«Am besten überall selbstfahrende Autos»

Osterstau muss nicht unbedingt sein. Selbstfahrende Autos könnten die Verstopfung der Strassen massiv reduzieren. Ein Verkehrsingenieur erklärt, warum.

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Herr Kaufmann, der Osterstau am Gotthard hat bereits wieder begonnen. Muss das künftig nicht mehr sein, wenn bestimmte Prozesse beim Autofahren automatisiert werden?
Es gibt einiges Potenzial, um die Staubildung mit technischen Systemen zu reduzieren. Dank Sensoren können automatisierte Autos schneller als der Mensch auf Hindernisse reagieren, und die schnellere Reaktionszeit sorgt für kürzere Anhaltewege. Dadurch können die Autos näher aufeinander fahren. Dies – und damit auch die Staureduktion – kann noch intensiviert werden, wenn ein Auto mit anderen Fahrzeugen – auch solchen ausser Sichtweite – kommunizieren und das Fahrverhalten rechtzeitig anpassen kann.

Welche Idealgeschwindigkeit läge bei selbstfahrenden Autos drin?
Zur Erklärung: Bei von Menschenhand gesteuerten Autos liegt das Idealtempo im Bereich von rund 80 bis 90 Kilometern pro Stunde. Das heisst, bei dieser Geschwindigkeit kann auf einer Autobahn die grösstmögliche Anzahl Fahrzeuge pro Zeiteinheit eine Strecke durchfahren. Dies, weil dann die Abstände zwischen den Fahrzeugen kürzer sind und in einem idealen Verhältnis zur Geschwindigkeit stehen. Das Idealtempo bei selbstfahrenden Autos wurde meines Wissens noch nicht wissenschaftlich ermittelt, da die Technik noch nicht weitverbreitet ist und erst Prototypen verkehren. Es sollte aber ein höheres Tempo möglich sein dank der schnelleren Reaktionszeit eines solchen Fahrzeugs.

Wie hoch müsste der Anteil an selbstfahrenden Autos sein, um die Staus loszuwerden?
Ideal wären 100 Prozent, um auch die Verkehrssicherheit zu garantieren. Ist nur ein Auto dabei, das nicht mit den anderen kommuniziert, reduziert dies die Sicherheit massiv. Doch bis zu einer vollständigen Abdeckung ist es ein weiter Weg. Die Übergangsphase, in welcher der Faktor Mensch noch stark präsent ist, dürfte noch viele Probleme mit sich bringen, da automatisierte Fahrzeuge nicht mit herkömmlichen Autos kommunizieren können und damit die Informationen zu deren «Verhalten» nicht bekommen.

Und wenn die Fehlerquelle Mensch nicht mehr aktiv ist beim Autofahren?
Dann besteht immer noch ein Restrisiko, das nie ganz zu eliminieren ist. Auch technische Systeme stossen manchmal an Grenzen und können versagen oder ausfallen. Probleme wird es immer geben, nur die Ursachen verschieben sich. Schwierig dürfte es auch mit den juristischen Fragen werden, wenn es zu Unfällen kommt: Wer ist haftbar, wenn nicht mehr der Mensch die Maschine lenkt, sondern diese sich selber?

Was, wenn nun ein Strassenabschnitt gesperrt wird?
Hier setzt bereits heute das Verkehrsmanagement an. Entsprechende Apps und Navigationsgeräte empfehlen den Lenkern, wo man am besten einen Stau oder eine Sperrung umfährt. Das ist jedoch bei weitem nicht immer sinnvoll. Verkehrsmanagement und technische Hilfsmittel müssen noch besser aufeinander abgestimmt werden. Manchmal ist es sogar sinnvoller, im Stau zu bleiben, weil Umfahrungsmöglichkeiten oft überlastet sind. Sie können, vor allem zu Hauptverkehrszeiten, nicht all den Verkehr schlucken, der die Autobahn verlässt. Die Technik hierzu entwickelt sich jedoch sehr rasch weiter, und je mehr Informationen über den Strassenverkehrszustand vorliegen, desto bessere Empfehlungen können die Navigationsgeräte abgeben.

Werden selbstfahrende Autos die Staus einst ganz beseitigen?
Es ist eine Illusion zu glauben, dass solche Fahrzeuge alle Stauprobleme lösen werden. Jedes Auto hat nun einmal seinen Platzbedarf, und der Platz ist begrenzt. Nach wie vor wird der Verkehr ab einer bestimmten Fahrzeugmenge nicht mehr fliessen, nämlich dann, wenn die Kapazitätsgrenze erreicht wird. Mit technischen Systemen – sowohl bei den Fahrzeugen als auch bei der Infrastruktur – kann man jedoch diese Kapazitätsgrenze erhöhen, und die Strassen können so mehr Verkehr schlucken.

Erstellt: 02.04.2015, 17:13 Uhr

Andreas Kaufmann ist Geschäftsleiter der AKP Verkehrsingenieur AG in Zürich und Luzern. (Bild: zvg)

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