Chinesische Pestizide landen auf europäischen Tellern

In Pastasauce oder Apfelsaft verbergen sich Zutaten aus China. Die Konsumenten erfahren davon nichts.

In China werden Chemikalien sehr unbeschwert eingesetzt: Landarbeiterin in der Provinz Yunnan. Foto: Stringer Shanghai, Reuters

In China werden Chemikalien sehr unbeschwert eingesetzt: Landarbeiterin in der Provinz Yunnan. Foto: Stringer Shanghai, Reuters

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Gross und prall leuchtet der Apfel. Bäuerin Qin Baohua reckt ihn in die Höhe wie eine Olympiamedaille. Sie hat nachgeholfen, mit chemischen Substanzen. Das ist bei Olympia ein Grund zum Ausschluss, in der Lebensmittelbranche aber gängige Praxis. «Ohne künstlichen Dünger und Pestizide würde der nicht so aussehen», sagt die Bäuerin stolz. Über ihren Nachbarn kann sie nur schmunzeln. Der liefert dem Zwischenhändler viel kleinere, blassere Exemplare, weil er weniger Chemie einsetzt. Frau Qin behauptet, er sei zu geizig. Wer aber bei den Pestiziden knausert, verdient letztlich weniger. Grosse und saftige Äpfel verkaufen sich eben am besten. So einfach ist das. Frau Qin spart jedenfalls nicht am falschen Ende.

Der unbeschwerte Einsatz grosser Mengen von Chemikalien ist in China nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Ein Bewusstsein für die Risiken exzessiver Spritzerei gibt es bei den meisten Bauern nicht. Auch Bäuerin Qin glaubt, dass die Chemikalien im Boden vom Wasser absorbiert werden und nicht in die Äpfel dringen. Viele Erzeuger gefährden mit dem sorglosen Einsatz von Pestiziden auf ihren Feldern auch ihre eigene Gesundheit.

Unmöglich zurückzuverfolgen

Obst und Gemüse «Made in China» ist weltweit gefragt. Die Produktion wächst seit Jahren. Auch die Schweizer Lebensmittelindustrie nimmt immer mehr Agrarprodukte aus Fernost ab – ohne dass die Konsumenten davon etwas merken. Längst nicht überall muss die chinesische Herkunft deklariert werden.

Die wachsende Nachfrage fördert in China aber auch die Bereitschaft, nicht nur grosse Mengen an Chemie einzusetzen, sondern teilweise auch hochgiftige und verbotene Substanzen, wie chinesische Konsumentenschützer klagen. Das Problem ist ein landesweites. Manche Bauern werden zwar gut und erfolgreich kontrolliert – bei vielen versagt das System aber komplett.

Apfelschorle aus China

Zu den zentralen Anbaugebieten zählen die zentralchinesische Provinz Shaanxi mit einer Produktionsmenge von rund 6 Millionen Tonnen Obst und Gemüse pro Jahr und die Region Yantai in der Küstenprovinz Shandong mit etwa 5 Millionen Tonnen pro Jahr. Insgesamt baut China mehr als 30 Millionen Tonnen pro Jahr an. 40 Prozent davon gehen auf den Weltmarkt. Laut Handelsministerium trug China 2010 allein mit 4,8 Millionen Tonnen knapp ein Viertel zur weltweiten Apfelernte bei.

Doch nur ein geringer Anteil davon geht als Frischware in den Export. Das meiste wird noch am Ort verarbeitet, etwa zu Apfelsaftkonzentrat. Dafür wird Apfelsaft stundenlang eingekocht, bis nur noch ein vitaminfreier Sirup übrig ist. Aus diesem Konzentrat wird in Europa Apfelschorle hergestellt. Was viele Verbraucher nicht wissen: Etwa 80 Prozent des verarbeiteten Konzentrats stammt inzwischen aus China.

