Hintergrund

Als es im Schweizer AKW zur Kernschmelze kam

Vor 45 Jahren passierte in Lucens ein schwerer Reaktorunfall. Die Bevölkerung wurde erst am nächsten Tag informiert. Die Sache warf keine grossen Wellen, Atomkraft galt noch als Energie der Zukunft.

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Am 21. Januar vor 45 Jahren platzte im waadtländischen Lucens der Traum von einer eigenen Schweizer Atomtechnologie endgültig. Um 17.20 Uhr wurde das Personal von einer Schnellabschaltung des Versuchsatomreaktors überrascht. Das Brennelement 59 war teilweise geschmolzen.

Bei 600 Grad schmolz die Magnesiumhülle eines Brennstabs und kurz darauf das darin enthaltene Uranmetall. Der Schmelzvorgang erfasste darauf auch benachbarte Brennstäbe. Und der Brand von Brennelement 59 ging auch nach der automatischen Schnellabschaltung weiter.

Wegen Überhitzung barst ein Druckrohr, worauf 1100 Kilogramm schweres Wasser, Uran-Magnesium-Schmelze und radioaktiv kontaminiertes Kühlgas in die Reaktorkaverne, die gut 100 Meter im Fels bei Lucens liegt, geschleudert wurden.

Keine grossen Wellen

Wegen der chemischen Reaktion von schwerem Wasser und flüssigem Metall kam es eine Sekunde später zu einer zweiten Explosion. Der Unfall gehört zu den 20 schwersten Reaktor-Pannen weltweit. Verletzt wurde niemand.

Heute würde er auf der Internationalen Bewertungsskala (INES) auf Stufe 4 oder 5 (Unfall/Ernster Unfall) von insgesamt 7 Stufen gesetzt, damals existierte diese Skala noch nicht.

Die Bevölkerung wurde erst am nächsten Tag informiert. In der Öffentlichkeit warf der Unfall keine grossen Wellen. Der Widerstand gegen Atomkraftwerke erwachte erst in den 1970er-Jahren.

Felskaverne sofort versiegelt

Eine Untersuchung ergab, dass die Betreiber am 21. Januar 1969 - ohne dies zu wissen - einen stark beschädigten Reaktor in Betrieb nahmen. Die Magnesiumhüllen einiger Brennstäbe waren stellenweise vollständig korrodiert, weil Wasser eingeflossen war.

Die Korrosionsprodukte lagerten sich im unteren Teil des Brennelements 59 ab und verstopften dort die Kanäle für den Durchfluss des Kühlgases. Dass kaum Radioaktivität austrat, ist auch der Bauweise des Versuchsreaktors in einer Felskaverne zu verdanken.

Diese konnte sofort isoliert und versiegelt werden. Die Schweiz kam glimpflich davon, das Personal hielt die Notfallpläne ein und die Radioaktivität stieg zwar an, blieb aber weit unter den Grenzwerten.

Traum vom Schweizer Reaktor geplatzt

Mit dem Unfall ging ein Prestigeprojekt der Schweizer Industrie unrühmlich zu Ende. Ab den 1950er-Jahren hatte die Schweiz in die weltweit wachsende Atomenergie grosse Hoffnungen gesetzt. Um nicht vom Ausland abhängig zu sein, sollte ein eigener Reaktor entwickelt werden.

Mit am Projekt beteiligt waren neben anderen Unternehmen Sulzer und die Brown Bovery (BBC). Mit dem Bau des Stollens für den Versuchsatomeraktor Lucens wurde 1962 begonnen. Als der Reaktor am 29. Januar 1968 erstmals Elektrizität ins öffentliche Netz abgab, war der Traum von einer einheimischen Atomenergie aber bereits ausgeträumt.

Amerikanische Reaktoren gekauft

Anstatt auf den eigenen Reaktor zu warten, entschieden sich Stromproduzenten wie BKW oder NOK für den Bau von Atomkraftwerken mit amerikanischen Reaktoren. Bereits 1965 begannen die Bauarbeiten für das AKW Beznau I, zwei Jahre später für das AKW Mühleberg.

Nach dem Unfall wurden die 72 weitgehend unbeschädigten Brennelemente in die Wiederaufbereitungsanlage Eurochemic Belgien gebracht. Die radioaktiven Abfälle wurden in 230 Fässer gefüllt und entsorgt.

Die rund 60 Kilogramm Uran aus dem geschmolzenen Brennelement 59 wurden wie andere kontaminierte Komponenten in sechs Stahlbehälter luftdicht eingeschweisst. Diese sechs Behälter wurden 2003 ins zentrale Zwischenlager (ZWILAG) in Würenlingen AG gebracht.

Zunächst überlegte der Bund, in Lucens ein Endlager für radioaktive Abfälle einzurichten. Der Plan wurde jedoch verworfen und Teile der Kavernen 1992 mit Beton gefüllt. Im Stollen lagert der Kanton Waadt heute Museumsgegenstände und archäologische Funde. (kle/sda)

Erstellt: 18.01.2014, 17:25 Uhr

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