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So könnten Kippeffekte das Klima retten

Durch kleine, aber gezielte Eingriffe im Finanzwesen, in der Bildung und der Energieerzeugung liesse sich ein Durchbruch beim Klimaschutz auslösen, behaupten Forscher.

Joachim Laukenmann
Ein Kippelement liegt laut Studie darin, Subventionen weg von fossilen Quellen hin zu erneuerbaren Energien zu verschieben, bis diese dauerhaft günstiger sind. Foto:
Ein Kippelement liegt laut Studie darin, Subventionen weg von fossilen Quellen hin zu erneuerbaren Energien zu verschieben, bis diese dauerhaft günstiger sind. Foto:

Manchmal braucht es wenig, um Grosses zu bewirken. Heizt man Puffmais auf, geschieht erst mal nichts. Erst ab einer Temperatur von 163 Grad Celsius bricht die Lawine los, und die Körner explodieren reihenweise. Der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten.

Solche Kippmechanismen gibt es nicht nur bei Popcorn. Entsprechende sich selbst verstärkende Effekte finden sich auch in der Gesellschaft. Sie liessen sich nutzen, um einen Durchbruch beim Klimaschutz zu erreichen. Das schreibt ein internationales Forscherteam um Ilona Otto vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung sinngemäss in den «Proceedings of the National Academy of Sciences». Diese sozio-ökonomischen Kippelemente könnten die Gesellschaft durch kleine Veränderungen unabwendbar in einen qualitativ anderen Zustand versetzen – hier natürlich einen, bei dem die in Paris vereinbarten Klimaschutzziele erreicht werden.

In der Geschichte gab es bereits solche dynamischen, die Gesellschaft umwälzenden Effekte. Ein Beispiel seien die Schriften von Martin Luther gewesen, die dank einer neuen Drucktechnologie möglich wurden und die Reformationsbewegung hervorbrachten, heisst es in der Studie.

In Sachen Klimaschutz sehen die Studienautoren ein entsprechendes Kippelement darin, staatliche Subventionen weg von der Energieerzeugung aus fossilen Quellen hin zu erneuerbaren Energien zu verschieben, bis diese die dauerhaft günstigere Variante der Energieerzeugung sind. Weiteres Transformationspotenzial sehen die Forscher im «Divestment», also im Ausstieg aus finanziellen Vermögenswerten, die mit fossilen Brennstoffen verbunden sind.

«Nachhaltigkeit muss gelernt werden»

Relativ kurzfristig mögliche Interventionen wie das Divestment oder die Förderung klimafreundlicher Technologien müssten durch einen gesellschaftlichen Normen- und Wertewandel dauerhaft gestützt und begleitet werden, schreiben die Forscher. Ein weiterer Kippmechanismus finde sich in der Bildung: «Nachhaltigkeit kann nicht auferlegt werden, sie muss gelernt werden», heisst es in der Studie. Deshalb plädieren die Forscher dafür, eine umwelt- und klimabewusste Lebensweise wesentlich stärker als heute üblich in den Schulunterricht einzubinden. Entsprechend identifizierten die Studienautoren noch zwei weitere Kippelemente: den Aufbau klimaneutraler Städte und transparente Informationen über Treibhausgasemissionen.

Für ihre Studie haben die Forscher zunächst weltweit Wissenschaftler nach den wichtigsten sozialen Kippelementen befragt. Aus den vorgeschlagenen 207 Elementen erarbeiteten sie die aus ihrer Sicht sechs aussichtsreichsten Kandidaten heraus, und zwar vor dem Hintergrund, dass die gewählten Kippelemente in den nächsten 15 Jahren oder früher ausgelöst werden können. Nur so könne das Ziel, die globalen Treibhausgasemissionen bis ins Jahr 2050 auf null zu senken, auch erreicht werden.

Die in der Studie vorgestellten Ansatzpunkte – Technologie, Finanzsystem und so weiter – seien an sich keineswegs neu, sagt der Umweltpsychologe Andreas Ernst von der Universität Kassel. «Neu ist die Hypothese, dass es mit bestimmten, eleganten Interventionen gelingt, grossflächige Veränderungen auszulösen.» Einen Aspekt würden die in der Studie besprochenen Eingriffe allerdings ausblenden: Politische und wirtschaftliche Machtfragen würden dazu beitragen, dass eine Gesellschaft in ihrem Zustand verharrt, statt sich zu wandeln.

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