Zürcher Regierungsrat erlaubt Affenversuch

Die Versuche mit Primaten an der Universität und ETH Zürich dürfen durchgeführt werden. Tierschützer sehen die Würde des Tiers missachtet.

An der Universität Irchel in Zürich wurden bis November 2014 zwei Makakenweibchen gehalten (10. Juli 2014). Foto: Giorgia Müller

An der Universität Irchel in Zürich wurden bis November 2014 zwei Makakenweibchen gehalten (10. Juli 2014). Foto: Giorgia Müller

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit über einem Jahr sind die Gehege am Institut für Neuroinformatik der Universität und ETH Zürich leer. Die beiden ­Javaneraffen Jo und Lue kehrten im ­November 2014 wieder zurück an die Universität Freiburg, wo sie ursprünglich herkamen. Am Irchel wurden sie nur vorübergehend aufgenommen. Versuche wurden dort keine mit ihnen durchgeführt. Nach dem Wegzug wurden die Gehege umgebaut, damit in Zukunft auch drei Versuchstiere dort gehalten werden können.

Bis vor kurzem war aber noch unklar, ob die von dem Neurowissenschaftler Valerio Mante geplanten Versuche mit Rhesusaffen zur Erforschung von Gehirnprozessen überhaupt gemacht werden dürfen. Er hatte im April 2014 ein Gesuch bei der Tierversuchskommission eingereicht, und das Kantonale Veterinäramt hat dieses auch umgehend bewilligt. Doch dann haben drei Mitglieder der Tierversuchskommission des Kantons Zürich im August 2014 gemeinsam noch einen Rekurs eingereicht.

Diesen hat der Regierungsrat jetzt abgewiesen. Mit der Begründung, dass der Tierversuch, gemessen am erwarteten Kenntnisgewinn, den Tieren keine unverhältnismässigen Belastungen zufügt. Im Rahmen des Versuchs soll bei Affen die Aktivität von Nervenzellen gemessen werden. Die Zürcher Politiker haben sich lang und intensiv mit dem Versuch beschäftigt. Peter Hösli, Chef Rechtsdienst bei der Staatskanzlei, bestreitet jedoch, dass der Regierungsrat den Fall verzögert habe. Es handle sich um einen sehr komplexen Fall mit ausführlichem Schriftwechsel, zwischen dem Veterinäramt, den Forschern und dem Regierungsrat: «Es mussten kistenweise Akten begutachtet werden.»

Noch nicht rechtskräftig

Ob die Versuche tatsächlich durchgeführt werden, ist weiterhin ungewiss. Denn auch der Beschluss des Regierungsrats kann angefochten werden. «Für uns wird die Würde des Tiers bei den Versuchen missachtet», sagt Vanessa Gerritsen von der Stiftung für das Tier im Recht. Sie ist eine von drei Tierschutzvertretern in der Tierversuchskommission des Kantons Zürich. «Aus unserer Sicht ist die Entscheidung des Regierungsrats gesetzeswidrig und stossend. Deshalb werden wir jetzt weiter an das Verwaltungsgericht gehen.»

Es sei ein grosser Rückschritt, da seit 2008 die Würde des Tiers im revidierten Tierschutzgesetz explizit berücksichtigt werden müsse und auch das Bundesgericht 2009 eine wegweisende Entscheidung in diese Richtung gefällt habe, sagt die Juristin weiter. Zudem sehe sie in ­naher Zukunft keine konkrete Anwendung für Patienten, wie es sie etwa bei den zuletzt im Jahr 2007 genehmigten Versuchen des Neuroprothesen-Forschers Hansjörg Scherberger gegeben habe.

Der Neurowissenschaftler Mante plant, mit drei Rhesusaffen Versuche zur Erforschung von Gehirnprozessen zu machen. Für die Experimente wird den Tieren ein winziges Array mit Elektroden ins Gehirn implantiert. «Die Operation am Schädel und die Nachfolgebehandlungen werden wie bei einem Menschen durchgeführt», erklärte er kurz nach dem Einreichen des Gesuchs. Auch Parkinson-Kranke würden routinemässig Elektroden ins Gehirn implantiert bekommen, um ihr Zittern zu behandeln.

Von Uni Zürich abgeworben

Die Versuchstiere werden laut Mante schrittweise trainiert, sodass sie sich freiwillig in einen sogenannten Primatenstuhl setzen würden. Für die zu lösenden Aufgaben sitzen die Rhesusaffen vor einem Bildschirm und müssen auf relevante Reize reagieren und Irrelevantes ignorieren. Mit einem Tier, das Angst habe oder gestresst sei, seien solche Versuche gar nicht möglich, so Mante, der zuvor an der Universität Stanford ähnliche Experimente mit Primaten machte und von der Uni Zürich abgeworben wurde. Derzeit wertet er immer noch seine Daten aus den USA aus. Im Oktober hat er vom Schweizerischen Nationalfonds eine Förderprofessur erhalten.

