Zeitbomben in den Weltmeeren

Auf dem Grund der Ozeane zerfrisst die Korrosion Tausende Schiffswracks aus dem Zweiten Weltkrieg. Millionen Tonnen Treibstoff könnten auslaufen.

Japan überfällt am 7. Dezember 1941 den Hafen von Pearl Harbor auf Hawaii: Das Schlachtschiff USS Arizona (r.) sinkt beim Angriff. Foto: Granger Collection, Keystone

Japan überfällt am 7. Dezember 1941 den Hafen von Pearl Harbor auf Hawaii: Das Schlachtschiff USS Arizona (r.) sinkt beim Angriff. Foto: Granger Collection, Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Fotoapparate und Handys klicken. Wieder steigt ein dunkler Tropfen aus der Tiefe empor und verwandelt sich an der Wasseroberfläche in bunte Schlieren. Einige Besucher auf der Plattform mitten im Hafen von Pearl Harbor werfen Blumen ins Wasser und schweigen. Mehr als eine Million Touristen pilgern jedes Jahr zu dieser Gedenkstätte auf Hawaii: Zwölf Meter unterhalb der Plattform liegt die USS Arizona, eines der Schlachtschiffe, die am 7. Dezember 1941 beim japanischen Überfall gesunken sind.

Seit Jahrzehnten sickern täglich Öltropfen aus dem Wrack und steigen zur Oberfläche empor. Für viele sind es die «schwarzen Tränen» der 1177 Seeleute, die damals gefallen sind.

Umweltschützer betrachten die Öltropfen weniger sentimental – sie sehen darin die Vorboten einer drohenden Ökokatastrophe. Mehr als zwei Millionen Liter Treibstoff befinden sich noch in den Tanks der Arizona, täglich verliert das Wrack davon ungefähr einen ­Liter.

Die Auswirkungen auf Flora und Fauna sind bisher minimal. Aber das Wrack korrodiert und könnte bald bersten – dann würde das gesamte Hafengebiet verseucht. Das Problem ist bekannt, doch eine Lösung nicht in Sicht. Das Schiff ist ein Kriegsgrab, eines der wichtigsten US-Denkmäler und deshalb für viele unantastbar. Eine gefährliche Pattsituation zwischen historischer Pietät und ökologischem Zukunftsbewusstsein.

8569 potenziell umweltgefährdende Wracks

Die USS Arizona ist lediglich eines von beängstigend vielen Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg, die schwarze Tränen in den Ozean vergiessen. Im Jahr 2004 wurde anlässlich der International Oil Spill Conference ein Expertenteam beauftragt, herauszufinden, wie viele Schiffswracks sich in den Meeren befinden und wie viel Öl darin noch gebunkert sein könnte.

Das Ergebnis war besorgniserregend: 8569 potenziell umweltgefährdende Grossschiffwracks liegen in den Tiefen der Ozeane. Bei konservativer Schätzung könnten noch 2,5 Millionen Tonnen Treibstoff, Rohöl und Schiffsdiesel in den rostigen Schiffshüllen gefangen sein, im schlimmsten Fall sogar bis zu 20,4 Millionen Tonnen.

Als die beunruhigenden Zahlen vor mehr als zwölf Jahren auf der Konferenz veröffentlicht wurde, war die Reaktion der Behörden und Wissenschaftler eine Melange aus Ungläubigkeit und Fatalismus, erinnert sich die an der Studie beteiligte Biologin Dagmar Schmidt Etkin: «Das Problem sei einfach zu gross, war die weitverbreitete Meinung. Das Thema wird deshalb in den USA, aber auch in anderen Ländern totgeschwiegen.»

Kritische Phase steht bevor

Die Korrosion wird von vielen Faktoren beeinflusst: Wassertiefe, Temperatur, Salzgehalt, Strömung. Bei jedem Wrack verläuft der Prozess individuell, doch aufzuhalten ist er nicht. Die Stahlplatten büssen zwischen 0,5 und 2 Millimeter Stärke pro Jahrzehnt ein. «Was nach wenig klingt, summiert sich mit der Zeit. Verlieren die Stahlplatten 3 bis 10 Millimeter ihrer Dicke, werden sie instabil und können bereits unter leichtem Druck brechen», sagt der australische Wissenschaftler Chris Selman. Das bedeutet, dass viele Wracks aus dem Weltkrieg jetzt in die kritische Phase eintreten oder kurz davorstehen.

