«Alle wussten es»

Peter Lax ist einer der letzten Zeitzeugen, die beim Bau der amerikanischen Atombombe dabei waren. Heute tritt er in Bern auf.

«Eine Bombe kann man ja nicht in Try-and-Error-Experimenten entwickeln»: Peter Lax in Bern.

«Eine Bombe kann man ja nicht in Try-and-Error-Experimenten entwickeln»: Peter Lax in Bern. Bild: Adrian Moser

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Sie sind einer der bedeutendsten Mathematiker des 20. Jahrhunderts; so bedeutend, dass abgesehen von wenigen Experten kaum je-mand versteht, womit Sie sich befassen. Fühlen Sie sich manchmal einsam?
Nein, überhaupt nicht.

Wie erklären Sie einem Laien denn Ihre Tätigkeit?
Zugegeben, das ist sehr kompliziert. Nein, eigentlich ist es unmöglich. Aber ich kann einem Nichtmathematiker zum Beispiel aufzeigen, weshalb ein Flugzeug fliegt. Dann sage ich, dass die Mathematik, die dahintersteckt, mein Fachgebiet ist. Ein anderes Beispiel ist die Wettervorhersage.

Die Wettervorhersage ist ein mathematisches Problem?
Sicher, sogar eines der interessantesten. Die Mathematik hat Grossartiges ermöglicht. Andererseits sind wir bis heute nicht in der Lage, eine zuverlässige Aussage zu machen über das Wetter der nächsten Woche. Die Lösung hierfür könnte in den Differenzialgleichungen liegen. Sie bringen hochkomplexe Phänomene in sehr kurzen Formeln auf den Punkt. Das ist mein Forschungsgebiet.

Anders als Literatur oder Medizin wird der zeitgenössischen Mathematik wenig öffentliches Interesse zuteil. Woran liegt das?
Ich bin überzeugt, dass es damit zusammenhängt, wie Mathematik an Schulen vermittelt wird. Viele Lehrer halten sich zu stark an Lehrpläne. Sie sollten stattdessen die aktuelle Forschung in ihren Unterricht einbeziehen. Denn: So komplex heutige Entdeckungen sein mögen, sie basieren immer auf jenen Grundlagen, die an der Schule unterrichtet werden.

Hatten Sie selbst schlechte Mathematik-Lehrer?
Ja. Und ich habe mich immer gefragt: Warum halten sich diese ehrenhaften, aber einflusslosen Professoren so verzweifelt an ihr Lehrmittel? Sie reden von Sinus, Cosinus, Tangens, Sekans, Kosekans und Kotangens. Dabei vergessen sie, ihren Schülern beizubringen, warum die Trigonometrie wichtig ist. Nämlich, weil sie Kreisbewegungen und Vibration beschreibt. Alles vibriert, die Luft, der Boden, die Menschen.

Trotz schlechter Professoren sind Sie der Mathematik treu geblieben. Weshalb?
Ich glaube, die Liebe zur Mathematik liegt bei uns in der Familie. Da geht es um Verkabelungen im Hirn, die angeboren sind. Ausserdem sind Mathematiker in Ungarn sehr angesehene Menschen.

Sie sind jüdischer Abstammung. 1941, als Sie gerade 15 Jahre alt waren, floh Ihre Familie vor den Nazis. Fürchteten Sie um Ihre Sicherheit?
Obschon die Deportationen und Ermordungen erst 1944 mit der Besetzung Ungarns anfingen, waren es schlimme Zeiten. Es gab antijüdische Gesetze und eine ausgeprägte antisemitische Stimmung. Meine Mutter überzeugte meinen Vater, dass wir Ungarn verlassen müssen. Die Flucht gelang aber nur, weil mein Vater, ein sehr erfolgreicher Arzt, enge Beziehungen zum US-Botschafter in Budapest unterhielt. Im November 1941 nahmen wir den Zug nach Lissabon. Ich erinnere mich, wie wir durch Deutschland fuhren in Waggons voller Soldaten der Wehrmacht.

