Da geht was Grosses in die Luft

Die Glarner Firma Marenco Swisshelicopter entwickelt den ersten Schweizer Hubschrauber. Seine Marktchancen stehen sehr gut – doch es wartet eine grosse Hürde.

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Alinghi, Sauber, Pilatus – diese Namen stehen für Entwicklungen, die einzigartig sind in der Schweiz und deren Innovationskraft geradezu verkörpern. Die Firma Marenco Swisshelicopter AG mit Sitz in Niederurnen GL möchte diese Liste bald erweitern: mit dem ersten jemals in der Schweiz entwickelten Helikopter, einer Art Alinghi der Lüfte.

Wie so manche Idee wurde auch die vom Heli made in Switzerland quasi am Stammtisch geboren. 2002 tauschten einige flugbegeisterte Vertreter der Engineering- und Beratungsfirma Marenco ihren Ärger über die Qualität bestehender Helikopter der 2,5-Tonnen-Klasse aus. Zu dieser Kategorie gehören die typischen Rettungs- oder Polizeihelikopter mit fünf bis sieben Sitzen. «Es ist nicht ungewöhnlich, dass es bei Regen in so einen Helikopter hineintropft», sagt Daniel Schultheiss, Mitglied der Geschäftsleitung von Marenco Swisshelicopter. Oft könne man nicht einmal die Sitze verstellen. Stehe die Maschine schräg am Berg, klemmten die Türen. «Diese Helikopter sind von der Grundkonzeption her mindestens 30 Jahre alt», sagt Schultheiss. «Überall sahen wir Optimierungspotenzial.»

2007 war die Konzeption so weit gereift, dass aus Marenco heraus die Firma Marenco Swisshelicopter gegründet werden konnte. Da die Entwickler buchstäblich mit einem weissen Blatt Papier begannen, wurden viele Aspekte komplett neu entworfen. So ist die Kabine des SKYe SH09, wie der Helikopter getauft wurde, eine Vollkarbonstruktur, wie man sie von der Karosserie der Formel-1-Boliden kennt.

«Der Marktführer Eurocopter verlangt astronomische Preise»

«Eines unserer Ziele ist es, den Komfortstandard eines heutigen Autos auf Helikopter zu übertragen», sagt Schultheiss. Dazu gehört zum Beispiel ein modulares Sitzkonzept für bis zu acht Sitze. Die Schiebetüren gleiten sanft auf innen verlegten Schienen und fallen fast von selbst ins Schloss. Ein Bodenfenster erlaubt den Blick auf Lasten, die unten am Heli an einer Longline befestigt sind. Und das Cockpit ist auf das Wesentliche reduziert: Modernste, bildschirmbasierte Geräte für Flugüberwachung, Flugplanung, Antriebsmanagement, Navigation und Funksystem ersetzen die in der Klasse übliche Sammlung unzähliger Anzeigen.

Neu entwickelt wurde auch der Rotorkopf, dessen Wartung bei heutigen Helikoptern hohe Kosten verursacht. «Der Marktführer Eurocopter verlangt astronomische Preise für Ersatzteile», sagt Gerold Biner, Flugbetriebsleiter von Air Zermatt. Ähnlich sieht das Peter Kolesnik vom Linth Air Service: «Die Dienstleistungen des führenden europäischen Helikopterherstellers sind seit Jahrzehnten für den Kunden unbefriedigend, wenn nicht katastrophal.» Daher hat Marenco Swisshelicopter viel in einen wartungsarmen Rotorkopf investiert.

Auffallend ist, dass der SKYe SH09 fünf Hauptrotorblätter besitzt. Das reduziere die Vibration, wie Schultheiss erklärt. Jeder Rotor, der sich über die Kabine bewegt, verursacht Luftstösse auf diese. Je mehr Rotorblätter vorhanden sind, desto feiner seien die Stösse, da das einzelne Rotorblatt weniger Last tragen müsse.

Bei der Lärmreduktion legten die Entwickler den Hauptfokus auf den hinteren Rotor: Zerschneidet der Heckrotor die vom Hauptrotor erzeugten Wirbel, entsteht das für Helikopter charakteristische Knattern. Lange tüftelten die Entwickler am Design der optimierten Heckrotorblätter.

