Zyanid für den Zierfisch

Auf der Jagd nach Tropenfischen für Aquarien werden oft giftige Chemikalien in Riffe gespritzt. Neue Methoden könnten helfen, diese Fangmethode zu entlarven.

Mit einer Zyanidlösung aus der Spritzflasche betäuben die Fänger die Zierfische. Foto: Norbert Wu (Mauritius Images)

Mit einer Zyanidlösung aus der Spritzflasche betäuben die Fänger die Zierfische. Foto: Norbert Wu (Mauritius Images)

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Der Blick in ein Meerwasseraquarium mit farbenprächtigen Fischen wirkt entspannend und soll die Stimmung heben. Da haben sogar psychologische Studien nachgewiesen. Weniger erfreulich ist ­allerdings, dass viele der teuren Tropenfische auf verwerfliche Weise gefangen werden. Mancherorts wird bis heute giftiges Zyanid verwendet – vor allem in Indonesien und auf den Philippinen. Statt mit Netzen und Reusen gehen die Fischer dabei mit handlichen Plastikspritzflaschen auf Unterwasserjagd, in denen sich in Meerwasser gelöste Zyanidtabletten befinden. Damit tauchen sie zum Korallenriff, spritzen die Chemikalie in Ritzen und Höhlen und warten, bis die Tiere betäubt heraustreiben, um sie einzusammeln. Zurück auf dem Boot werden sie in Tüten oder Kunststoffboxen mit frischem Meerwasser gepackt und für den Transport nach Übersee vorbereitet.

Tierschützer vermuten, dass viele der Fische kurz nach dem Fang oder auf der stressigen Weiterreise über mehrere Zwischenhändler sterben. Die Giftwolken unter Wasser können zudem ganze Riffe zerstören, Krebse, Muscheln, Garnelen und die Korallen vernichten. Es ist ein Problem, das seit mehr als 30 Jahren bekannt ist. «Zyanidfischerei ist in fast allen Ländern verboten, aber es wird einfach viel zu wenig kontrolliert», sagt Philipp Kanstinger vom WWF. Seepatrouillen, die Boote nach Zyanidtabletten durchsuchen, sind ebenso aufwendig wie Zyanidanalysen in Speziallaboren, zumal die untersuchten Fische dafür ­getötet werden müssen.

Mit einfachen Wassertests wollen Andrew Rhyne und Clifford Murphy von der Roger Williams University in Rhode Island, USA, die Kontrollen erleichtern. Auf einer Konferenz der American Chemical Society in San Francisco präsentierten sie kürzlich ein batteriebetriebenes Gerät, das kleiner als ein Notebook ist. Dieses spürt mit einer eigens dafür entwickelten Elektrode Thiozyanat auf, ein Stoffwechselprodukt, welches Fische nach einer Giftattacke ausscheiden. Damit könnten einlaufende Boote ohne grossen Aufwand kontrolliert werden. «Man muss die Elektrode nur in das Wasser mit den Fischen halten und fünf bis zehn Minuten warten», sagt Murphy. Dann könne man sagen, ob die Tiere mit Zyanid in Kontakt gekommen sind.

Im Urin der Tropenfische

Der Sensor ist Murphy zufolge preisgünstig. «Allerdings kann jede Elektrode nur einmal benutzt werden. Das erhöht natürlich den Kostenfaktor», räumt der Forscher ein. Als Nächstes will das Team das Gerät noch handlicher gestalten und unter realen Bedingungen testen.

Dass Thiozyanat ein guter Indikator für eine Zyanidvergiftung ist und mindestens vier Wochen nach dem Gift­kontakt noch im Urin nachweisbar ist, berichteten portugiesische Forscher ­bereits 2012 im Fachblatt «Plos One». Sie benutzten dabei gängige Laboranalytik, die zu komplex für eine Routineüberprüfung ist.

«Bei Tieren, die wir essen, wird viel genauer hingeschaut.»Christiane Schmidt, Organisation Saia

Mit einer vergleichbaren Methode untersuchte die US-Organisation For the Fishes im vergangenen Jahr den Urin von 89 Tropenfischen aus 15 beliebten Arten, die sie bei Händlern in fünf Bundesstaaten gekauft hatten. Etwa jedes zweite Tier schied Thiozyanat aus und stammte daher aller Wahrscheinlichkeit nach aus Zyanidfischerei, wie die Forscher auf einem Symposium in Hawaii berichteten. Nicht ganz auszuschliessen ist zwar, dass manche Fische Zyanid aus Abwässern von Minen aufgenommen haben. Umgekehrt könn­te es aber auch sein, dass Tiere aus ­Zyanidfängen als «sauber» getestet wurden, weil der Entgiftungsprozess schon abgeschlossen war. Gleichwohl sehen die Forscher den Beweis erbracht, dass ­Kontrollen in den Importländern möglich sind.

