Belfast und die wundersame Wiederkehr der Titanic

Die Titanic wurde in Belfast gebaut, der damals wichtigsten Werftenstadt des Empire. Heute sind die Öfen der Schwerindustrie erloschen. Zum 100. Jahrestag der Titanic wird Belfast von Maschinen-Nostalgie erfasst.

Letzte Handgriffe bei der Fertigstellung der Titanic bei der Werft Harland & Wolff in Belfast: Kolorierte Aufnahme vom 20. Februar 1912.

Letzte Handgriffe bei der Fertigstellung der Titanic bei der Werft Harland & Wolff in Belfast: Kolorierte Aufnahme vom 20. Februar 1912. Bild: Carl Simo /Keystone

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Noch bis vor kurzem hätte man hier vergebens nach der Ursprüngen der Titanic geforscht. In Belfast, wo das berühmteste Schiff der Welt vom Stapel lief, lag es im kollektiven Gedächtnis noch tiefer begraben als im Atlantischen Ozean. Kein Zeichen auf dem alten Werftgelände am Hafen verriet, dass der Dampfer an dieser Stelle erdacht, erbaut, für ferne Fahrten gerüstet und beim Stapellauf von hunderttausend Menschen umjubelt worden war. Kein Schild, keine Gedenktafel.

Über rostende Ankerwinden und durch eisern schweigende Hallen irrte man noch in den späten 80er-Jahren, auf Spurensuche. Die Hafenarbeiter wussten nichts zu sagen. Im Tourismusamt stiess man auf basses Erstaunen. Bei der Stadtverwaltung zuckte man die Schultern. Ein einzelnes Denkmal, eine trauernde Göttin, war im Stadtzentrum aufzutreiben. Es war 1920 vorm Rathaus errichtet, Ende der 50er-Jahre aber wegen Behinderung des Autoverkehrs in eine Ecke des Stadtparks verbannt worden: Nicht mal eine Göttin vermochte die Erinnerung an die Titanic wachzuhalten.

Belfast schämte sich

Die Belfaster wollten die Titanic schlicht vergessen. Und sie wollten auch nicht, dass sich andere an sie erinnerten. Bei ihm in der Schule, erklärt der Belfaster Journalist und Autor Eddie McIlwaine, sei der gesunkene Dampfer «überhaupt nie» zur Sprache gekommen. Die Lehrer hätten beim Geschichtenerzählen «die Titanic-Saga bewusst ausgespart». Jahrzehnt auf Jahrzehnt scheute man sich, an die Wunde zu rühren. «Ganz Belfast vermied es, über sie zu reden», sagt auch John Andrews, dessen Grossonkel Thomas Andrews der Designer der Titanic war und der mit seiner Erfindung am 15. April 1912 unterging.

Gebaut wurde die Titanic von der Belfaster Werft Harland & Wolff. Die zumindest hatte guten Grund zu schweigen. Sie sah, ebenso wie die ihr eng verbundene Reederei White Star Line, ihren glänzenden Namen gefährdet. Der Eisberg war nicht gut fürs Geschäft. Angeblich versuchte die Geschäftsleitung der Werft noch 1958, den Titanic-Klassiker «A Night to Remember» verbieten zu lassen.«Immer hat man sich dieser Sache irgendwie geschämt, in Belfast», glaubt John Andrews. Man habe stolz sein wollen auf dieses damals grösste und luxuriöseste Schiff der Welt. Stattdessen ging der Riese gleich beim ersten Ausflug auf dem Atlantik sang- und klanglos unter. Das fiel unweigerlich auf Belfast und auf Harland & Wolff zurück.

Erst Hollywood brach das Schweigen

So kam es, dass die Stadt noch immer auf stur schaltete, als längst der Rest der Welt, in zunehmendem Medienrummel, sich vom Schicksal der Titanic fasziniert fand. Selbst nach der Entdeckung des Wracks 1985 hüllte sich Belfast weiter in Schweigen. Dass nun die lang verdrängte Schiffsleiche auf dem Meeresgrund zu greifbarer Realität geworden war, verschreckte eher die Zeitgenossen. Noch in den Jahren darauf fanden es prominente Belfaster schwer, eine Titanic-Gesellschaft auf die Beine zu stellen, wie sie überall sonst existierte.

