Interview

«Bei der Planetenjagd sind wir vorne mit dabei»

Der Astronom Francesco Pepe und sein Team haben einen neuen Planeten entdeckt. Im Interview erzählt er, wie die Uni Genf es schafft, bei der Suche nach Leben im Weltraum an der Spitze mitzumischen.

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Herr Pepe, Sie haben gemeinsam mit Ihrem Team einen neuen Planeten gefunden, der ausserhalb unseres Sonnensystems liegt. Ein grosser Durchbruch für Sie und Ihre Mitarbeiter?
Auf jeden Fall. Vor allem, weil der Planet der Erde in vielen Dingen sehr ähnlich ist. Er ist zum Beispiel nur wenig schwerer als die Erde und somit der leichteste Planet, der je entdeckt wurde. Zweitens umkreist der Planet einen Stern, der der Erde sehr nah und damit auch hell ist. Er bietet sich darum für weitere Forschung an.

Wie könnte diese weitere Forschung aussehen?
Bis jetzt kennen wir lediglich Masse und Umlaufzeit des Planeten. Das Ziel ist es nun, auch den Durchmesser, die Dichte und die Zusammensetzung seiner Atmosphäre zu untersuchen.

Welche Methoden werden Sie dafür anwenden?
Die Uni Genf ist am Instrument Harps mitbeteiligt, einem sogenannten Präzisionsspektographen, der in Chile installiert wurde. Er kann das Licht des Sterns, um den der Planet kreist, analysieren und in seine Einzelteile zerlegen – so ähnlich wie der Regenbogen, bei dem das Sonnenlicht in die einzelnen Spektralfarben zerlegt und reflektiert wird.

Welche Erkenntnisse können Sie daraus gewinnen?
Der Spektograph erstellt sozusagen einen Fingerabdruck des Sterns. Uns interessiert aber nicht in erster Linie dieser Fingerabdruck, sondern wir gewinnen daraus Informationen über die Geschwindigkeit, mit der sich der Stern bewegt: Anhand der Wellen, die das Licht aussendet, können wir bestimmen, wie schnell der Stern unterwegs ist – kurz: Wenn sich der Stern bewegt, verändert sich sein Licht, und aus den Informationen zum Licht gewinnen wir Informationen zur Geschwindigkeit.

Und was hat das nun mit dem neu entdeckten Planeten zu tun?
Das Licht des Sterns verändert sich in Abhängigkeit vom Planeten, der ihn umkreist. Wenn wir nun also das Licht des Sterns analysieren, erhalten wir auch Informationen über die Grösse und Umlaufbahn des Planeten.

Um den Planeten zu untersuchen, muss man sich also das Licht des Sterns zunutze machen. Warum so kompliziert?
Weil der Planet so weit weg ist, er ist ganze vier Lichtjahre von der Erde entfernt. Sie müssen sich vorstellen: Das ist, wie wenn man von Zürich aus mit einem Teleskop eine Fliege würde beobachten wollen, die im Berner Stade de Suisse vor einem Scheinwerfer durchfliegt. Kein einfaches Unterfangen.

Dass es eines Tages gar eine bemannte Mission zum neu entdeckten Planeten geben könnte, ist also eher unwahrscheinlich.
Darauf würde ich nicht hoffen, nein. Vor allem, wenn man bedenkt, dass wir es bis jetzt noch nicht einmal geschafft haben, eine bemannte Mission zum Mars zu schicken, der wohlbemerkt nur 20 Lichtminuten von der Erde entfernt ist.

Der neue Planet ist «erdähnlich», aber nicht lebensfreundlich. Was bedeutet das?
Das heisst, dass der Planet zwar eine ähnliche Masse und Zusammensetzung hat wie die Erde. Lebensfreundlich ist er aber trotzdem nicht, weil er seinen Stern aus sehr geringer Entfernung umkreist: Eine Umrundung dauert nur drei Tage. Es ist darum an seiner Oberfläche so heiss, dass er nicht bewohnbar ist.

