einen Elektrozaun eigentlich hätten ausreichend geschützt sein sollen. Am Tatort gefundene DNA-Spuren enttarnten ihn später als den Verursacher.

Im Rudelverband sind die Elterntiere geschützt, auch wenn sie ein problematisches Verhalten aufzeigen. Zwei Jungwölfe aus dem Beverin-Rudel wurden vor ein paar Wochen in der Nähe einer der beiden betroffenen Ziegenherden erlegt. «Seither kehrt M92 mit seiner Grossfamilie nicht mehr dorthin zurück», erläutert ­Arquint. Wölfe seien schlau und lernten schnell.

Die Beute wird geteilt

Seit 1995 tauchen die geschickten Grossraubtiere mit den auffällig gelben Augen und dem charakteristischen Geheul in der Schweiz wieder auf. Vor sieben Jahren bekam das Calanda-Rudel erstmals Nachwuchs. «Obwohl bei uns der Wolfsbestand zunimmt, begegnet man ihnen in der Natur nur selten», sagt Ralph Manz von der Stiftung Kora, die Forschungsprojekte zur Erhaltung und zum Management von Wildtieren koordiniert. Denn in der Regel seien sie scheu und zögen sich zurück, wenn sie Menschen gewittert hätten.

Der Wolf jagt entweder im Rudel oder allein. «Damit alle Welpen genügend Nahrung erhalten, müssen Wölfe maximal effizient sein», sagt Manz. Ein erwachsener Wolf kann ohne weiteres bis zu zehn Kilogramm Fleisch aufs Mal verschlingen und dieses mit seinen Familienmitgliedern teilen, indem er es später hervorwürgt. Er kann aber auch ganze Körperteile wie etwa ein Bein wegtransportieren.

Nur etwa die Hälfte aller Jungwölfe vollendet das erste Lebensjahr.

Momentan leben vermutlich 83 Wölfe in der Schweiz, darunter 25 Welpen. Mithilfe von genetischen Analysen wurden in den vergangenen zwei Jahren 64 Wölfe individuell identifiziert. Auch bei sechs Welpen ist dies gelungen. Von den übrigen 19 Welpen zeugen bisher bloss Sicht­beobachtungen oder Aufnahmen von Fotofallen.

Sind die vielen Wölfe Grund zur Beunruhigung? «Nein», sagt Reinhard Schnidrig vom Bundesamt für Umwelt (Bafu). In der Schweiz hätte es im Prinzip Platz für rund 300 Wölfe, verteilt auf 50 bis 60 Rudel. Zumindest gäbe es hierzulande genug Wildtiere als Nahrung und auch geeigneten Lebensraum. Diese Berechnung beruhe auf der Basis des ökologischen Potenzials. Nicht berücksichtigt sei dabei die politische Akzeptanz, sozusagen der Platz im Kopf der Menschen.

Dennoch: «Jedes Jahr werden bei uns zu wenig Rothirsche geschossen», erklärt Schnidrig weiter. In einigen Kantonen gebe es Anfang Winter Sonderjagden, doch diese dürften in Territorien von Wolfsrudeln zunehmend unnötig werden.

Schäden nehmen zu

In einem Dokument der Alpenkonvention wurde zudem festgehalten, dass es in den Alpen minimal 125 Rudel mit 1000 Wölfen ­bräuchte für einen zur Arterhaltung ausreichend grossen und stabilen Wolfsbestand. «Würde man von Nizza bis Wien die Wolfsrudel solidarisch über die Länder verteilen, hätte die Schweiz mit 15 bis 20 Rudeln ihren Beitrag geleistet», sagt Schnidrig. Momentan liege man also noch weit darunter.

Trotz des reichhaltigen Nahrungsangebots an Wildtieren kommt es immer wieder zu gerissenen Nutztieren. Allein im Jahr 2018 betrug die Summe für entsprechende Entschädigungen 250'000 Franken, während es in den Jahren zuvor durchschnittlich nur etwa 140'000 Franken waren. Auch 2019 wird die Schadenssumme gemäss Bafu ähnlich hoch wie im Vorjahr ausfallen. Dies hat unter anderem mit der aktuellen Verdoppelung der Rudel zu tun sowie damit, dass sich die betroffenen Regionen nicht richtig darauf vorbereitet hatten.