Im Juli 2014 sichtete ein Überwachungsflugzeug der US-Küstenwache einen Ölteppich über dem Wrack des 1942 vor North Carolina versenkten Tankers W. E. Hutton. Im August 2015 schlug das Wrack des Zerstörers USS Murphy vor der Küste von New Jersey leck. Im Oktober 2016 registrierten Satellitenbilder Öllecks über dem vor New York versenkten Tanker Coimbra, teilweise bedeckte der Ölteppich eine Fläche von anderthalb Quadratkilometern.

Diese Liste liesse sich beliebig fortführen. Ob Schweden, Norwegen, Polen, Grossbritannien, Mikronesien oder Kanada – in allen Weltmeeren schlagen Weltkriegswracks leck. «Man kümmert sich erst darum, wenn ein Ölteppich auftritt», sagt die Biologin Dagmar Schmidt Etkin. Ölbergungsaktionen sind teuer.

Wenn Öl austritt, wirds teuer

Jedes Wrack kann zwar mit heutiger Technik gehoben oder ausgepumpt werden. Je nach Schwierigkeitsgrad und Grösse des Schiffs schwanken die Kosten und können Milliarden erreichen. Wer gibt schon präventiv Millionen zur Bekämpfung einer Umweltgefahr aus, die erst in Jahren oder Jahrzehnten akut werden könnte? Doch wenn Öl aus einem Wrack austritt, werden die Kosten zur Schadensbekämpfung noch viel höher: «Es gibt Beispiele, bei denen die Kosten zum Säubern der Strände zehnmal so hoch waren wie das Abpumpen des Öls aus dem betreffenden Wrack», sagt Etkin.

Wer für die entstehenden Kosten aufkommen muss, bleibt zudem meist unklar. Bei Privatschiffen müsste der damalige Eigner haften. Der ist aber 70 Jahre nach Kriegsende oft nicht mehr ausfindig zu machen. Bei Kriegsschiffen hingegen ist der Besitzstatus eindeutig. Die Wracks gehören immer noch dem Staat, unter dessen Flagge sie einst im Einsatz waren. Doch nach geltendem Recht können sich diese Länder auf höhere Gewalt berufen, schliesslich sind ihre Schiffe im Krieg gesunken.

Grenzwerte um das 1000-Fache überschritten

Welche katastrophalen Auswirkungen austretendes Öl haben kann, zeigt ein deutsches Wrack in polnischen Gewässern. Im Hafen von Gdynia macht sich das Forschungsschiff Imor des Marineinstituts Danzig zum Auslaufen bereit. Das Ziel der Forscher um den Hydrologen Benedykt Hac liegt nur 2 Kilometer von den feinsandigen Naturbadestränden der polnischen Riviera entfernt, an denen jährlich mehr als zwei Millionen Urlauber ihre Ferien verbringen.

Dort liegt das Wrack des fast 170 Meter langen deutschen Lazarettschiffs Stuttgart, das am 9. Oktober 1943 versenkt wurde. Die Position des Wracks geriet in Vergessenheit, bis 1999 Benedykt Hac bei einer Routineuntersuchung des Bodens der Danziger Bucht auf die Überreste der Stuttgart stiess.

Die Gefahr ist auf den ersten Blick nicht sichtbar. Sonaraufnahmen des Wracks zeigen nichts Auffälliges. Aber wenn Benedykt Hac eine Probe des Meeresbodens neben dem Wrack an die Oberfläche holt, verzieht die Mannschaft das Gesicht. Aus dem Greifer quillt eine übel riechende, schwarze Masse, die teerartiges Schweröl enthält. Chemische Analysen ergaben stark erhöhte Werte für poly­zyklische-aromatische Kohlenwasserstoffe. Teilweise werden die Grenzwerte des polnischen Umweltministeriums um das 1000-Fache überschritten.

100 Millionen für Bergung

Recherchen von Benedykt Hac ergaben, dass über die Jahre bis zu 1000 Tonnen Schweröl aus der Stuttgart in den Meeresgrund geflossen sein müssen. Unzählige Bodenproben hat er in den vergangenen 17 Jahren gezogen, um das Ausmass der Verschmutzung zu dokumentieren. Eine Fläche von mehr als 50 Fussballfeldern ist betroffen. 450'000 Kubikmeter verseuchter Meeresboden müssten entsorgt werden. Kostenpunkt 20 bis 100 Millionen Euro.

