17 schwache Nachbeben in St. Gallen

Die Lage im Gebiet um das gestoppte Geothermie-Projekt in St. Gallen scheint sich wieder zu beruhigen: Die Nachbeben werden immer schwächer, das Gas im Bohrloch wurde abgefackelt.

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Das Erdbeben der Stärke 3,6 vom Samstag bedeutet für das Geothermie-Projekt der Stadt St. Gallen einen herben Rückschlag. Dem vom Bodensee bis ins Appenzellerland spürbaren Erdstoss wegen Arbeiten im Bohrloch folgten bis Sonntagnachmittag 17 schwache Nachbeben.

Diese Mikrobeben seien in Stärke und Häufigkeit abnehmend, teilte die Stadt St. Gallen mit. Die Aufmerksamkeit auf dem Bohrplatz gelte ganz der Kontrolle des 4450 Meter tiefen Bohrlochs und der Planung der nächsten Massnahmen.

So sei das Bohrgestänge wieder eingebaut worden, heisst es im Communiqué. Dadurch konnten der Druck reguliert, die Interventionsmöglichkeiten verbessert und das im Bohrloch vorhandene Gas kontrolliert abgefackelt werden.

Die Druckverhältnisse in vier Kilometern Tiefe seien noch immer leicht labil. Weitere Mikrobeben und allenfalls spürbare Erschütterungen seien daher nicht auszuschliessen, schreibt die Stadt. Für die Bevölkerung wurde eine Telefon-Hotline (0800 747 903) eingerichtet.

Gefährlicher Gaseinbruch

Das Beben am frühen Samstagmorgen um 5.30 Uhr war vom Bodensee bis ins Appenzellerland deutlich zu spüren gewesen. Grund für den unerwartet starken Erdstoss waren die Arbeiten im Bohrloch. Dort war es am Freitag, während Vorarbeiten für Pumptests, zu einem gefährlichen Gaseinbruch gekommen.

Um dem Druck zu begegnen und um eine Explosion der Bohranlage zu verhindern, wurden rund 650 Kubikmeter Wasser und schwere Bohrflüssigkeit ins Loch gepumpt. Danach kam es zu einer Reihe immer stärkerer Beben, bis zum Erdstoss der Stärke 3,6 auf der Richterskala. Schadenmeldungen gab es keine.

Die Verantwortlichen zeigten sich an einer Medienkonferenz am Samstag überrascht und konsterniert. Die Arbeiten sind vorläufig gestoppt. Wie es mit dem Geothermie-Projekt weiter geht, wird in den nächsten Tagen entschieden, wenn alle Daten ausgewertet sind. Die Stadt setzte einen Krisenstab ein.

Stadtrat Fredy Brunner, Vorsteher der Technischen Betriebe und «Vater» des St. Galler Erdwärmeprojekts, sprach in einem Interview der «Ostschweiz am Sonntag» von einem «Super-GAU» für alle Beteiligten und für die St. Galler Bevölkerung. Am meisten Sorgen mache ihm im Moment die Ungewissheit.

Bund: Energiewende trotzdem möglich

Für die Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Geothermie, Kathy Riklin, bedeutet das Erdbeben einen Rückschlag für die Geothermie in der Schweiz. «Ich erwarte nun genaue Abklärungen, warum es zum Erdbeben gekommen ist», sagte die Zürcher CVP-Nationalrätin der Nachrichtenagentur sda.

Beim Bundesamt für Energie (BFE) wollte man nicht von einem Scheitern der Geothermie in der Schweiz sprechen. Es gelte, die Analyse des Vorfalls abzuwarten. «Erst dann können wir Aussagen über mögliche Auswirkungen machen», sagte BFE-Sprecherin Marianne Zünd.

Der Bund will die Energiewende unter anderem mit der Geothermie schaffen: 5 bis 10 Prozent des Strombedarfs sollen künftig damit gedeckt werden. Neben dem grössten Projekt in St. Gallen ist eine weitere Grossanlage in Lavey-les-Bains VD in fortgeschrittenem Stadium.