Erst als James Cameron 1997 seinen Hollywood-Blockbuster «Titanic» in die Kinos brachte, konnte man auch in Belfast die Augen nicht länger vor der Entwicklung verschliessen. Zu dieser Zeit trudelten am Fluss Lagan die ersten Touristen ein und wollten etwas von der Titanic-Geschichte sehen. Der Zeitpunkt war günstig. Die IRA hatte drei Jahre zuvor die Waffen niedergelegt. Der Friedensprozess war in vollem Gange. Die Leute trauten sich aus ihren Löchern.

Symbol neuer Hoffnung

Mit einem Mal erkannten Stadtobere, Werftenchefs, Hoteliers und Marketingleute eine ungeahnte Chance. Von einem Symbol schmerzlichen Verlustes sollte die Titanic zu einem Symbol neuer Hoffnung werden. Hoffnung konnte Belfast brauchen. Nicht nur, weil der Tourismus während der «Troubles» zu einem Kümmergewerbe geschrumpft war. Das Tophotel vor Ort genoss die fragwürdige Ehre, «das meistzerbombte Hotel Europas» zu sein. Sondern auch, weil der Hafen inzwischen weitgehend brachlag. Weil der Schiffsbau so gut wie nicht mehr existierte. Weil Belfast, eines der grossen Industriezentren der viktorianischen Welt, sich im Laufe des 20. Jahrhunderts in eine industrielle Einöde verwandelt hatte.

Erst hatte die Wirtschaftskrise der 20er- und 30er-Jahre die Stadt und ihren Hafen getroffen. Dann war, nach einem kurzen Aufleben der Produktion zu Kriegszeiten, der Schiffsbau in den Nachkriegsjahrzehnten nachlassendem Bedarf und internationaler Konkurrenz zum Opfer gefallen. Im Zuge der blindwütigen Industriezerstörungspolitik der Thatcher-Jahre und New Labours nicht weniger verheerender Verengung der Optik auf Dienstleistungsgewerbe und City-Magnaten ging es mit Belfast, wie mit den meisten alten Industriestädten im Norden Britanniens, bergab.

Heute überlebt Belfast nur dank kräftigen Subventionen aus London. Schwerindustrie ist nicht mehr viel da. Doch auch im Staatssektor Nordirlands werden neuerdings drastische Abstriche gemacht. Jeder vierte Jugendliche ist ohne Job oder Ausbildungsstelle. Bei Harland & Wolff sind nur noch ein paar Hundert Arbeiter beschäftigt. Wo früher 30 000 Beschäftigte ein Schiff nach dem anderen produzierten, sucht man sich heute mit ein paar Windturbinenaufträgen über Wasser zu halten.

Replikate und Fata Morganas

Kein Wunder, dass die Regeneration des Hafengebiets am Ostufer des Lagan, im Zeichen der Titanic-Erinnerung so viele Erwartungen in der Stadt weckt. Queen’s Island, das alte Werftenviertel, soll sich als Titanic Quarter neu konstituieren. Das just eröffnete 100-Millionen-Pfund-Gebäude Titanic Belfast, das Titanic-Fans aus aller Welt Anlaufstelle werden will, soll «für Belfast werden, was das Guggenheim-Museum für Bilbao war». So sehen es die Bauträger und Tourismusverantwortlichen. In dem markanten Bau und um ihn herum wird nun im grossen Stil der Blütezeit des Schiffsbaus in Belfast gedacht. Mit Werften-Replikaten und modrigen Gerüchen, mit Hammerschlägen, Trockendocks und Titanic-Infotheken soll hier das Leben von vor hundert Jahren als lockende Fata Morgana auferstehen.

Auch ein paar private Initiativen haben die Idee verstanden. In einem vergammelten Lagerhaus setzt ein Verband junger Leute eine Werftkantine von 1912 in Szene. In der lässt man sich auf langen Bänken nieder und wird mit Stew und Magermilch bewirtet. Man soll sich «in die Zeit des grossen Schiffsbaus zurückversetzt fühlen».