Rund um den Stern Alpha Centauri ist seit den 90ern eine richtige «Planetenjagd» entstanden – an welcher Position steht die Uni Genf in diesem Rennen?
Wir sind da sicher ganz vorne mit dabei. 1995 wurde in der Sternwarte Genf der erste Exoplanet (Planet ausserhalb des Sonnensystems, Anm. d. Red.) überhaupt entdeckt, das war eine grosse Sensation. Mehr als ein Drittel aller rund 800 bis heute bekannten Planeten wurde von uns gefunden. Harps wurde von uns entwickelt und gebaut und ist noch heute eines der präzisesten Instrumente in diesem Bereich. Derzeit arbeiten wir an der Entwicklung eines neuen Spektrometers, mit dem wir noch kleinere Planeten entdecken könnten, die unserer Erde noch ähnlicher sind.

Das Harps-Instrument kostete rund 5,5 Millionen Euro. Wie finanziert die Sternwarte Genf solche Projekte?
Wir erhalten einerseits Geld von der Uni Genf, andererseits wird die Finanzierung durch verschiedene Fonds gedeckt, wie beispielsweise den vom Bund gespeisten Nationalfonds. Bei einzelnen Instrumenten arbeiten wir auch mit anderen Instituten im Ausland zusammen, weil es schlicht nicht möglich wäre, diese aus eigener Kraft zu finanzieren.

Der grosse Durchbruch wäre es doch, endlich einen Planeten zu finden, auf dem Leben möglich und wahrscheinlich ist. Wird dieser Tag je kommen – und wenn ja, wann?
Meiner Meinung nach war es schon ein grosser Durchbruch, als wir Mitte der 90er den ersten Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems entdeckt haben. Natürlich ist es das Ziel jedes Forschers, irgendwann einen Ort im Universum zu finden, an dem Leben tatsächlich möglich sein könnte. Mein Gefühl sagt mir, dass wir auf einem guten Weg sind – dass es aber noch sehr lange dauern wird bis dahin.

Erstellt: 17.10.2012, 18:58 Uhr

Der Astronom Francesco Pepe ist seit Oktober 2003 Leiter des Harps-Projekts an der Universität Genf. Er studierte Physik an der ETH Zürich. Der 44-jährige gebürtige Italiener entdeckte in seiner Karriere bereits zahlreiche Exoplaneten.

Harps ist ein Präzisionsspektrograph, der in der Schweiz entwickelt und im 3,6-Meter-Teleskop in La Silla, Chile, installiert wurde. Es wird benutzt, um neue Planeten ausserhalb des Sonnensystems aufzuspüren und ist das derzeit genaueste Instrument in diesem Bereich. (Bild: PD)

Der neue Planet: «eine geschmolzene Erde»

Astronomen der Universität Genf haben einen neuen Planeten ausserhalb unseres Sonnensystems entdeckt. Er hat ungefähr die Masse der Erde und umkreist einen der Sonne am nächsten gelegenen Sterne, Alpha Centauri B, wie sie im Fachblatt «Nature» berichten.

Ein Planet von ähnlicher Masse wie die Erde, der um einen ähnlich hellen Stern wie unsere Sonne kreist: Das weckt Vorstellungen, dass dort Leben wie bei uns gedeihen könnte. «Die Wahrscheinlichkeit ist allerdings klein», dämpft Stéphane Udry, Direktor des Observatoriums der Universität Genf, in einem Communiqué allzu hohe Erwartungen.

«Eher eine Lava-Kugel»

«Dieses Objekt kreist in nur drei Tagen um seine Sonne. Es ist sehr nahe an ihr dran», erklärt der Forscher. «Deshalb gleicht der Planet wohl eher einer geschmolzenen Erde, einer Lava-Kugel.» Zum Vergleich: Die Erde benötigt 365 Tage, um ihre Bahn um die Sonne zu ziehen.

Die Entdeckung gilt trotzdem als «symbolische Etappe», und noch ist nicht alle Hoffnung verloren, Nachbarn in nur 4,4 Lichtjahren Entfernung zu finden: «Planeten entstehen oft familienweise um eine Sonne, wie zahlreiche jüngere Entdeckungen aufzeigen», sagt Udry. «Es ist somit möglich, dass es rings um Alpha Centauri B weitere erdähnliche Planeten gibt.» (sda)

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