Problematisch wird es, wenn belastete Apfelprodukte entdeckt werden und ihre Herkunft ermittelt werden soll. Die Spur des Verursachers verliert sich früh. Bäuerin Qin bringt ihre Äpfel mit dem Lastwagen zum Zwischenhändler. Dort landen die Äpfel mit jenen Hunderter anderer Kleinbauern auf dem gleichen Haufen, nur sortiert nach Farbe und Grösse. Sanktionen gegen den Einzelnen sind dann nicht mehr möglich. Die ganze Region müsste kollektiv mit Strafen belegt werden, wenn ein Bauer die Grenzwerte überschreitet. Das will aber niemand. Grosshändler nicht, lokale Behörden nicht, die Bauern sowieso nicht. «Nur eine Kooperation der Bauern unter einem eigenen Markennamen kann dieses Problem lösen, weil dann jeder an hoher Qualität der Lebensmittel interessiert ist», glaubt Professor Hu Xingdou vom Pekinger Institut für Technologie, der die Lebensmittelbranche beobachtet.

Konkurrenzlos günstig

Ähnliche Probleme gibt es auch beim Anbau von Tomaten. Zentrum des Tomatenanbaus ist Xinjiang im Nordwesten Chinas. Rund 90 Prozent aller chinesischen Tomaten wachsen hier. 166 Unternehmen kümmern sich um die Weiterverarbeitung. 2011 exportierte die Volksrepublik 1,12 Millionen Tonnen Ketchup, Saucen, Konzentrat oder Püree ins Ausland, mehr als jedes andere Land. Der Anteil am Weltmarkt beträgt 30 Prozent, berichtet die chinesische Wirtschaftszeitung. Nur 200 000 Tonnen der Produktion bleiben in China.

Die Exporte gehen auch nach Europa. Ein grosser Teil chinesischer Tomatenprodukte wird über Italien in die EU eingeführt und dann als europäisches Produkt vermarktet. Hinweise auf die chinesische Herkunft der Tomaten suchen Konsumenten auf den Verpackungen vergeblich. Welcher Lebensmittelverarbeiter gibt schon gern zu, dass er seine Ware aus China bezieht? Aus einem Land, das immer wieder durch Nahrungsmittelskandale in die Schlagzeilen gerät. Mängel bei der Hygiene und Lebensmittelsicherheit werden offenbar ausgeblendet. Denn auch für Nahrung «Made in China» gilt: Im globalen Wettbewerb ist sie fast konkurrenzlos günstig.

Weichmacher im Schnaps

Die Liste der Verstösse ist lang. Erst vor wenigen Wochen meldete die Aufsichtsbehörde den Fund erhöhter Mengen von Plastifiziermitteln in Getreideschnaps. Der Weichmacher wird normalerweise bei der Produktion von Getränkeverpackungen eingesetzt. Die Auswirkungen auf den Menschen sind zwar noch nicht zweifelsfrei nachgewiesen. Doch gibt es einen Grenzwert für die Chemikalie. Dreimal so viel wie erlaubt fand sich in den Flaschen. Die Leidtragenden sind immer wieder auch die Konsumenten in China selbst. Der Melaminskandal wurde 2008 zur landesweiten Tragödie: Mindestens sechs Kinder starben, nachdem sie mit verunreinigtem Milchpulver gefüttert worden waren, dem Melamin beigemischt war. Der Stoff ist giftig und wird unter anderem für die Kunstharzherstellung benötigt.

Doch das Problem skrupelloser Lebensmittelproduktion macht vor Staatsgrenzen keinen Halt. Betrug bei Biolebensmitteln erreicht auch Europa. Herkömmlich produzierte Nahrung wurde von Betrügern als biologisch zertifiziert und in den Westen verkauft. Weil die Kontrollen inzwischen sehr streng sind, gelangt nur noch wenig gefälschte Bioware aus China in die EU. Doch vollständiger Schutz ist fast unmöglich. Das aktuellste Beispiel von Sicherheitslücken liegt erst wenige Monate zurück. Mehr als 10'000 Schüler in Ostdeutschland erkrankten an Brechdurchfall, weil sie in den Schulkantinen Erdbeeren aus China gegessen hatten, die mit dem Norovirus verseucht waren.

Wichtige Beamte essen besser

Das Problem in China ist keineswegs ein Mangel an Gesetzen zum Schutz der Konsumenten. Es hapert jedoch an vielen Stellen an ihrer konsequenten Umsetzung und Einhaltung, weil Kontrollen zu lax sind oder Beamte geschmiert werden. «Es gibt einen moralischen Zerfall in der Gesellschaft, in der es nur noch darum geht, so viel Geld wie möglich zu machen», sagt Professor Hu. Hinzu kommt, dass wichtige Funktionäre in China über ein paralleles Versorgungssystem ernährt werden. Weil sie und ihre Familien selber nicht unter der schlechten Qualität der Lebensmittel leiden, beschränkt sich ihr Engagement häufig auf Schaufensterpolitik. «Um das Problem der Lebensmittelsicherheit zu lösen, muss ein einheitliches Versorgungssystem etabliert werden», sagt Hu.

