«2022 wollen wir zum Mars»

Spacex-Manager Hans Koenigsmann hat das Konzept der wiederverwendbaren Rakete entwickelt. Damit sollen bald Touristen den Mond umrunden können.

Der Prototyp des Spacex-Raumschiffs Starship in Texas. Foto: Getty Images

Der Prototyp des Spacex-Raumschiffs Starship in Texas. Foto: Getty Images

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Herr Koenigsmann, Sie wollen einen zahlenden Passagier bis zum Mond fliegen. Wann ist es so weit?
Wir haben den Kunden Yusaku Maezawa, der den Mond umrunden will. Der Flug ist für 2023 angesetzt.

Was zahlt der japanische ­Milliardär für die Fahrkarte?
Das kann ich nicht verraten.

Wie bereiten Sie den Flug vor?
Es wird natürlich einen Testflug mit dem neuen Raumschiff Starship geben. Ob der aber zum Mond oder nur in den Erdorbit geht, ist relativ egal. Der Mond ist nur insofern eine Herausforderung, weil der Kontakt zu Starship bei der Umrundung für einige Zeit verschwindet. Aber unsere Raumschiffe funktionieren alle autonom, sie sind nicht auf den Kontakt zur Bodenstation angewiesen.

Brauchen Sie noch Passagiere, die einen Platz kaufen?
Nein, er hat sozusagen mehrere Sitze gebucht.

Das reicht aus?
Ja, weil Starship komplett wiederverwendbar sein wird. Darum beschränken sich die Kosten auf den Treibstoff und die Arbeiten am Boden, mit denen Star­ship für den nächsten Start hergerichtet wird. Ziel ist es, dass nach dem Flug das Raumschiff nicht wie bisher runderneuert werden muss, sondern einfach nur inspiziert wird. Damit sinken die Kosten drastisch.

Wann ist es so weit? Bislang hat ja nur ein kleiner Prototyp ein paar Hüpfer auf dem Boden gemacht ...
20 und 150 Meter auf dem Startplatz in Texas. Geplant ist nun ein Flug auf 20 Kilometer Höhe, danach wollen wir mit Starship in den Orbit – möglichst noch in diesem Jahr. Das Raumschiff kann auf dem Mond und übrigens auch auf dem Mars landen und von beiden Orten wieder wegfliegen. Soweit ich weiss, ist der Flug mit Herrn Maezawa der einzige bezahlte Touristenflug. Viele Leute wollen in den Weltraum fliegen, ich selber würde es auch ganz gern machen.

Hans Koenigsmann arbeitet seit 2004 als Vize­präsident für Spacex. Foto: PD

Mit der Falcon-Rakete wollen Sie bald zum ersten Mal zwei Astronauten zur Internationalen Raumstation ISS bringen. Vor ein paar ­Wochen explodierte die Dragon-Raumkapsel. Hat das Ihre Planung zurückgeworfen?
Ein bisschen schon, andererseits war es nicht so tragisch, weil wir mehrere Kapseln in Arbeit haben.

Was lief schief?
Das war während eines Bodentests, unbemannt natürlich. Ein fehlerhaftes Ventil hatte flüssigen Treibstoff in das Gasdrucksystem gelassen. Die Flüssigkeit wurde dermassen beschleunigt, dass sie ein anderes Ventil beschädigte und sich dabei entzündete. Wir haben deshalb Änderungen an der Kapsel vorgenommen, die so etwas verhindern.

Wie geht es nun weiter?
Bis Anfang November müssen wir das Rettungssystem testen, bei dem die Astronautenkapsel Crew Dragon kurz nach dem Start von der Rakete abgesprengt wird. Dann müssen wir mit der Nasa noch die Zertifizierung abschliessen, also zum Beispiel die ganzen Tests dokumentieren. Die Kapsel wird höchstwahrscheinlich Ende des Jahres startbereit sein. Die Sicherheit ist aber wichtiger, als unbedingt noch in diesem Jahr zu starten.

Dann könnten die Amerikaner erstmals seit dem Ende des Spaceshuttle 2011 wieder von Florida aus ins All fliegen und nicht mit der russischen Sojus. Ist das für die Nasa günstiger?
Der Platz für einen Flug zur ISS kostet etwa 60 Millionen Dollar, also ungefähr 20 Millionen weniger als bei den Russen.

Wie viele Starts mit Astronauten planen Sie für nächstes Jahr?
Ich hoffe, dass wir zwei Crew-Flüge machen können, dazu kommen die üblichen vier Frachtflüge zur Raumstation. Wir fliegen ja im Auftrag der Nasa, sodass es alles ihre Astronauten sind.

Könnten Sie Starship auch als Zubringer für die ISS einsetzen?
Das wäre technisch möglich. Starship hat aber mit über hundert Tonnen mehr Kapazitäten, als typischerweise zur ISS geliefert wird. Solange die Kunden mit der Falcon 9 fliegen wollen, werden wir sie anbieten.

