Das Ende des Telegramms

Handy und Computer machten dem Telegramm den Garaus: Nach 163 Jahren Betrieb schlossen die Telegrafenämter in Indien am Sonntag für immer. Telegramme prägten das Leben vieler Inder.

Letzter Arbeitstag: Ein Mitarbeiter des Telegrafenamtes in Mumbai sendet ein Telegramm.

Letzter Arbeitstag: Ein Mitarbeiter des Telegrafenamtes in Mumbai sendet ein Telegramm. Bild: Keystone

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Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten, Geburtstagsgrüsse, Todesanzeigen – in Indien versandte man über Jahrzehnte jegliche Neuigkeiten per Telegramm. Damit ist jetzt Schluss. Seit gestern sind alle Telegrafenämter in Indien für immer zu. «Mit SMS, Fax und E-Mails hat der Telegramm-Service seine Relevanz verloren», sagte ein Sprecher des staatlichen Telekommunikationsunternehmens BSNL der Zeitung «The Hindu».

Wurden 1985 jährlich noch 60 Millionen Telegramme aufgegeben, waren es 2012 noch knapp 40'000. Hatte früher ein Telegrafenamt ein Heer von rund 500 Austrägern, waren es zuletzt noch knapp zehn. Kurz: Telegramme wurden zum Verlustgeschäft. Alles Sparen half nichts, auch die Preiserhöhung vor zwei Jahren verfehlte ihr Ziel: Obschon ein Telegramm mit 50 Worten neu umgerechnet 45 statt fünf Rappen kostete, machte das BSNL weiterhin Millionenverluste – zu viel, sagt nun der indische Staat.

Der Niedergang des Telegramms in Indien geschah ebenso rasant, wie es vor 163 Jahren populär wurde: Am 5. November 1850 verschickte der junge Ire William Brooke O’Shaughnessy das erste Telegramm in Indien – von Kalkutta in das wenige Kilometer entfernte Diamond Harbour. Drei Jahre später hatte die britische Ostindien-Kompanie bereits 6000 Kilometer Telegrafenkabel verlegt, plötzlich konnten die Inder schnell zwischen ihren Grossstädten kommunizieren.

Der Tod als Nachricht

Historiker sind zudem überzeugt, dass der Aufstand indischer Truppen gegen die britische Kolonialherrschaft 1857 unter anderem am Telegramm scheiterte. Die Briten waren im Vorteil, weil sie via Telegramm unverzüglich Warnungen über Aufstände und gegnerische Truppenbewegungen austauschen konnten.

Über die Jahre wurden die Leitungen ausgebaut, Telegrafenämter eröffnet, jeder noch so entlegene Ort des Landes konnte mit Telegrammen erreicht werden. Alternativen gab es kaum. Vor der wirtschaftlichen Öffnung des Landes in den 1990er-Jahren war jedes Telefon ein Luxus, das Leitungsnetz überlastet und unzuverlässig. Einzig das Telegramm brachte wichtige Nachrichten schnell und sicher zum Empfänger.

Die Ankunft des Telegrammboten auf dem Fahrrad repräsentierte für viele Inder einen prägenden Einschnitt im Leben: den Tod eines Familienmitgliedes, eine Beförderung, einen Krankheitsfall, Glückwünsche zur Hochzeit. Das Telegramm brachte Romantik, Drama und meist auch eine unerwartete Wendung. So ist es wenig überraschend, dass eine Papier-Nachricht beinahe in jedem Bollywood-Film verschickt wurde.Die mit der Maschine eingestanzten Grossbuchstaben strahlten in Indien Autorität und Wichtigkeit aus.

Ein letzter Ansturm

Die Ankündigung des letzten Telegramms löste noch einmal einen grossen Ansturm aus: Am Sonntag waren zahlreiche Inder in die 75 Telegrafenämter des Landes geströmt, um Souvenir-Botschaften an Familien und Freunde zu versenden. Nicht wenige richteten ihre Telegramme zudem an Premierminister Manmohan Singh. Darin forderten die Bürger den Regierungschef auf, der Korruption im Lande ein Ende zu setzen.

In der Schweiz können seit 1999 keine Telegramme mehr aufgegeben werden. Grund war der drastische Rückgang der versandten Telegramme. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.07.2013, 07:41 Uhr

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