Sie blieben unbemerkt?
Glücklicherweise. Unser Schiff verliess Lissabon am 5. Dezember 1941. Zu dieser Zeit wurden etliche Passagierschiffe von den Nazis versenkt, aber nicht unseres. Es war das letzte Schiff vor dem Kriegseintritt der USA. Während unserer Überfahrt griff Japan Pearl Harbor an, und Deutschland sowie Ungarn erklärten den USA den Krieg. Wir hatten Glück, wir haben es gerade noch so geschafft.

Schon dreieinhalb Jahre später arbeiteten Sie in Los Alamos an der Atombombe. Welche Erinnerungen haben Sie an jene Zeit?
Gegen aussen galt grösste Geheimhaltung. Innerhalb des Geländes aber gab es keine Geheimnisse, so war Oppenheimers Politik. Als ich ankam, sagte man mir: «Wir bauen hier eine Bombe aus Plutonium. Das ist ein Element, das es nicht gibt im Universum. Aber wir stellen es her.» Es kam mir vor wie Sciencefiction. Die Atmosphäre war einmalig. Ich durfte mit einigen der grössten Wissenschafter der damaligen Zeit arbeiten: Hans Bethe, Robert Oppenheimer und John von Neumann.

Da waren Sie 19 Jahre alt.
Das stimmt, doch ich wusste bereits ein bisschen Bescheid über Mathematik.

Was fühlten Sie, als der Bombentest erfolgreich war?
Ich war begeistert. Wir brauchten die Bombe. Wir mussten sie einsetzen in Hiroshima und Nagasaki, um den Krieg zu beenden. Davon war ich damals überzeugt, und ich bin es noch heute. Japan hätte womöglich noch lange weitergekämpft. Das wäre sehr blutig geworden, sehr blutig.

Viele Historiker haben dazu eine andere Meinung.
Ich weiss. Aber dass die Kapitulation Japans unmittelbar bevorgestanden hätte, scheint mir bis heute unwahrscheinlich.

Wünschten Sie sich manchmal, dass die Atombombe nie erfunden worden wäre?
Diese Frage ist unsinnig. Alle Wissenschafter, jene der Alliierten und jene der Nazis, wussten, dass in der Kernspaltung der Schlüssel zur Bombe lag. Die Frage war einzig: Wer hat sie zuerst? Nun, wir waren schneller. Die einzige Tragödie ist, dass wir die Bombe nicht früher hatten. Wir hätten sehr viel Leid verhindern können.

Auch bei der Wasserstoffbombe haben Sie mitgewirkt.
Einige meiner Berechnungen waren sicher hilfreich. Eine Bombe kann man ja nicht in Try-and-Error-Experimenten entwickeln.

Wie beurteilen Sie die Kernwaffen heute?
Es ist eine andere Zeit. Ich glaube, dass wir die Zahl der Nuklearwaffen unbedingt reduzieren müssen. Und ich hoffe, dass die Abrüstungsverhandlungen zwischen den USA und Russland erfolgreich verlaufen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.10.2010, 14:08 Uhr

Preisgekrönter Theoretiker

Peter Lax
Der 84-jährige Mathematiker zählt zu den herausragenden Vertretern seines Fachs. Für seine bahnbrechenden Beiträge zur Theorie, Anwendung und numerischen Lösung von partiellen Differenzialgleichungen erhielt der gebürtige Ungar 2005 den mit rund 1 Million Franken dotierten Abelpreis – das Pendant zum Nobelpreis für Mathematiker. Er forscht bis heute am Courant Institute of Mathematical Sciences der New-York-Universität. (TA)

Peter Lax’ Vortrag über den Mathematiker John von Neumann: 20. Oktober 2010, 19.30 Uhr, Hauptgebäude der Universität Bern.

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