Ziel seiner Forschung ist es, die Ursache kognitiver Störungen wie etwa bei Schizophrenie zu erforschen. Wie die Universität Zürich mitteilt, versprechen sich die Wissenschaftler dadurch wegweisende Ansätze für die künftige Behandlung von psychiatrischen Erkrankungen. Für diese spezielle Fragestellung gebe es leider keine Alternativen, sagt Christoph Hock, Prorektor der Universität Zürich. Es sei sehr wichtig, diese Art von Versuchen durchzuführen. Und besser, diese auch in der Schweiz zu machen als etwa irgendwo in China.

Der Widerstand gegen die Versuche in Zürich ist dennoch gross. Die Rekurrenten akzeptieren den Beschluss des Regierungsrats nicht. «Es handelt sich bei dem Versuch um Schweregrad 3», gibt Gerritsen zu bedenken. Das sei die höchste Belastung für ein Versuchstier.

Erstellt: 10.12.2015, 19:33 Uhr

Schimpansen in Pension geschickt

Ein Entscheid von historischer Bedeutung. Die National Institutes of ­Health NIH, die weltweit grösste biomedizinische Forschungsstelle, lassen die letzten als Versuchstiere gehaltenen Schimpansen frei. Der Verzicht auf den Einsatz von Menschenaffen wurde durch den Fish und Wildlife Service erleichtert, der die Schimpansen diesen Sommer als bedrohte Art eingestuft hatte.

Im Unterschied zu Europa sind in den USA Versuche mit Schimpansen noch erlaubt – doch wird die Forschung durch den Entscheid der NIH faktisch unterbunden. «Angesichts des totalen Des­interesses (an Menschenaffen) in den letzten drei Jahren wissen wir, dass die Forschungsgemeinde die mit Schimpansen verfolgten Ziele nun mit anderen Methoden erreichen kann», begründete NIH-Chef Francis Collins den Schritt. Die dem Gesundheitsministerium unterstellte Forschungseinrichtung hatte einen grösseren Teil «ihrer» Schimpansen bereits seit 2005 aus den Labors entfernt und sie vorwiegend mit Makaken ersetzt, zu denen auch die Rhesusaffen gehören.

Kein Bedarf mehr

Indessen wurden 50 Schimpansen als Reserve zurückbehalten – für den Fall, dass Forscher für ein Projekt noch zwingend Tiere brauchen würden. Mit Ausnahme eines internen Vorhabens, das zurückgezogen wurde, gingen jedoch keinerlei Gesuche ein. Neben diesem klaren Desinteresse der Forscher spielte auch eine Rolle, dass die US-Regierung die Schimpansen diesen Sommer unter Schutz stellte – egal, ob sie in Forschungseinrichtungen, in Zoos oder bei Privatleuten leben.

Ferner hatte der Kongress das Budget für das «Altersheim» der Menschenaffen erhöht. So wird den Versuchstieren ein Platz im «Chimp Haven» im südlichen Louisiana angeboten. Diese weitläufige Anlage steht auch menschlichen Besuchern offen, doch verzögerte der Wirbelsturm Katrina den Ausbau um mehrere Jahre. Nun ist aber genügend Raum vorhanden, um auch die letzten 50 «Reserve-Affen» zu übernehmen.

Tierschutzgruppen begrüssten den Entscheid der NIH als überfällig, doch ein kleiner Teil der Forschergemeinde zeigt sich enttäuscht. Die Federation of American Societies for Experimental Biology warf ein, die biomedizinische Forschung werde nun stark erschwert, worunter die Gesundheit von Mensch und Menschenaffen leiden werde. Besonders betroffen sei die Forschung am Ebolavirus, und zwar zugunsten der wild lebenden Gorillas und Schimpansen.

Ebola-Impfstoffe testen

Eine Forschergruppe in Cambridge wollte Tiere in den USA brauchen, um einen Ebola-Impfstoff für die wilden Menschenaffen zu entwickeln. Dies sei nun verunmöglicht, sagt der britische Forscher Peter Walsh. «Wir sind erledigt, und die wilden Gorillas und Schimpansen sind es noch mehr.» Demgegenüber gab NIH-Chef Collins zu bedenken, die Ebolaforschung für Impfstoffe für Menschen sei bislang auch mit Makaken ausgekommen. Weshalb nun Schimpansen gebraucht würden, sei schleierhaft.

In den USA werden noch rund 700 Schimpansen als Versuchstiere gehalten, die meisten in nicht staatlichen Labors. Bislang wurden 183 Tiere im «Chimp Haven» untergebracht, und zwar nach Möglichkeit zusammen mit ihren engsten Freunden. Die ältesten Tiere haben Vorrang.

