Sie erklärt den Konzernen die Menschenrechte

Rechtsprofessorin Christine Kaufmann leitet den Ausschuss für verantwortungsvolle Unternehmensführung der OECD. Für die Menschenrechte in der Arbeitswelt setzt sie sich schon lange ein.

«Jede Auswahl bringt Verantwortung mit sich»: Christine Kaufmann. Foto: Sabina Bobst

«Jede Auswahl bringt Verantwortung mit sich»: Christine Kaufmann. Foto: Sabina Bobst

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Eine Frage begleitet Christine Kaufmann bereits ihr ganzes Forscherinnenleben: Wie lassen sich die Menschenrechte in der Wirtschafts- und Arbeitswelt umsetzen? Seit Januar sitzt die Zürcher Professorin an einer Schlüsselstelle, um die Antworten auf diese Frage in der Zukunft mitzuprägen. Kaufmann leitet den Ausschuss für verantwortungsvolle Unternehmensführung bei der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris.

«Bis Sie beispielsweise in einen Schoggistengel beissen, hat der Kakao einen langen Weg zurückgelegt», sagt die Professorin für Öffentliches Recht, Völker- und Europarecht in ihrem Büro an der Universität Zürich. «Kakao wird an den grossen Rohstoffbörsen gehandelt. Es ist nicht ganz leicht, da überhaupt herauszufinden, woher eine Lieferung kommt», so Kaufmann. Unklar sei auch, ob alle Beteiligten akzeptable Arbeitsbedingungen hatten. Dabei sei gerade die Schokolade ein emotionales Produkt, das man mit gutem Gewissen geniessen wolle. Herausfinden lasse sich vielleicht das Herkunftsland, dann lande man bei den Zollbehörden. «Und plötzlich studieren Sie Zolltarife, obwohl es Ihnen um Menschenrechte geht.»

Etwas aus dem privilegierten Leben machen, die eigene Verantwortung wahrnehmen, sich dafür einsetzen, dass die Welt ein ganz kleines bisschen besser wird, diese Gedanken beschäftigten Kaufmann schon als junge Jusstudentin in Zürich. «Die Menschenrechte waren ein guter Einstieg ins Völkerrecht», sagt sie. Das Recht auf Nahrung machte sie zum Thema ihrer Dissertation. Stark geprägt habe sie ihre Grossmutter. Die musste sich durchkämpfen, zog als gelernte Näherin im Aargau alleine drei Kinder gross. Beklagt habe sie sich nie, das Wort unmöglich habe nicht existiert. «Sie sagte immer, du musst aus dem, wer du bist und was du hast, das Beste machen. Das geht immer.» Und miteinander teilen sei eine Selbstverständlichkeit gewesen.

Es geht um wirtschaftliche Fragen

Aus heutiger Sicht sei sie dann ein bisschen naiv an das Thema ihrer Dissertation herangegangen. «Wenn es um die Versorgung mit Nahrungsmitteln geht, landet man sehr schnell bei wirtschaftlichen Fragen und den Interessen der Unternehmen.» Genau bei jenem Themenbereich also, in dem Kaufmann heute Expertin ist. Damals habe sie die rein ökonomische Denkweise zuerst einmal verwirrt. Was zählten statistische Werte, wenn es wie beim Thema Hunger eigentlich um Menschenleben ginge?

Der Weg in die Praxis ermöglichte ihr, tiefer in die Denkweise der Ökonomen einzutauchen. Kaufmann arbeitete rund zehn Jahre bei der Schweizerischen Nationalbank. «Das Thema Verantwortung stand immer über allem. Entscheide hatten eine direkte Auswirkung auf die Menschen in der Schweiz.» Gleichzeitig sei ihr in dieser Zeit immer klarer geworden, dass Fortschritte bei den Menschenrechten nur möglich seien, wenn man die Wirtschaft in die Anstrengungen miteinbinde. Über einen Forschungsaufenthalt in den USA fand sie zur Wissenschaft zurück. «Für die Unternehmen ist es teilweise sehr anspruchsvoll, die komplette Lieferkette ihrer Rohstoffe nachzuverfolgen», sagt Kaufmann.

