Atomenergie, die letzte Hoffnung?

Umweltaktivisten und umgedrehte Atomgegner formieren sich in den USA zum Kampf gegen den Klimawandel. Ein Pro-AKW-Film dokumentiert den Gesinnungswandel.

AKW-Gegner seien für den Klimawandel, suggeriert der Film: Kohlekraftwerk Neurath in Deutschland.

AKW-Gegner seien für den Klimawandel, suggeriert der Film: Kohlekraftwerk Neurath in Deutschland. Bild: Reuters

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Sie sollte die Strafe für die Menschheit sein. Pandora – die erste Frau. Eine Büchse sollte sie den Menschen schenken und ihnen mitteilen, dass diese nie – unter keinen Umständen – je geöffnet werden dürfe. Pandora öffnet die Büchse selbst. Tod, Krankheit, Arbeit, Gier, Sucht. Alle Laster und Untugenden entweichen. Übel und Krankheit erobern die Welt. Bevor auch noch die Hoffnung entweichen kann, verschliesst Pandora die Büchse wieder.

Andere Energieträger sind Laster und Untugenden.

Der amerikanische Regisseur Richard Stone spielt mit dem Bild dieser griechischen Sage. Der Dokumentarfilm «Pandoras Promise» zeigt Umweltaktivisten und ehemalige Atomkraftgegner, die erzählen, warum sie nun ausgerechnet für diese Technologie engagieren. Erdöl, Schiefergas, flüssiges Gas, Torf oder Steinkohle, alle diese Energieträger stossen CO2 aus. Sie sind, um bei Pandoras Büchse zu bleiben, die Laster und Untugenden. Die Atomenergie ist die Hoffnung, signalisiert der Film.

Schwellenländer brauchen immer mehr Strom:
Elektrokabel in einem brasilianischen Slum

Dem Klimawandel, der als grösste Gefahr für die Menschheit dargestellt wird, stellt Regisseur Stone die Atomenergie entgegen. In den USA findet die Energie- und Klimadebatte in einem anderen Kontext statt. Der Schiefergasboom hat dort zu einer Verdrängung der Kohlekraftwerke geführt, was den CO2-Ausstoss senkt. Weil die Strompreise deshalb gesunken sind, wurden viele neue Projekte für Atomkraftwerke sistiert. Nun wollen Umweltaktivisten den Klimawandel mit neuen, sicheren und effizienteren AKW bekämpfen.

Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass kaum ein Thema die Gesellschaft so radikal in «richtig» und «falsch» spaltet wie die Energiedebatte. Zudem ist die Gefahr der militärischen Verwendung der Atomtechnologie nicht zu leugnen. Die Schreckensbilder nach dem Abwurf der Bombe über Hiroshima haben sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Nicht zu vergessen auch die Katastrophen in Three Mile Island (1979), Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011). Der Dokumentarfilmer Stone nutzt die Kraft dieser Bilder geschickt und verwebt sie zu einem Argumentationsteppich, mit dessen Hilfe gezeigt werden soll, dass Atomenergie die sicherste Energiequelle ist. Die Prämisse stützt er mit Studien und Zahlen, die in animierten Grafiken verständlich dargestellt sind – unterlegt von bedrohlicher Musik.

Das stärkste Argument ist die ungelöste Frage des Abfalls.

Das Kapital des Filmes sind die starken Stimmen der Umweltaktivisten, die von ihrem Gesinnungswandel berichten. Die wechselhafte Haltung von Gesellschaft und Wissenschaft wird so sinnbildlich an den Protagonisten des Films demonstriert. In den Siebzigerjahren wurde die Atomenergie als Schlüssel zu einem neuen, goldenen Zeitalter gefeiert. Heute wird sie kritisiert. Das stärkste Argument der Gegner ist die ungelöste Frage des strahlenden Abfalls, das der Befürworter die Umweltverschmutzung.

Gefahren würden nicht richtig erkannt, kritisiert James Hansen, Klimaforscher bei der amerikanischen Luft- und Raumfahrtbehörde Nasa. So kämen heute mehr Menschen ums Leben, weil sie Smog ausgesetzt seien, als durch die Atomenergie. Nehme man das Kilowatt als Massstab für die erzeugte Energie, seien durch Kraftwerke mit fossiler Energie schon über 1,8 Millionen Menschen getötet worden.

«Reisen haben ihre Ansichten geändert»:
Gwyneth Cravens, Autorin

Alle Protagonisten im Film haben sich intensiv mit dem Thema Nuklearenergie beschäftigt. Nach dem Studium von Zahlen der UNO oder der WHO und Recherchen in den Atomruinen in Tschernobyl und Fukushima haben sie ihre Ansichten gewechselt, sind von einer radikalen Haltung in die andere gekippt. Ihre Stimmen legen sich über Bilder, welche mal atmosphärisch, mal erschreckend sind. Visuell bedient sich Stone grosszügig bei der Ästhetik der Anti-AKW-Bewegung. Zurückbleiben, trotz der versprochenen Lösung, viele Fragen.

«Atomenergie muss Teil der Lösung sein»:
Mark Lynas, britischer Klimaexperte.

Der wachsende Energiehunger, die steigenden Bevölkerungszahlen und die rasante Entwicklung der Schwellenländer führen derzeit zu einem Anstieg der Produktion von Kohlestrom in Brasilien und des Atomstroms in China. Das Wachstum ist der Motor der heutigen und der zukünftigen Wirtschaft.

Der Film beruht auf der selbstverständlichen Annahme, dass sich der Aufwärtsspirale keine Hindernisse in den Weg stellen. Die Frage des Energieträgers wird deshalb nicht nach Nachhaltigkeits-, sondern nach Effizienzkriterien beantwortet. Grundbedingung dafür wären genügend nachwachsende Ressourcen. Es ist aber so, dass die Natur ein immer knapperes Gut wird. Als Folge dieser Entwicklung nehmen Abfall und Emissionen zu. Diesen Mechanismus missachtet Stone. In einer Welt mit endlichen Ressourcen ist das ein kapitaler Denkfehler.

Pandoras Versprechen könnte sich so zu einer neuen Büchse entwickeln.

Erstellt: 05.02.2014, 10:33 Uhr

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