Hintergrund

Bewachte Genpflanzen

Unter grossen Sicherheitsvorkehrungen lassen Schweizer Forscher gentechnisch veränderten Weizen im Freiland wachsen. Äpfel und Kartoffeln könnten bald folgen.

Schutz für Gentechnik: Sicherheitspersonal beim Versuchsfeld in Zürich-Reckenholz.

Schutz für Gentechnik: Sicherheitspersonal beim Versuchsfeld in Zürich-Reckenholz. Bild: Steffen Schmidt

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Ein zwei Meter hoher Doppelzaun, Sicherheitsleute mit Kampfhunden, ein Mast, auf dem demnächst eine Überwachungskamera installiert werden soll – und ein Feld, auf dem es nichts zu sehen gibt. Gestern präsentierte die Forschungsanstalt Agroscope ihr neues Versuchsfeld für gentechnisch veränderte Pflanzen (GVP) den Medien. Die Weizensamen mit eingefügten Resistenzgenen sind zurzeit noch nicht sichtbar. Die Forscher haben sie in der Vorwoche, am 13. März, ausgesät. Die Pflanzen keimen unter einem gelben Netz auf der «Protected Site», wie Agroscope die Versuchsanlage nennt.

Das Feld in Zürich-Reckenholz ist gefährdet. Im Jahr 2008 zerstörten rund 35 Aktivisten ein Versuchsfeld. Vier Verdächtige wurden kurz darauf festgenommen, das Zürcher Bezirksgericht hat sie erst vor einem Monat mangels Beweisen freigesprochen. Nun patrouilliert rund um die Uhr Sicherheitspersonal in der Anlage. Eine Überwachungskamera wird künftig dabei helfen, allfällige Täter zu überführen.

Nur ein Bruchteil bepflanzt

Agroscope hat das überwachte Versuchsfeld im Auftrag des Bundes errichtet. Dieser stellt dafür von 2014 bis 2017 jährlich 750'000 Franken zur Verfügung. Ein Viertel bis zur Hälfte des Betrags wird allein die Bewachung des Areals kosten. Der Rest geht in Aufbau und Unterhalt der Infrastruktur sowie Koordination und Kommunikation. Agroscope will das Feld für eigene Projekte verwenden und anderen Forschern zur Verfügung stellen. «Wir schaffen damit eine Basis für Versuche mit genveränderten Organismen», sagt Agroscope-Chef Michael Gysi. Neben Forschung zu Nutzen und Risiken von GVP gehe es darum, das Know-how in der Schweiz zu behalten.

Ein Versuch der Forscher um Beat Keller von der Uni Zürich ist das einzige Projekt für dieses Jahr. Ihr Gesuch wurde in einem aufwendigen Verfahren vom Bundesamt für Umwelt bewilligt. Von den 30'000 Quadratmetern des Versuchsfelds wurde dafür auf nur gerade 1600 Quadratmetern Getreide ausgesät. Ein Zehntel davon ist gentechnisch veränderter Weizen. Darum herum wächst auf einem rund zwei Meter breiten Streifen die sogenannte Mantelsaat. Dabei handelt es sich um eine Getreideart, die rund 10 Zentimeter höher wächst als der Weizen, was die Verbreitung von genverändertem Pollen abschwächen soll.

Um ein Auskreuzen zu verhindern, darf im Abstand von 50 Metern weder Weizen noch Roggen kommerziell angepflanzt werden. Frühere Untersuchungen hätten gezeigt, dass die Verbreitung von Pollen bereits nach wenigen Metern drastisch sinke und nach 50 Metern nicht mehr stattfinde, sagt Michael Winzeler, Leitung Forschungsbereich Biodiversität und Umweltmanagement.Konkret untersuchen Beat Keller und seine Mitarbeiter Weize mit eingefügten Resistenzgenen gegen den Schadpilz Mehltau.

Die Forscher haben in den letzten Jahren verschiedene Resistenzgene isoliert, die sogenannte Immunrezeptoren codieren. «Diese erkennen die Anwesenheit eines Krankheitserregers und lösen eine Abwehrreaktion aus», so Keller. Er will die positiven Resultate aus dem Gewächshaus nun im Freiland unter realen Wetterbedingungen prüfen. Damit sollen die Mechanismen der Resistenzbildung erforscht und nicht neue Sorten etabliert werden. «Reine Grundlagenforschung», sagt Keller.

«Weder gut noch schlecht»

Agroscope schmiedet bereits Pläne für Projekte, die ab 2015 auf der Anlage stattfinden sollen. «Wir suchen Kooperationen», sagt Winzeler. Dies, weil die Forschungsanstalt keine eigenen GVP herstellt. So könnten künftige Versuche mit Kartoffeln, denen Resistenzgene gegen Kraut- und Knollenfäule eingefügt wurden, stattfinden. Die Pflanzen stammen von der niederländischen Universität Wageningen und enthalten ausschliesslich Gene von Wildkartoffeln. «Sie wurden bereits in anderen Ländern im Freiland geprüft», sagt Winzeler. Jetzt müsse man sie der Witterung und den Schädlingen in der Schweiz aussetzen. Weitere mögliche Versuchspflanzen sind Äpfel mit Schorf- und Feuerbrand-Resistenzgenen sowie Weizen mit Resistenzgenen gegen den Schadpilz Fusarium.

Die Reaktionen auf die neuen Versuche sind gespalten. Der Bauernverband unterstützt grundsätzlich die Forschung mit GVP. Greenpeace und die Schweizerische Arbeitsgruppe Gentechnologie sprechen von einer teuren Fehlinvestition, die an den Bedürfnissen der Landwirtschaft und der Konsumenten vorbeigehe. Diesen Kritikern entgegnet Isabel Hunger von der Eidgenössischen Fachkommission für biologische Sicherheit: «Eine Technologie ist weder gut noch schlecht – es kommt darauf an, was damit gemacht wird.»

Erstellt: 19.03.2014, 19:01 Uhr

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