Doch angesichts der abwartenden Haltung der polnischen Behörden glaubt Benedykt Hac nicht daran, dass bald etwas unternommen wird. Nur ein Land auf der Welt will nicht warten, bis etwas passiert – Norwegen. Im Zweiten Weltkrieg war das Land mit seiner Küstenlinie von mehr als 20'000 Kilometern umkämpfter strategischer Brückenkopf. Mehr als 900 Schiffe sanken dort zwischen 1939 und 1945. Davon hat die norwegische Küstenbehörde Kystverket 29 als «extrem gefährlich» für die Umwelt eingestuft.

Die Stahlwände sind nicht mehr lange stabil genug

Bereits 1994 wurde im Oslofjord das Öl aus dem deutschen Schweren Kreuzer Blücher abgepumpt. Schon nach dessen Versenkung im April 1940 traten immer wieder Öllachen über der Unglücksstelle auf. Um einer drohenden Katastrophe vorzubeugen, wurden mehr als 1000 Tonnen Treibstoff aus dem Wrack geborgen. Es war der Startschuss für ein ambitioniertes und weit mehr als 100 Millionen Euro teures Bergungsprogramm. Seitdem sind sieben weitere Wracks präventiv ausgepumpt worden.

Die Zeit dränge, sagt Hans Petter Mortensholm von Kystverket: «In 10 oder 20 Jahren könnte es unmöglich sein, noch Operationen dieser Art an den Wracks durchzuführen.» Noch sind die Stahlwände der meisten Wracks stabil genug, um Zugänge zu den Öltanks zu fräsen und Ventile für ein kontrolliertes Abpumpen zu installieren. In naher Zukunft würden die Wracks bei solchen Manövern aufgrund der Korrosion auseinanderbrechen und das Öl unkontrolliert an die See abgeben.

Der Autor hat über das Thema den Dokumentarfilm «Vergessene Wracks – Schwarze Tränen der Meere» gedreht.

Vergessene Wracks - Trailer from Längengrad Filmproduktion on Vimeo.

Erstellt: 05.07.2017, 23:41 Uhr

Artikel zum Thema

Friss Plastik, liebe Raupe

Plastik ist überall. Nun hat eine Forscherin entdeckt, dass eine Raupe dünne Plastiksäcke verdauen kann. Wie viel Hoffnung darf das geben? Mehr...

Tonnen über Tonnen von Plastik im Meer

Mindestens 5,25 Billionen Plastikteilchen findet man in den Ozeanen. Auch in Seen wie dem Genfersee werden Mikroplastikteilchen zum Problem. Mehr...

Altlasten aus dem Krieg

Die Zeit wird knapp

6338

Schiffswracks aus dem Zweiten Weltkrieg gehören zur Kategorie der Grossschiffswracks, welche die Umwelt gefährden können. Sie liegen verteilt über alle Weltmeere, entlang der wichtigsten Handelsrouten, vor Häfen und den Orten grosser Seeschlachten. Das in ihnen gelagerte Öl entspricht fast dem 400-Fachen dessen, was 1989 aus der Exxon Valdez auslief. Es war eine der schlimmsten Ölkatastrophen.

1,5 Milliarden

Euro verschlang das Auspumpen und Abschleppen des havarierten Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia. Das war die bisher teuerste Bergung aller Zeiten. Die Bergung eines Schiffswracks, das allmählich leck wird und Millionen Tonnen Treibstoff verliert, kann je nach Schwierigkeitsgrad ebenfalls Milliardenkosten verursachen.

900

Schiffe sind schätzungsweise im Zweiten Weltkrieg an der Küste Norwegens zwischen 1939 und 1945 gesunken. Das Land mit seiner Küstenlinie von mehr als 20'000 Kilometern war ein umkämpfter strategischer Brückenkopf. Einige Schiffe werden von den Küstenbehörden als «extrem gefährlich» für die Umwelt eingestuft. Die Zeit wird knapp für eine Bergung. Schon in 10 bis 20 Jahren können sie auseinanderbrechen.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Klimawand: Andres Petreselli bemalt in San Francisco eine Hausfassade mit einem Porträt von Greta Thunberg. (8. November 2019)
(Bild: Ben Margot) Mehr...