Daten rasen über fragile Autobahnen

300'000 Kilometer lange Glasfaserleitungen am Meeresgrund übertragen den weltweiten Datenstrom. Die Internet-Infrastruktur ist teuer und verletzlich. Jetzt lässt sogar Google eigene Unterseekabel verlegen.

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Morgen Freitag können die Internetnutzer in Vietnam aller Voraussicht nach wieder aufatmen. Bis dann soll das 20'000 Kilometer lange Tiefseekabel, das Südostasien mit Nordamerika verbindet, repariert sein. Vor rund zwei Wochen wurde es zum wiederholten Mal beschädigt, wodurch sich die Kapazität für internationale Internetverbindungen um bis zu 70 Prozent reduzierte.

Weltweit sorgen mehrere Hundert solcher Tiefseekabel dafür, dass Daten in Bruchteilen von Sekunden über mehrere Kontinente hinweg spediert werden können. Sie sind zugleich Rückgrat und Achillesferse der Internetgesellschaft. Die US-Firma Tele Geography hat alle 263 Kabel katalogisiert und kartiert. Die jährlich aktualisierte «Submarine Cable Map» zeigt das diffuse Geflecht der unterseeischen Glasfaserkabel. Zunächst fallen die transatlantischen Verbindungen auf, worauf die NSA-Affäre ein Schlaglicht warf. Kaum ein Küstenstreifen, der keinen Knotenpunkt aufweist. Sogar in die Arktis führt ein Kabel. Die Verbindungen in Asien sehen aus wie eine wilde Kritzelei. Die Karibik ist ein weiterer Knotenpunkt. Unter den Inseln mit weissen Traumstränden laufen die Informationsstränge, die die Wirtschaft von Nord- und Südamerika zusammenhalten. Die Map bietet einzigartige Einsichten in die Verwobenheit der Welt im Informationszeitalter.

Noch bis in die Fünfzigerjahre war das Meer sozusagen kabelfrei. Funk blieb der einzige Kommunikationsweg zwischen den Kontinenten. 1956 ging dann die erste transatlantische Unterwasserverbindung für Telefonie in Betrieb. Inzwischen sind die alten analogen Kupferkabel längst durch moderne Kabel abgelöst. Zwar werden auch entlang von Bahntrassen, Autobahnen oder Stromleitungen Glasfaserkabel auf terrestrischen Routen verlegt. Doch 90 Prozent der internationalen Kommunikation verlaufen über Tiefseekabel. Glasfaserkabel haben den Vorteil, dass sie billiger sind als Satelliten und Informationen viel schneller übermitteln können.

Der Weg einer E-Mail

«Während es zahlreiche Pfade zur Übermittlung gibt, wird Ihre E-Mail einen ziemlich vorhersehbaren Weg einschlagen», sagt Jonathan Hjembo, Senior Analyst bei Tele Geography. «Zuerst zu einem Drehkreuz, dann über einen Internethighway weitergeleitet. Wenn man zum Beispiel eine E-Mail von Stuttgart nach Boston schickt, wird sie zuerst nach Frankfurt geleitet und über den ­Kanal nach London geschickt. Von London aus geht es nach Westen zu einer von vier Stationen in Grossbritannien, wo Unterseekabel anlanden. Dann wird Ihre Mail von einer der sieben transatlantischen Kabel unter dem Ozean hindurchbefördert, ehe sie in New York über ein lokales Netzwerk nach Boston geleitet wird. Das alles geschieht in Milli­sekunden.»

Die Installation eines Glasfaserkabels erfordert einen immensen logistischen Aufwand. Forschungsteams untersuchen in Expeditionen die geologische Beschaffenheit des Meeresbodens und eruie­ren eine Kabeltrasse. Dann rücken spezielle Schiffe aus, die in einer Tiefe von 1000 bis 1500 Metern eine Art grossen Rechen über den Grund ziehen, um Hindernisse zu beseitigen. Der maritime Räumdienst fördert dabei bisweilen altes Kriegsgerät an die Oberfläche. Schliesslich graben Kabelverleger mit einem ferngesteuerten Roboterpflug bis zu 1,5 Meter tiefe Gräben in den Meeresgrund, in die die Kabel gelegt werden. Der Grund: Die etwa faustdicken Kabel können durch Anker vorbeifahrender Schiffe oder durch Grundschleppnetze der Trawlfischer beschädigt werden.

In Küstennähe können die Kabel nur im Schneckentempo verlegt werden. Für das Main One Cable etwa rückten am Strand von Seixal in Portugal Bagger und Bauarbeiter an, um die letzten Meter Kabel ins Meer zu verlegen.

Die Kabel müssen zudem ständig gewartet werden. 1986 verstummte eine Leitung auf den Kanarischen Inseln. Als das Reparaturschiff der Telefongesellschaft AT & T das Kabel aus mehr als 1000 Meter Tiefe hievte, steckten 50 Haifischzähne in der Polymerschutzhülle.