Die National Institutes of Health bestehen aus 27 Instituten und gelten als weltweit führende biomedizinische Forschungseinrichtung mit 1200 Wissenschaftlern und mehr als 3000 Nachwuchsforschern. Sie sind immer wieder Gegenstand politischer Kontroversen. 2009 hob Präsident Obama auf Druck der NIH ein Verbot der Stammzellen­forschung auf, das George W. Bush aus Rücksicht auf religiöse Fundamentalisten erlassen hatte.

Aktivisten schätzen, dass die Bestände wilder Schimpansen in den letzten 30 Jahren um zwei Drittel geschrumpft sind, auch deshalb, weil Forschungseinrichtungen wie die NIH Versuchstiere brauchten. Die Weltnaturschutzunion geht von 300 000 frei lebenden Schimpansen aus. Walter Niederberger

November 2006

Die Tierversuchskommission des Kantons Zürich stoppt im November 2006 zwei umstrittene Versuche mit Rhesusaffen. Die Forscher Daniel Kiper und Kevan Martin dürfen unabhängig voneinander ihre ge­planten Experimente nicht weiterführen. Kiper hat mit visuellen Lernaufgaben fest­stellen wollen, wie sich das Hirn etwa nach einer Schädigung reorganisiert (Versuch mit insgesamt vier Primaten, vom Veterinäramt als Schweregrad 2 eingestuft). Martin hat Versuche mit Rhesusaffen durchgeführt, um die unbekannte anatomische Struktur verschiedener Hirnareale zu entschlüsseln (12 Tiere, Schweregrad 1 oder 2). Begründung der beiden Rekurse: Es handelt sich um Grundlagenforschung, eine Anwendung ist nicht garantiert, weshalb die Belastungen für das Tier nicht gerechtfertigt seien. Durch die Versuche sei die Würde der Tiere verletzt.

April 2007



Der Neurobiologe Hansjörg Scherberger erhält als Einziger in Zürich eine Erlaubnis für ähnliche wie bei Kiper ab­laufende neuro­wissenschaftliche Versuche mit Rhesusaffen. Er untersuchte die neuro­nalen Signale im Hirn, die Greifbewegungen steuern (max. acht Primaten, Schweregrad 2). Der Spezialist für Neuroprothesen geht 2009 ans Deutsche Primatenzentrum nach Göttingen. Damals sagte er, dass die Situation für ihn in Zürich zu unsicher gewesen sei.

November 2009

Das Bundesgericht hat ein Verbot für die Weiterführung der Versuche von Kiper und Martin bestätigt. Scherberger ist noch vor diesem Beschluss nach Deutschland gegangen und hat seine Versuchstiere mitgenommen. Ein Tier musste eingeschläfert werden.

April 2014

Der Neuroforscher Valerio Mante reicht sein Gesuch bei der Tierversuchskommission ein. Er möchte den präfrontalen Cortex im Gehirn besser verstehen, der für Entscheidungsprozesse wichtig ist. Zum Beispiel, wie es uns gelingt, Reize kontextbezogen ein­zuordnen und Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Bei psychisch Kranken sind diese Prozesse oft gestört. Den Rhesusaffen wird ein kleines Elektrodenarray ins Hirn implantiert. Während der Versuche sitzen sie im Primatenstuhl und können den Kopf nicht bewegen. Geplanter Versuch mit drei Primaten, Schweregrad 3.

Juli 2014

Das Veterinäramt bewilligt den Versuch.

August 2014

Einsprache durch drei Mitglieder der Tierversuchskommission.

November 2014



Zwischendurch lebten die Javaneraffen Jo (Bild) und Lue von der Uni Freiburg am Irchel. Mit ihnen wurden dort aber keine Versuche gemacht. Seit November 2014 sind die Gehege wieder leer und wurden umgebaut.

Dezember 2015

Der Regierungsrat hat den aktuellen Rekurs abgewiesen und das Gesuch bestätigt.(bry)

Artikel zum Thema

Bewilligung für Affenversuche gestoppt

Die Tierversuchskommission des Kantons Zürich winkte die Experimente mit Primaten durch. Nun kam Widerstand gegen die Versuche von ETH und Uni. Mehr...

«Das Hirn spürt keinen Schmerz»

Der Neurowissenschaftler Valerio Mante sagt, dass die Affen freiwillig mitmachen. Mehr...

Besuch bei Jo und Lue

In Zürich finden seit 2009 keine Primatenversuche mehr statt. Nun gibt es wieder ein Gesuch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Im Wiederaufbau: Das Sonnenlicht am frühen Morgen scheint auf die Kathedrale Notre-Dame in Paris. (16. September 2019)
(Bild: Ian Langsdon) Mehr...