Bisher gibt es solche Kontrollen nicht, auch nicht in Europa und den USA, den beiden grössten Abnehmern von Tropenfischen. «Dabei wären sie wichtig, um Druck aufzubauen. Würden Lieferungen mit Zyanidfängen abgewiesen, würde auch die Exportseite ­genauer hinschauen», sagt Christiane Schmidt von Saia, einer Organisation für nachhaltigen Zierfischhandel. Doch die Branche sei einfach zu klein und damit auch das Interesse an dem Thema. Für Zertifikate und Kontrollen von ­Speisefischen werde jedes Jahr viel Geld ausgegeben. «Bei Tieren, die wir essen, wird grundsätzlich viel genauer hingeschaut als bei Tieren, die wir halten», sagt sie.

Dabei gab es schon einmal Bemühungen, ein mit dem MSC-Qualitätssiegel für Speisefische vergleichbares Zertifikat für Zierfische zu etablieren. Die kalifornische Organisation Marine Aquarium Council (MAC) hatte Standards für alle Stationen der Handelskette entwickelt – vom nachhaltigen Fang und von Massnahmen, die Riffe erhalten, über eine tiergerechte Handhabung bei Zwischenhändlern und Exporteuren bis hin zu den Transportbedingungen. Doch das Vorhaben scheiterte an Geldmangel und Interessenkonflikten. Die Organisation ist seit vielen ­Jahren nicht mehr aktiv. Aktuell werden noch MAC-Zertifikate für Handhabung und Transportbedingungen an exportierende Grosshändler vergeben. «Das ist einerseits gut, denn den Fischen geht es dort heute viel besser als noch vor zehn Jahren. Aber über die Fangmethoden sagt das Zertifikat nichts aus», sagt Schmidt.

Nemo aus Nachzuchten

Immerhin konnten Schulungen und Aufklärungskampagnen, initiiert von Nichtregierungsorganisationen vor Ort, manche Giftfischer zum klassischen Netzfang bekehren. Schliesslich ­vernichten sie mit der chemischen Keule wertvolle Ressourcen, auch für ihr eigenes Geschäft. Doch längst nicht alle wurden erreicht. «Gewohnheiten zu ­ändern, ist sehr schwer», sagt ­Gayatri Reksodihardjo-Lilley von der indonesischen Umweltschutzorganisation Lini. Der Umstieg fällt offenbar dann leichter, wenn es ums Geld geht. So sind ­Zyanide, mit denen üblicherweise in Minen Edelmetalle aus Gesteinen gelöst werden, heute wesentlich teurer als noch vor 10, 15 Jahren. «Seither setzen die ­Fischer das Gift seltener und gezielter ein, vor allem um die besonders scheuen und teuren Fische zu fangen», berichtet ­Reksodihardjo-Lilley. Ob dieser Trend anhält, bleibt allerdings abzuwarten. Seit 2013 sinken die Preise wieder.

Für Liebhaber von Meereswasseraquarien gilt so oder so: Eine von unabhängiger Stelle geprüfte Garantie für zyanidfrei gefangene Fische gibt es nicht. Sie müssen sich auf Händleraus­sagen verlassen. «Wer unbedingt ein grosses Meereswasseraquarium haben möchte», sagt Schmidt, «sollte auf Fanggebiete in Australien oder Hawaii zurückgreifen, die ein vorbildliches Management betreiben, inklusive Fangquoten.» Hilfe bei der Fischwahl liefert auch eine Liste auf der Website der Saia sowie die App Tank Watch von For the Fishes. Danach sind Anemonenfische wie der dank des Kinofilms berühmt gewordene Nemo empfehlenswert, denn sie stammen in der Regel aus Nachzuchten. ­Paletten-Doktorfische wie ­Nemos Filmfreundin Dorie dagegen zählen zu den lokal gefährdeten Arten, die in manchen Regionen durchaus mit Zyanid gefangen werden. Diese Spezies sollte man besser nur im Kino ­bewundern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2017, 17:44 Uhr

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