Die Rega hält sich noch zurück

Angetrieben werden die Rotoren von der neusten Turbine der Marke Honeywell, die laut Schultheiss sehr effizient und wartungsarm sei. Dank dieser Turbine soll sogar auf Gipfelhöhe des Matterhorns das Schweben mit einer Ladung von 1,3 Tonnen möglich sein. «Damit lassen sich in dieser Höhe Rettungseinsätze mit Seilwinde fliegen, was für diese Hubschrauberklasse einmalig ist», sagt Schultheiss. Natürlich eignet sich der SKYe SH09 dank hoher Flexibilität und Reichweite auch für Passagierflüge, für Film- und Fotoaufnahmen, für den Lastentransport und vieles mehr.

Da der Heli nur eine Turbine besitzt, kommt er trotz der beachtlichen Kennzahlen für die Rega vorerst nicht infrage: «Die Rega hat sich vor vielen Jahren entschieden, für Rettungsflüge nur noch zweimotorige Helikopter einzusetzen», sagt Rega-Sprecherin Ariane Güngerich. Eine Variante mit zwei Turbinen ist bei Marenco längerfristig geplant.

Geflogen ist die Maschine bisher nur virtuell. Mit aufwendigen Computersimulationen wurden Flugdynamik, Strömung, Schwingungsverhalten und Stabilität optimiert. «Kritisch ist zum Beispiel das Landegestell», sagt Schultheiss. Dieses dürfe sich einerseits nicht in der Eigenresonanz des Hubschraubers aufschaukeln und müsse andererseits dafür sorgen, dass die Insassen einen Absturz gemäss internationalen Richtlinien überleben.

Im Hochgebirge läuft er zu Hochform auf

Die Marktsituation ist laut Schultheiss sehr gut. Analysen diverser Firmen beziffern den Bedarf an Helikoptern von 2010 bis 2019 auf weltweit 15'000 Stück. 50 Prozent davon entfielen auf Leichthelikopter wie den SKYe SH09.

Anfang März war Marenco mit einem Vorprototyp auf der Heli-Expo in Orlando präsent. «Die Resonanz war sehr gut», sagt Schultheiss. «Wir konnten mehrere Kaufabsichtsverträge unterzeichnen.»

Laut Biner von Air Zermatt ist der Marenco-Helikopter in der Tat vielversprechend: «Marenco hat alle Punkte, die insbesondere im Hochgebirge von grösster Priorität sind, in den SKYe SH09 einfliessen lassen.» Wird das Produkt wirklich auf den Markt gebracht und anschliessend weiterentwickelt, ist das Absatzpotenzial gross. «Nach unserer Erfahrung ist es im jetzigen Entwicklungsstadium aber noch zu früh, um eine Prognose über die Erfolgschance des Helikopters zu machen», sagt Pilot Daniel Aufdenblatten von Air Zermatt. «Oft werden die Leistungsdaten während der Entwicklung nach unten korrigiert.»

Im Test wird der Helikopter mit Hühnchen beschossen

Was Flexibilität, Design, Verarbeitungsqualität und Technologie betrifft, wird der Marenco-Helikopter die mehr als 30 Jahre alte Konkurrenz von Eurocopter, AgustaWestland, Bell und MD Helicopters nicht fürchten müssen. Die grösste Hürde sehen die Experten in der Zertifizierung bei der Europäischen Agentur für Flugsicherheit. Dafür muss der Heli teils verrückte Tests absolvieren. So wird er mit «Güggeli-Kanonen» beschossen, um zu prüfen, ob er der Kollision mit Vögeln standhält. Er muss Blitzschlag über sich ergehen lassen, simulierte Brände und vieles mehr.

Derzeit baut Marenco einen Prototyp, dessen Jungfernflug im Frühjahr 2012 vorgesehen ist. Zwei weitere Prototypen sollen bis 2014 die nötigen Zertifizierungen erhalten. Und ab 2015 ist die Auslieferung geplant: In Mollis GL will Marenco eine Produktionsstätte errichten. Über eine Investorengruppe sei die Finanzierung bis zur Markteinführung und zum Hochfahren der Produktion sichergestellt. Zehn «Alinghis der Lüfte» möchte Marenco Swisshelicopter im ersten Produktionsjahr liefern. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.04.2011, 12:50 Uhr

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