Als Pöstler die Zeitung schrieben

Wenn man lange genug zurückblickt, so ins 17. und 18. Jahrhundert, sieht man, wie Post und Zeitung aus dem gleichen Haus kommen.

Manche Postmeister druckten früher selber Zeitungen: Die Gotthardpostkutsche im Juni 2012. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

Manche Postmeister druckten früher selber Zeitungen: Die Gotthardpostkutsche im Juni 2012. Foto: Sigi Tischler (Keystone)

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Jeden Morgen um 5 Uhr, kaum ist die arbeitsgesetzliche Nachtruhe vorbei, machen sich in der Schweiz Tausende von Verträgerinnen und Verträgern auf den Weg. Spätestens um halb sieben, sonntags um halb acht, müssen die Tageszeitungen bei den Abonnenten sein. Allein die Post-Tochterfirma Presto beschäftigt 10 000 Frühauf­steherinnen.

Was diese Botinnen und Boten verteilen, wurde in Druckereien hergestellt, die mit der Post nicht verwandt sind. Das war nicht immer so. Wenn man lange genug zurückblickt, so ins 17. und 18. Jahrhundert, sieht man, wie Post und Zeitung aus dem gleichen Haus kommen. «Die Post, Mutter der Zeitung» hiess 1967 eine Ausstellung im deutschen Bundespostmuseum. Das sei etwas übertrieben gewesen, meinen heute die Historiker. Aber etwas Wahres ist schon dran.

Bevor es gedruckte Zeitungen gab, wurden «Neue Zeitungen», das heisst Nachrichten, in Handschrift verbreitet. Autoren waren oft die Postmeister. Sie sassen an den Nachrichtenflüssen. Es war üblich, dass vertraulichen Briefen Zettel beigefügt waren, die allgemeine Neuigkeiten aus dem Herkunftsort enthielten. Diplomaten, Vertreter grosser Handelshäuser wie etwa der Fugger, aber auch Militärs gaben ihr Wissen so weiter. Diese «Cedulae» werteten die Pöstler aus, um Informationsbriefe, eine embryonale Form der Newsletters oder Blogs, zusammen­zustellen. Ungeniert schrieben sie auch aus Zeitungen ab, die sie zum Verteilen erhielten. So verdienten sie sich einen Zustupf zu ihrem Salär.

Meldungen, am liebsten von weit weg

Mit der Zeit stieg das Interesse an den Neuigkeiten so sehr, dass die Schreiber nicht mehr nachkamen. Manche Postmeister gingen dazu über, die Zeitungen zu drucken. Da kamen sie den Buchverlegern ins Gehege, die sporadisch Flugblätter auf den Markt brachten, Boulevardmedien, die von Missgeburten, Meuchelmördern und Kometenabstürzen berichteten. Die Postzeitungen brachten dagegen seriöse politische und wirtschaftliche Meldungen – am liebsten von weit weg, denn mit Lokalberichten hätten sie sich bei der Obrigkeit unbeliebt gemacht.

Die aktuellen Posterzeugnisse trugen respektheischende Titel wie etwa «Kayserliche Reichs-Oberpostamtszeitung». Das Zeitungswesen, so war die Meinung in einigen Regierungskreisen, gehörte zur Post, also zu einem Staatsmonopol. Das fand auch das fürstliche Haus Thurn und Taxis, das eine lukrative Konzession für das Postwesen besass und gerne auch das Pressewesen übernommen hätte. Da die Post aber noch sehr lange Sache der vielen Kleinstaaten in Europa war, unterlag die taxissche Post, die privaten Drucker konnten mit dem Aufbau der neuen Branche beginnen.

Im 19. und 20. Jahrhundert blühte die Presse, die Post spezialisierte sich auf das Zustellwesen. 2011 jedoch wagte die Schweizerische Post einen Versuch mit einer neuartigen Zeitung: «My Newspaper». Die Abonnenten konnten zum Beispiel den Auslandsteil der Zeitung A, den Sport der Zeitung B und die Lokalseiten der Zeitung C bestellen. In der Nacht wurde für jeden Abonnenten seine persönliche Zeitung auf einer Digitaldruckmaschine hergestellt, am anderen Tag lag sie im Briefkasten. Der Test zeigte, dass sich kaum jemand für diese Art der Zeitung erwärmen konnte, und wurde nach einem Jahr eingestellt. Das Projekt für eine neue Zeitungstechnik war eine Sackgasse. Inzwischen wurden die Onlinezeitungen reif. Auch ohne Post.

Erstellt: 01.10.2014, 19:14 Uhr

Walter Jäggi erzählt in seiner Kolumne vergessene Episoden aus der Geschichte der Technik.

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