Erstellt: 09.01.2013, 14:22 Uhr

Chinesisches Tomatenmark

Italien sagt dem Etikettenschwindel den Kampf an

Konsumentenschützer und Bauernverbände in Italien haben einen wichtigen Sieg gefeiert. Ein Gericht in der Kleinstadt Nocera Inferiore südlich von Neapel verurteilte vergangenen April erstmals einen Konservenhersteller, weil er Tomatenmark unter einer falschen Herkunftsbezeichnung verkaufte. Der Unternehmer aus Kampanien, dem Zentrum der italienischen Tomatenindustrie, hatte chinesisches Konzentrat mit dem Etikett «Made in Italy» auf den Markt gebracht – zum Grossteil im Ausland. Schätzungen zufolge gelangen so jedes Jahr gefälschte italienische Lebensmittel aller Art im Wert von 6 Milliarden Euro auf den europäischen Markt.

Der italienische Agrarminister Mario Catania bejubelte das Tomatenurteil als Durchbruch: «Die Justiz hat endlich Klarheit geschaffen in der Praxis, chinesisches Tomatenkonzentrat als italienisches Produkt auszugeben.» Europas grösster Tomatenproduzent bemüht sich seit Jahren, Betrügern das Handwerk zu legen. Vergeblich. Der Schwindel weitet sich aus. Der italienische Bauernverband Coldiretti geht davon aus, dass die Einfuhren von Tomatenkonzentrat aus China in 10 Jahren um über 270 Prozent gestiegen sind. 2011 importierte Italien 134 000 Tonnen aus China. Exportiert wurden 1,8 Millionen Tonnen.

Probleme auch bei Essig und Öl

In einer Dose Pomodori aus Italien steckt oft Ware, die aus China in 200-Kilo-Fässern im Hafen von Neapel angeschifft wurde. Verarbeiter bereiten die Ware neu auf, füllen sie ab und versehen sie mit einem italienischen Herkunftsverweis. Der Anwalt des verurteilten Unternehmens argumentierte, die Pasteurisierung des Konzentrats und der Zusatz von Wasser und Salz seien gemäss den Vorschriften als «grundlegende Bearbeitung» anzusehen, die einen italienischen Herkunftsnachweis rechtfertige. Der Richter folgte dieser Argumentation jedoch nicht.

Solche Fälle schrecken auch die anspruchsvollen italienischen Kunden auf. Die Konservenindustrie versucht nach Kräften, die einheimischen Konsumenten zu beruhigen. Doch das gelingt nur bedingt, denn das Hauptproblem bleibt bestehen: Italienische Tomatenbauern produzieren viel zu wenig, um die hohe Nachfrage aus Europa zu befriedigen. Annibale Pancrazio, Verbandspräsident der Konservenindustrie, rechtfertigt die Verschleierungstaktik der Hersteller mit dieser Zwangslage: Man müsse bei steigender Nachfrage die Position auf den Auslandsmärkten verteidigen.

Landwirtschaftsminister Catania dagegen scheint es mit dem Kampf gegen die Agrarpiraterie ernst zu meinen. Eine landesweit operierende Spezialeinheit hat in zwei Jahren mehr als 15 000 Tonnen irreguläre Produkte aller Art vom Markt genommen. Rom schaltete Interpol ein, um der Herstellung von Balsamico-Essig aus Modena nachzugehen. Vor zwei Monaten kontrollierten die Fahnder 173 süditalienische Weinkellereien bei Bari und Benevento – und entdeckten dort 3000 Tonnen aus China stammenden Most und Wein. Besonders bedenklich: Betroffen waren Hersteller von Qualitätsweinen mit geschützter Herkunftsbezeichnung. Ihnen wurden 700 000 Euro Strafe aufgebrummt. Getrickst wird auch bei kalt gepresstem Olivenöl. (Ulrike Saurer, Rom)

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