Erst kürzlich habe ein Bericht der internationalen Arbeitsorganisation gezeigt, dass 60 Prozent der Menschen weltweit ohne Arbeitsvertrag arbeiten. Ein Grossteil des Kakaos komme beispielsweise von Plantagen in Westafrika. «Wir wissen aber, dass es in der Elfenbeinküste Farmen gibt, auf denen Kinder in einer Art Sklavenverhältnis arbeiten müssen.» Herauszufinden, ob der eigene Rohstoff von einer solchen Farm stamme, sei komplizierte Detektivarbeit. «Wenn Sie eine Lieferung im Land lokalisiert haben, können noch immer tausend kleine Lieferanten dahinterstecken, die in keinem Auftragsbuch erscheinen.» Deshalb ist die Arbeit der Nichtregierungsorganisationen vor Ort oft entscheidend.

Unternehmen statt Staaten

Die juristischen Fragen sind ähnlich herausfordernd. «Im Völkerrecht geht es immer noch um Staaten. Unternehmen kommen praktisch nicht vor, dabei spielen sie global in den letzten Jahrzehnten eine immer wichtigere Rolle», sagt Kaufmann. Das Völkerrecht hinke den Realitäten der globalisierten Wirtschaft hinterher. Immer habe man entweder über Wirtschaftsrecht oder über Menschenrechte gesprochen, aber nicht darüber, wie sich beides miteinander verbinden lasse. Sie selbst sei deshalb lange zwischen den Stühlen gesessen, doch in den letzten 15 Jahren sei diese Position immer wichtiger geworden.

In den Menschenrechten steht, dass jeder das Recht auf Schutz seiner Persönlichkeit hat. «Doch wie lässt sich das in einem Unternehmen umsetzen, wenn jemand zum Beispiel in einer Mine schwierige Arbeitsbedingungen hat?» Und wer könnte juristisch für die Einhaltung haftbar gemacht werden?

Ein Meilenstein seien die «Leitprinzipien zu Wirtschaft und Menschenrechten» gewesen. Die UNO verabschiedete sie im Jahr 2011. Firmen sind verantwortlich dafür, die Menschenrechte zu achten, heisst es dort. Die OECD spricht zudem von einer «verantwortungsvollen Unternehmensführung». Ausserdem nimmt sie die Staaten in die Pflicht. Sie müssen dafür sorgen, dass sich die Unternehmen an die Grundsätze halten.

Kakaobohnen: Woher stammen sie? Wer hat sie gepflückt? Foto: iStockPhoto

«Wir sind heute in einer Zwischenphase; die Achtung der Menschenrechte ist für Unternehmen nicht mehr freiwillig, sondern wird erwartet, auch wenn dies noch nicht im Gesetz festgeschrieben steht.» Für diese Fragen juristische Antworten zu entwickeln, die praxistauglich sind, ist Kaufmanns Mission, nun auch bei der OECD. «Die Unternehmen müssen Verfahren etablieren, um herauszufinden, welche Risiken für Mensch und Umwelt vor Ort entstehen und wie sie sie verhindern können.» Das klinge einfacher, als es ist, wie das Beispiel Kinderarbeit zeige.

Die moralische Empörung über Turnschuhe oder Bälle, an denen Kinder arbeiten mussten, teilt Kaufmann. «Der Reflex ist, ich kaufe keinesfalls etwas aus Kinderarbeit.» Tatsächlich gebe es aber keine einfachen Lösungen. «Kinderarbeit grundsätzlich zu verbieten, ist momentan leider der falsche Ansatz.» Das hätten verschiedene Studien gezeigt. Die Familien seien finanziell meist auf das Zusatzeinkommen angewiesen. Ohne die Arbeit verschlechtert sich die Situation der Kinder, und als Ausweg droht die Prostitution. «Entscheidend ist jedoch, dass die Arbeit nicht gefährlich ist und die Kinder auf jeden Fall zur Schule gehen können.»

Gegen Kinderarbeit könne jeder im Kleinen aktiv werden. «Wir können als Konsumentinnen und Konsumenten zwischen vielen Produkten auswählen. Diese Freiheit bringt Verantwortung mit sich.» So solle man nachfragen, wo und wie beispielsweise ein T-Shirt hergestellt wurde, und es nicht schon nach zweimal Tragen wegwerfen. Sie selbst halte sich beim Einkaufen jeweils an diese Grundsätze.

Erstellt: 08.02.2019, 18:32 Uhr

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