Für Marco Pfister, Experte für erneuerbare Energien bei Greenpeace, wäre die Energiewende auch ohne Geothermie möglich. Bei der Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien bis 2035, wie dies die Umweltverbände fordern, mache die Geothermie nur einen Anteil von etwa 3 Prozent der Stromproduktion aus.

160-Millionen-Projekt mit Risiko

Für die Stadt St. Gallen ist das Geothermie-Projekt eine Chance, aber auch ein finanzielles Risiko: Die Stimmberechtigten sagten 2010 deutlich Ja zu einem Kredit von 160 Millionen Franken. Die Hälfte davon kosten die Tiefenbohrung und der Bau des Kraftwerks, nochmals 80 Millionen der Ausbau des Fernwärmenetzes.

Anfang März installierte die deutsche Itag Tiefbohr-GmbH im Sittertobel einen 60 Meter hohen Bohrturm. Arbeiter und Ingenieure standen seither rund um die Uhr im Einsatz.

Das Erdbeben kam just in einer heissen Phase: In den nächsten Wochen hätten Pumptests in über 4000 Metern Tiefe zeigen sollen, ob das erhoffte Heisswasser angezapft werden kann. Im Idealfall könnten damit mehrere tausend Gebäude geheizt und Strom erzeugt werden.

In Basel war 2009 ein Geothermieprojekt nach Erdbeben gestoppt worden. Die Erdstösse erreichten dort eine Stärke von 3,4. Laut dem Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes, Stefan Wiemer, ist das Beben von St. Gallen mit jenem von Basel vergleichbar. (fko/sda)

Erstellt: 21.07.2013, 17:00 Uhr

Versicherung würde Schäden nicht decken

Am Donnerstag hat der Bundesrat Vorschläge für eine obligatorische Erdbebenversicherung veröffentlicht - nur zwei Tage später bebte in St. Gallen die Erde. Doch wäre es zu Schäden gekommen, hätte auch die neue bundesrätliche Lösung nichts geholfen. Denn in den Vorschlägen des Bundesrates ist ein Erdbeben klar definiert als «plötzliche Erschütterungen der festen Erde, die ihre natürliche Ursache in tektonischen Vorgängen in der Erdkruste haben. Erschütterungen, welche ihre Ursache im Einsturz künstlich geschaffener Hohlräume haben, gelten nicht als Erdbeben.»

In St. Gallen wurde das Erdbeben durch Arbeiten an einer Geothermie-Anlage ausgelöst, also von Menschen verursacht. Laut dem Bundesrat soll sich die Deckung aber «nur auf natürliche Ursachen beziehen». Nicht von der Versicherung gedeckt werden sollen Schäden, die ausgelöst werden durch «Einsturz von künstlich geschaffenen Hohlräumen sowie induzierte Erdbeben, d.h. Ereignisse, ausgelöst durch Tiefenbohrungen zur Rohstoffentnahme, bzw. Einpressen von Flüssigkeiten etc.»

Stadt St. Gallen müsste zahlen

Für Schäden als Folge von solchen Ursachen seien die entsprechenden Verursacher haftbar zu machen, heisst es in den Vorschlägen, die noch bis zum 14. Oktober in einer informellen Konsultation sind. Mit der Einführung einer obligatorischen Erdbebenversicherung will der Bundesrat den Versicherungsschutz verbessern. In der Schweiz bestehe ein überdurchschnittliches Erdbebenrisiko, heisst es in der Medienmitteilung des Finanzdepartements. Die Bevölkerung gehe fälschlicherweise davon aus, dass sie im Rahmen der Elementarschadenversicherung auch gegen Erdbeben versichert sei.

In St. Gallen sind durch das Erdbeben vom Samstag keine Schäden entstanden. Andernfalls müsste die Stadt in die Tasche greifen. «Es gilt das Verursacherprinzip. Es ist klar, dass die Stadt St. Gallen allfällige Schäden zahlen müsste, wenn das Erdbeben nachweislich von uns ausgelöst worden ist», sagte Marco Huwiler, Leiter Geothermie der St. Galler Stadtwerke. (sda)

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