Einst Powerhouse des Empire

Im Kleinen wie im Grossen scheint Belfast eine Wehmut nach den Jahren der Titanic ergriffen zu haben. Das kann niemanden überraschen. Die Stadt war einmal ein Powerhouse des Empire, die wichtigste Werftenstadt der Welt. In ihrem Hafen liefen Tausende von Schiffen vom Stapel. Die Palette reichte von Harland & Wolffs berühmten Ozeanriesen bis zu den unzähligen Kähnen, Schleppern, Dampfern und Kriegsschiffen, die die Seenation Nummer eins schon in früheren Jahrhunderten benötigte. Werftmanager, Hafendirektoren und betuchte Reeder in Zylinderhüten, die oft zugleich als Abgeordnete der Ulster-Unionisten in Westminster sassen, befehligten die Operationen, gaben das Tempo vor. Die protestantischen Arbeitermassen trotteten zu ihren Elf-Stunden-Schichten durch die gusseisernen Tore der Werften. Sie wohnten meist in winzigen Reihenhäusern rund ums Hafengelände. Einige kamen von weiter her, mit dem Tram.

Keine neuen Konfessions-Gräben aufreissen

Protestantisch waren diese Beschäftigten, weil Protestanten die Unternehmen führten. Obwohl ein Viertel der Bevölkerung Belfasts irisch-katholisch war, betrug der Anteil der Katholiken an der Harland-&-Wolff-Belegschaft zur Zeit des Titanic-Baus nur 7,5 Prozent. Stadtverwaltung und Industrie waren vollkommen in der Hand der loyalen Anhänger der britischen Krone. Sie wussten sich die irischen Nationalisten vom Hals zu halten. Kaum ein Katholik wagte, sich in den protestantischen Quartieren anzusiedeln. Wer es in die Werft schaffte, musste mit Repressalien rechnen.

In den Anfangsjahren versuchte Edward Harland noch, antikatholische Einschüchterungsversuche auf seinem Werftgelände zu bekämpfen. Später, als mit «Home Rule» irische Selbstverwaltung und Abspaltung von London «drohten», stellte auch er sich solchen Attacken nicht mehr in den Weg. Bezeichnenderweise will von diesen Produktionsbedingungen heute niemand mehr etwas wissen. Man wolle schliesslich keine Gräben aufreissen, sondern mit der Titanic «unser aller Erbe» verkaufen, beteuern die PR-Experten im «neuen» Belfast.

Dass die Titanic aber vor allem Erbe des damals herrschenden, privilegierten Teils der Belfaster Bevölkerung ist, macht Belfasts Reaktion auf den Untergang der Titanic noch etwas verständlicher. Ulsters Protestanten fühlten sich durch die Katastrophe zutiefst in ihrem Stolz, in ihrem Selbstbewusstsein getroffen. Bereits in Angst um ihre Vorherrschaft in Irland, musste ihnen der Untergang «ihrer» Titanic wie ein böses Omen vorkommen.

Die böse Gravur im Rumpf

Einige streuten nach der Katastrophe das Gerücht aus, Katholiken überall im Lande hätten Freudenfeuer angezündet was wenig wahrscheinlich war, weil sich an Bord des Liners jede Menge irische Emigranten befanden. Manche Katholiken wiederum erzählen heute noch, dass loyalistische Werftarbeiter in den Rumpf der Titanic knapp über der Wasserlinie die Zahl «390904» eingraviert hätten. Im Spiegelbild einer stillen See hätte sich diese Ziffernfolge als «NO POPE» (Kein Papst!) lesen lassen.

Der Versuch der Titanic-Vermarktung spaltet deren Geburtsstadt auch heute. Nicht nur im katholischen Westen Belfasts stösst man auf die beharrliche Frage, ob es nicht besser gewesen wäre, einen Teil der 100-Millionen-Kosten für Titanic Belfast ins angeschlagene Gesundheitswesen der Provinz Nordirland zu investieren statt in ein architektonisches Geisterschiff, das möglicherweise selbst sinken wird. In der Tat haben sich von all den fantastischen Bebauungsplänen für Queen’s Island bisher nur wenige umsetzen lassen. Vielen Investoren ist das Geld ausgegangen. Einigermassen einsam sitzt Belfasts «Guggenheim» in einer Hafeneinöde.

Das bestärkt all jene, denen es ohnehin eher übel wird bei der Vorstellung, dass eine Katastrophe wie die der Titanic kommerzialisiert werden soll. Der Autor Eddie McIlwaine fühlt sich «unbehaglich beim Gedanken daran, dass dieser 100. Jahrestag eines Albtraums plötzlich zu einer feuchtfröhlichen Party geraten ist».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2012, 17:49 Uhr

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