Vermehrt Hunde eingesetzt

Jedes Jahr investiert das Bafu rund drei Millionen Franken in den Herdenschutz. «Auswertungen zeigen, dass in 90 Prozent der Fälle die Schafe, Ziegen oder Rinder nicht geschützt waren», sagt Manz. Im vergangenen Jahr gab es 492 entschädigte Risse, die zu 80 Prozent vom Bund und zu 20 Prozent von Kantonen bezahlt wurden. Der Viehhalter erhält pro gerissenes Tier – je nach Alter, Rasse und Zuchtbuch – zwischen 250 und 2000 Franken.

Ab Inkrafttreten des revidierten Jagdgesetzes werden in Zukunft nur noch gerissene Nutztiere vergütet, die mit ­geeigneten Herdenschutzmassnahmen – wie etwa speziell ausgebildeten Hunden oder elektrischen Zäunen – geschützt waren. Doch die Beurteilung der Schutzvorrichtungen ist, vor allem bei grossen Herden mit etwa über 400 Schafen und in einem unübersichtlichen Gebiet, nicht immer ganz einfach.

Auf immer mehr Schweizer Alpweiden wachen Herdenschutzhunde der Rasse Chien de Montagne des Pyrénées oder Maremmen-Abruzzen-Schäferhunde über Nutztierherden. 2019 kamen über 300 Hunde zum Einsatz. Doch auch dieses Management ist ­anspruchsvoll. Zum einen kann es unter den zwei bis sechs Wachhunden etwa aufgrund der Hierarchie untereinander zu Streit kommen. Zum andern gibt es auch Konflikte zwischen den aufmerksamen Hunden und den ahnungslosen Wanderern oder Mountainbikern. «2018 wurden 17 Personen gebissen», so Daniel Mettler von Agridea, der Fachstelle des Bundes für Herdenschutz. Meist handelt es sich um leichte Verletzungen wie Kratzer oder Hämatome, vereinzelt jedoch auch um tiefere Wunden, die eine ärztliche Behandlung ­erfordern.

Lamas als Wächter

Um Verletzungen zu vermeiden, werden Herdenschutzhunde heute besser geschult für solche Situationen. Allerdings sollten auch die Bergtouristen mehr Verständnis zeigen und nicht mitten durch eine Herde spazieren oder fahren. Es ist zu empfehlen, sich den bellenden Hunden gegenüber möglichst ruhig zu verhalten und den Tieren aus dem Weg zu gehen. Wanderer können ihre Touren dank einer interaktiven Karte im Internet zudem im Vorfeld so planen, dass sie unterwegs keinen Schutzhunden begegnen.

Auch Lamas bewachten 2018 verschiedene Herden in 30 Betrieben. «Wir wissen, dass sie beim Angriff von mehreren Wölfen aber auch schnell selbst zum Beutetier werden können», erklärt Mettler. Deshalb werden sie in der Schweiz nur in Regionen mit geringem Risiko eingesetzt, etwa gegen streunende Hunde, Luchse und allenfalls ­Einzelwölfe. Der Bund finanziert Lamas nicht.

Auch wenn es mittlerweile mehr Wölfe und Welpen in der Schweiz gibt, sind ihre Überlebenschancen schlecht – besonders im Stadium Jungtier. Nur etwa 50 Prozent von ihnen vollenden das erste Lebensjahr. Viele kommen durch den Strassenverkehr, legale Abschüsse, Wilderei oder Vergiftung ums Leben. Es bestehen zudem vom Menschen unbeeinflusste Todesursachen: So stürzten letztes Jahr in Graubünden drei noch unerfahrene Jungtiere in steilem ­Gelände eine Felsklippe ­hinunter.

Erstellt: 04.11.2019, 09:33 Uhr

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