38'000 Tote wegen Diesel-Betrug

Bei Abgaswerten von Dieselfahrzeugen wird geschummelt. Das kostet jährlich Zehntausende Leben, wie Forscher berechnet haben.

Dieselfahrzeuge stossen deutlich mehr Stickoxide aus, als sie eigentlich dürften.

Dieselfahrzeuge stossen deutlich mehr Stickoxide aus, als sie eigentlich dürften. Bild: Patrick Pleul/Keystone

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Nach dem VW-Abgas-Skandal wird immer klarer: Dieselautos, aber auch Lastwagen und Busse stossen massiv mehr Stickoxide (NOx) aus, als sie offiziell gemäss Zertifizierung dürften. Nun hat ein internationales Forscherteam ausgerechnet, was die Diskrepanz zwischen den tatsächlichen Emissionen im Strassenverkehr und den Abgaswerten aus den Labors der Autohersteller für die Luft und damit auch für die Gesundheit der Menschen bedeutet.

Demnach gelangen pro Jahr – wegen absichtlicher Manipulationen, schlampiger Kontrollen und aus anderen Gründen – weltweit mindestens 4,6 Millionen Tonnen zusätzliches NOx in die Luft, schreiben die Forscher im Wissenschaftsmagazin «Nature». Diese zusätzliche Luftverschmutzung sei 2015 für den frühzeitigen Tod von mindestens 38'000 Menschen verantwortlich gewesen. Insgesamt starben 2015 weltweit knapp 108'000 Menschen frühzeitig an den Folgen der Dieselabgase, am meisten in China, Europa und in Indien.

Für ihre Studie analysierten die Forscher um Susan Anenberg von der Beratungsfirma Environmental Health Analytics LLC und Joshua Miller vom International Council on Clean Transportation in Washington D.C. Daten aus den elf wichtigsten Automärkten der Welt, darunter China, den USA, Indien, Europa (EU28), Brasilien oder Russland. In diesen Märkten werden etwa 80 Prozent aller Dieselfahrzeuge weltweit verkauft. Die Forscher kombinierten bei ihrer Analyse Werte aus Abgastests im realen Strassenverkehr mit Satellitenbeobachtungen und Atmosphärenmodellen.

Hochgerechnet 180 Tote in der Schweiz

Es zeigte sich, dass schwere Lastwagen und Busse für rund drei Viertel der zusätzlichen NOx-Emissionen verantwortlich waren, ein Viertel ging zulasten der Personenwagen. In allen untersuchten Regionen machten denn auch die schweren Fahrzeuge den Löwenanteil der zusätzlichen NOx-Belastung aus, schreiben die Forscher. Einzig in Europa trugen Personenwagen deutlich mehr an zusätzlichem NOx bei als Lastwagen und Busse. In Europa kamen gemäss der Studie wegen der zusätzlichen Stickoxid-Belastung rund 11'500 Menschen frühzeitig ins Grab.

Die Schweiz wurde in der Studie nicht berücksichtigt. Rechnet man aber die europäischen Zahlen hoch, starben 2015 hierzulande rund 180 Menschen frühzeitig wegen der zusätzlichen NOx-Belastung und 450 Menschen wegen der gesamten Stickoxid-Emissionen von Dieselfahrzeugen. Gemäss Bundesamt für Umwelt (Bafu) kommt es wegen der Luftverschmutzung in der Schweiz jedes Jahr insgesamt zu rund 3000 frühzeitigen Todesfällen, davon 300 durch Lungenkrebs. Zum Vergleich: 2015 starben im Schweizer Strassenverkehr 253 Menschen.

Herzinfarkt, Schlaganfall, Lungenkrebs

Stickoxide gehören zu den wichtigsten Luftschadstoffen. Sie fördern die Produktion von Feinstaub (PM2,5) und bodennahem Ozon. Wer diesen Schadstoffen langfristig ausgesetzt ist, muss mit gesundheitlichen Problemen rechnen: Herzinfarkt, Schlaganfall und Lungenkrankheiten sind mögliche Folgen einer zu hohen Belastung. Gemäss Bafu werden beim Stickstoffdioxid, beim Ozon und beim Feinstaub die hiesigen Grenzwerte weiterhin überschritten. Beim Feinstaub sind demnach 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung einer Belastung ausgesetzt, die über dem Grenzwert liegt.

«Die gründliche Studie zeigt die gravierenden Konsequenzen des unverantwortlichen Handelns der Autohersteller auf», sagte der Experte für Umwelt und Gesundheit Roy Harrison von der University of Birmingham zur Zeitung «The Guardian». Es könne gut sein, dass die Studie die vollen Konsequenzen für die öffentliche Gesundheit sogar unterschätze.

Würden alle Länder die auch in der Schweiz seit September 2015 gültigen Abgasnormen Euro 6 (PW) respektive Euro VI (LKW) einhalten, könnten die NOx-Emissionen weltweit bis 2040 um 80 bis 90 Prozent reduziert werden, schreiben die Forscher weiter. Global könnten so über 100'000 frühzeitige Tode verhindert werden. Und mit noch stringenteren Abgasnormen könnte die Zahl noch weiter gesenkt werden. Dieselfahrzeuge sind heute gemäss der «Nature»-Studie für gut die Hälfte der gesamten NOx-Emissionen aus dem Strassenverkehr verantwortlich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2017, 17:10 Uhr

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