«Die Mitfluggelegenheiten sind ein bisschen mit Linienflügen vergleichbar.»

Ein weiteres Projekt ist Ihr Starlink-System für weltweites Internet. Anfang September wäre es fast zu einer Kollision Ihres Satelliten mit einem der Raumfahrtagentur ESA ­gekommen. Ein Eingreifen der Europäer verhinderte Schlimmeres. Ist Ihnen die Kontrolle entglitten?
Eine Woche vor dem Beinaheunfall wurde die Kollisionsgefahr beider Satelliten weit unterhalb der Wahrscheinlichkeit eingestuft, bei der wir handeln müssen. Das Risiko hat sich dann aber erhöht, doch diese Meldung tauchte nicht in unserem System auf. Deswegen sahen wir keinen Handlungsbedarf, sonst hätten wir natürlich reagiert. Den Fehler haben wir beseitigt. Wir haben das grösste Interesse daran, dass wir Kollisionen verhindern, denn wir haben viele Satelliten im Orbit. Deswegen haben wir auch ein automatisches System entwickelt, das notfalls eine Ausweichaktion vornimmt.

Die ersten 60 Starlink-Satelliten sind im All, im nächsten Jahr sind 24 Starts geplant. Wie viele werden es am Ende sein?
Wir könnten auf bis zu 15'000 Satelliten gehen, werden aber zunächst 700 Satelliten im All haben, damit das Internet am Boden überhaupt mal funktioniert.

Das klingt nach viel Weltraumschrott für die Zukunft!
Nein, die Satelliten fliegen tief genug, um nach ein paar Jahren in der Atmosphäre zu verglühen – selbst wenn wir die Kontrolle darüber verlieren sollten.

Wer profitiert von Starlink?
Vor allem Gebiete, die bis jetzt eine schlechte oder keine Internetversorgung haben. Wir wollen es zunächst in den USA anbieten.

Um Geld zu verdienen, will Spacex künftig monatlich Mitfluggelegenheiten für kleine Satelliten anbieten, sogenannte Rideshare-Flüge. Startet damit eine Art ­Linienraumflugbetrieb?
Wir haben ja durchaus vor, die gesamte Raumfahrt wie die Luftfahrt aufzuziehen: also Wiederverwendbarkeit und regelmässige Starts. Die Mitfluggelegenheiten sind tatsächlich ein bisschen mit Linienflügen vergleichbar. Wir haben bisher auch schon viele Kleinsatelliten mitgenommen, wenn auf der Falcon noch Platz war. Der Bedarf steigt.

Was muss dann beispielsweise eine Hochschule zahlen, wenn sie etwas ins All bringen will?
Es gibt einen Festpreis von einer Million Dollar je 200 Kilogramm.

Dienen diese Geschäfte letztlich nur dazu, zum Mars zu kommen?
Das ist der Hauptgrund, warum es Spacex überhaupt gibt: Wir wollen den Mars besiedeln. ­Dahinter steckt die Idee von der Interplanetary Humanity, die Menschheit soll sich nicht mehr nur auf diesen einen Planeten beschränken. Wir sollten einen zweiten als Back-up haben. Ich weiss, dass sich das drastisch anhört, aber es kann Asteroideneinschläge geben, einen ver­heerenden Vulkanausbruch oder schwere Erdbeben. Und ich finde es wirklich erstaunlich, dass sich die Raumfahrt so weiterentwickelt hat, dass man zumindest nicht völlig verrückt ist, wenn man darüber nachdenkt.

Gemäss Nasa ist ein bemannter Flug zum Mars frühestens Ende der 2030er-Jahre möglich. Haben Sie mittlerweile auch Ihre Zeitpläne revidiert?
Wir haben ehrgeizigere. Aber um fair zu bleiben: Manchmal ist es schwierig für uns, sie einzuhalten. Doch wir wollen 2022 den ersten Flug zum Mars machen und 2024 bemannt fliegen.

Sie verfügen als Firma über einen der bekanntesten Startplätze, das Launchpad 39A. Von dort startete Apollo 11 vor 50 Jahren. Was ist es für ein Gefühl, dort zu sein?
Ein bisschen Gänsehaut habe ich dabei immer, wenn ich durch das Gate und den Hügel hinauf­fahre, wo früher die Apollo-­Missionen und der Shuttle gestartet sind. Wenn ich in Florida bin, versuche ich bei jedem Start, einmal um die Rakete herum­zulaufen und mit Leuten zu reden, die daran arbeiten. Der Platz hat Geschichte, das spürt man deutlich. Für mich ist 39A der Startplatz für die erste ISS-Crew-Mission. Das ist der nächste historische Meilenstein für das Launchpad.

Erstellt: 03.10.2019, 01:02 Uhr

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