90'000 Dollar pro Kilometer

Die Kosten sind enorm. Ein Kabel, das unlängst im Mittelmeer verlegt wurde, kostete 90'000 Dollar – pro Kilometer. Ein neues Transpazifikkabel zwischen den USA und Asien schlug mit 240 Millionen Dollar zu Buche. «Die Kosten reichen von 15 Millionen Dollar für kleinere Systeme, die Inseln verbinden, bis hin zu 500 Millionen Dollar für ein grösseres Kontinentalnetz, das derzeit in Lateinamerika gelegt wird», sagt Hjembo. Die Datenautobahn hat ihren Preis. Die meisten Kabel sind im Besitz von grösseren Konsortien.

Google plant laut einem Bericht des «Wall Street Journal» ein eigenes Tiefseekabel. Das Kabel soll von Googles Rechenzentrum im US-Bundesstaat Oregon nach Japan reichen. Im Oktober kündigte der Konzern an, ein weiteres Unterwasserkabel von den USA nach Brasilien zu verlegen. Es soll eine Datendurchsatzrate von 64 TBit/s ermöglichen. Die Kosten für das Projekt belaufen sich auf 60 Millionen Dollar. Angesichts einer Serie von Haifischbissen an Tiefseekabeln in der Vergangenheit wird auch Google seine Kabel besser dagegen schützen müssen.

Wenn sich die Internetseite aus Japan langsam aufbaut, könnte es daran liegen, dass vor der Karibik ein Kreuzfahrtschiff seinen Anker auf einen Hunderttausende Dollar teuren unterseeischen Kabelverstärker geworfen hat oder ein Erdbeben in der Tiefsee gerade ein Seekabel zerstört hat. Das Fundament unserer Kommunikation ist fragil.

Erstellt: 21.01.2015, 23:31 Uhr

Verwundbare Verbindungsnetze

Saboteure könnten das Internet grossflächig lahmlegen

Im Hafen von Alexandria wurden im März 2013 drei Männer festgenommen, die dabei waren, ein Internet-Seekabel zu durchtrennen. Die Küstenwache konnte die Taucher gerade noch aufhalten. Kurz davor war vor der Nordküste Ägyptens das Seekabel von Seacom an mehreren Stellen zerstört worden. Der Chef der Telefongesellschaft Egypt Telecom sagte, der Vorfall habe die Internetgeschwindigkeit um 60 Prozent verlangsamt. Ägypten ist verwundbar, weil es einen Flaschenhals von 14 Kabeln aus Kairo und Alexandria gibt.

«Mehrere Schnitte in das Seekabel vor der Nordküste von Ägypten im Mittelmeer haben Auswirkungen auf eine Reihe von Kabelsystemen in Afrika, im Nahen Osten und in Asien und auf den Anschluss an Europa», gab Seacom-Chef Mark Simpson bekannt. Die Durchtrennung der Leitungen an der ägyptischen Küste hätte einen Dominoeffekt zur Folge, die Internetversorgung in mehreren Regionen wäre lahmgelegt.

Saboteure können massive Schäden anrichten, mit verheerenden Folgen für die Volkswirtschaften. Zumal ein immer grösserer Teil der Wertschöpfung auf Internetaktivitäten basiert. Nicht Öl-Pipelines, sondern Unterseekabel sind heute die neuralgischen Punkte der Weltwirtschaft. Durch sie fliesst das Gold des ­Informationszeitalters: Daten. Einige kürzere Kabel verlaufen durch geopolitisch höchst sensible Gebiete wie Georgien, Russland oder Syrien. Kaum vorzustellen, was passieren würde, wenn es hier zu grösseren Ausfällen käme.

Manipulierte Informationen

Dabei muss man die Verbindungsnetze nicht physisch beschädigen, um sie zu sabotieren. Das NSA soll laut Whistle­blower Edward Snowden Glasfaserkabel zwischen den Kontinenten abzapfen. Spekuliert wird, dass die Besatzung des U-Boots Jimmy Carter an den Glasfaserkabeln einen Splitter installiert und eine Leitung in das Rechenzentrum des Geheimdienstes gelegt hat. Die Informationen könnten so vorgefiltert und verdichtet und zur Basisstation zurückgefunkt werden, ohne dass der Adressat etwas davon merkt.

Peter Hughill, Geografieprofessor an der Texas A&M University und Autor des Buchs «Global Communications Since 1844: Geopolitics and Technology», sagt: «Das Wichtigste sind die Knotenpunkte, durch welche die Netzwerke gehen, und ob die Betreiber Inhalte dechiffrieren können. Das war schon der grosse geopolitische Vorteil Grossbritanniens im Zweiten Weltkrieg.» Der Experte glaubt nicht, dass die Kommunikation abhör­sicher ist. «Ich höre immer wieder, dass diese Glasfaserkabel sicher seien. Das denke ich nicht. Es gibt Gerüchte, dass die Kabel Hintertüren haben, durch die Nachrichtendienste wie die NSA Zugang haben. Es ist definitiv keine sichere Form der Kommunikation.»

Von Adrian Lobe

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