Das Tempo sorgt für Probleme

Wie viele Güter der Gotthard-Basistunnel schlucken kann, hängt von vielen Unbekannten ab. Eine wesentliche Rolle spielt der Konflikt zwischen dem unterschiedlichen Tempo von Personen- und Güterzügen.

Die Geschwindigkeit ist entscheidend:  Je weniger sich die Tempi verschiedener Züge auf einer Strecke unterscheiden, desto mehr Züge lassen sich pro Stunde durchschleusen.

Die Geschwindigkeit ist entscheidend: Je weniger sich die Tempi verschiedener Züge auf einer Strecke unterscheiden, desto mehr Züge lassen sich pro Stunde durchschleusen. Bild: SBB

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Sechs Güter- und zwei Personenzüge sollen den Gotthard-Basistunnel pro Stunde und Richtung durchqueren, wenn dieser zentrale Teil der Neuen Eisenbahn-Alpentransversalen (Neat) 2017 eröffnet wird. Die beiden Personenzüge folgen sich im Abstand von einer halben Stunde. Das teilten die SBB auf Anfrage mit. Von dieser aktuellen Trasseeplanung kann es je nach Nachfrage Abweichungen geben. So lassen sich zum Beispiel an Wochenenden, wenn der Gütertransport abnimmt, in Spitzenstunden zusätzliche Personenzüge führen.

Schneller nach Mailand

Im Personenverkehr wird damit auf der Gotthardachse neu der Halbstundentakt realisiert: Jede Stunde fährt ein internationaler Zug von der Deutschschweiz nach Mailand und ein nationaler ins Tessin (der gleiche Takt gilt von Süden nach Norden). Zusätzlich verkehrt auch nach der Neat-Eröffnung mindestens alle Stunden ein Interregiozug auf der alten Gotthard-Bergroute, um die Stationen Erstfeld, Göschenen, Airolo, Faido und Biasca zu bedienen. In Arth Goldau besteht für Leute, die aus Basel/Luzern oder Zürich/Zug in den Süden reisen, weiterhin die Möglichkeit, vom Schnell- in den Interregio umzusteigen oder umgekehrt.

Der internationale Schnellzug soll mit 200 km/h durch den 57 Kilometer langen Basistunnel rasen, während der Schnellzug ins Tessin sich mit 160 km/h begnügt. Die Tempodrosselung für den Tessiner Zug habe man gewählt, um genügend Kapazität für den Güterverkehr zu wahren, erklärt SBB-Sprecher Christian Ginsig.

Tempo versus Kapazität

Würde das Spitzentempo des Mailänder Zugs im Basistunnel ebenfalls auf 160 km/h begrenzt, was vier Minuten Zeitverlust brächte, könnte ein zusätzlicher Güterzug pro Stunde und Richtung durch die doppelspurige Neat fahren. Noch stärker liesse sich die Zugzahl im Basistunnel erhöhen, wenn die Personenzüge gebündelt hintereinander und/oder noch langsamer fahren. Denn je weniger sich die Tempi der Züge auf einer Strecke unterscheiden, desto mehr Züge lassen sich pro Stunde durchschleusen.

Zwischen dem Ziel, die Personen möglichst schnell nach Mailand zu bringen, und dem Ziel, möglichst viele Güter durch die Neat zu befördern, besteht also ein Konflikt. Die SBB betrachtet die jetzt gewählte Lösung aus drei Gründen als optimal:

Mit dem gewählten Tempomix von 200 respektive 160 km/h für die Personenzüge reiche die Kapazität für zusätzlich sechs Güterzüge pro Richtung. Güterzüge können mit maximal 120 km/h durch den Tunnel fahren.

Mit diesen sechs Güterzügen lasse sich das Ziel des Verkehrsverlagerungsgesetzes erreichen, welches das Parlament zum Schutz der Schweizer Alpen (Alpeninitiative) beschlossen hat. Demnach muss die Zahl der alpenquerenden Lastwagenfahrten pro Jahr auf 650'000 insgesamt oder rund jährlich 500'000 auf der Gotthardachse begrenzt werden.

Für mehr als sechs Güterzüge fehle es vorderhand an Bahnkapazität auf den Zufahrtsstrecken im Norden (Basel–Erstfeld) und Süden (Italien–Biasca).

Zusätzliche Verladestelle

Trotz begrenzter Kapazität auf den Zufahrtslinien bleibt ein Grund, die Kapazität für den Gütertransport im Neat-Basistunnel zu erhöhen: Der Verein Alpeninitiative schlägt nämlich vor, die neue Bahnröhre zusätzlich zu nutzen, um auf der Strecke Erstfeld–Biasca eine Rollende Landstrasse (Rola) einzurichten; dies zumindest während der Zeit, in der die Gotthard-Strassenröhre saniert wird. Um die 500'000 verbleibenden Lastwagenfahrten auf der Gotthardachse auf die Bahn zu verlagern, braucht es zusätzlich drei Rola-Züge pro Stunde und Richtung.

Laut Konzept der Alpeninitiative sollen also zwei Personen-, sechs Güter- und drei Rola-Züge pro Stunde und Richtung durch den Neat-Basistunnel rollen. Dazu müsste das Tempo beider Personenzüge auf 160 km/h gesenkt werden, und diese müssten gebündelt, also kurz hintereinander verkehren. Oder ein Teil der Güterzüge müsste weiterhin über die Bergstrecke verkehren. Das hat der ETH-Architekt und Eisenbahnplaner Paul Romann in einer Untersuchung für die Alpeninitiative ausgerechnet.

Viele Wenn und Aber

Die Gotthard-Neat verfügt also über genug Kapazität, um ab 2017 alle Güter, die heute auf der Gotthardachse hin- und hergekarrt werden, auf die Schiene zu verlagern. Zumindest theoretisch. Denn zu allen Erwägungen und Rechnungen gibt es eine Reihe von Unbekannten. Unbekannt ist zum Beispiel die Entwicklung im alpenquerenden Verkehr. So kann ein massives Wachstum die Kapazität der Neat schnell auffüllen. Ungewiss ist auch, wie sich die Normen und damit die Volumen der Wechselbehälter im Strassentransport entwickeln. Falls die EU höhere Lastwagen zulässt und die Schweiz die Eckhöhen auf den Zufahrtsachsen nicht rechtzeitig auf 4 bis 4,20 Meter erhöht, scheitert die Verlagerung und entwertet die in die Neat investierten Milliarden. Neben der Kapazität sind auch ökonomische Instrumente nötig, um die Laster auf die Bahn zu bringen, etwa die viel diskutierte Alpentransit-Börse. Fazit: Für die Verlagerung der Güter braucht es mehr als einen langen Tunnel.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2010, 08:30 Uhr

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