Der Gelähmte, der das Laufen neu lernte

Der Paraplegiker David Mzee erzählt, wie er dank eines Neurostimulators aus Lausanne wieder erste Schritte machen konnte. Und dass sich Leute von überall auf der Welt für ihn freuten.

«Da wusste ich, jetzt ist etwas kaputt»: David Mzee erzählt von seinem Unfall, und wie er Jahre später wieder die ersten Schritte ging. (Video: Sabina Bobst/Anthony Ackermann)

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David Mzee liebte es, Handball zu spielen, Ski zu fahren, in den Bergen zu wandern oder die Schweizer Kampfkunst Jampado zu betreiben, die durch Konzentration in der Bewegung Körper und Geist vereint. Deshalb wollte er sein Hobby zum Beruf machen und liess sich damals an der ETH Zürich zum Sportlehrer ausbilden. Doch kurz vor seinem Bachelor passierte es. Ein Sprung, der sein Leben veränderte. Ein missglückter Dreifachsalto beim Training im Leistungszentrum Rümlang.

«Es war wie ein Schlag auf den Kopf», erinnert sich David Mzee, der im November 2010 kopfüber in den Schaumstoff der Schnitzelgrube flog. Er habe Angst gehabt, dort drin zu ersticken, bekam kaum noch Luft, konnte seine Arme und Beine nicht mehr bewegen und hatte unerträgliche Schmerzen. Mit letzter Kraft versuchte er die Atemtechniken, die er beim Jampado gelernt hatte, zu nutzen, um dort reglos auf den Notfallarzt warten zu können. Seit dem verhängnisvollen, mehrfachen Überschlag vom Minitrampolin ist er querschnittgelähmt.

Noch am Unfallort entschied sich der junge Mann aus Wetzikon, nicht aufzugeben, die neue Situation irgendwie zu akzeptieren, auch wenn dies immer wieder schwer ist. «Ich schaue lieber nach vorn anstatt zurück», sagt David Mzee bei unserem Treffen Anfang dieser Woche im Zürcher Atelier Kontrast. Danach muss der Dreissigjährige mit seinem Auto sofort weiter in die Romandie fahren. Denn er ist einer der drei ­Patienten, die an einer Studie der ETH Lausanne und des dortigen Universitätsspitals teilgenommen haben. Mithilfe einer individuell angepassten Neurostimulation ist es ihnen gelungen, wieder selbstständig ein Stück zu laufen. Eine Sensation, die international für Schlagzeilen sorgte. «Ich habe mehr als 100 SMS, Whats­app- und Facebook-Messages erhalten», berichtet er drei Tage später am Telefon. Von Freunden aus der Schweiz, aus Australien, Kenia, Thailand, Brasilien, Spanien und den USA.

100 Meter mit dem Rollator

Hat er eigentlich ein Parkticket gelöst? «Nein», sagt Mzee in seiner blauen Trainingsjacke und lacht. Man sehe ja seinen Behindertenausweis hinter der Windschutzscheibe, sodass die Polizei bisher immer ein Auge zugedrückt hatte. Viele könnten sich gar nicht vorstellen, wie viel mehr Aufwand es oft sei, wenn man im Rollstuhl sitze und allein unterwegs sei. Er müsse stets im Vorfeld an alles denken, da es überall Hindernisse gebe. Manchmal komme er nicht durch eine Tür, dann sei wiederum eine Stufe im Weg oder irgendetwas viel zu hoch im Regal eines Supermarkts eingeräumt.

Als man ihn für die Teilnahme an der Studie anfragte, war er Feuer und Flamme. Er wollte dabei sein, das Unmögliche möglich machen. Zu dem Zeitpunkt war es noch ungewiss, ob es tatsächlich funktionieren würde. Er habe aber auch hart dafür trainiert, erzählt er, so hart wie noch nie. Dank dem implantierten Neurostimulator schaffte er es, eine Strecke von mehr als 100 Metern mit dem Rollator im Gang des Universitätsspitals zu laufen. Sein persönlicher Rekord. Danach habe er ziemlich starke Rückenschmerzen gehabt, gesteht er.

Das Allergrösste sei aber gewesen, das erste Mal freihändig fünf und später auch zehn Schritte zu gehen – und zwar ganz ohne die Elektrostimulation, die er ein- und abschalten könne. «Das war cool», sagt Mzee. Ein unbeschreibliches Gefühl. Denn die Rückgewinnung jeder früher für so normal und selbstverständlich gehaltenen Bewegung bedeute einen Fortschritt und eine Erleichterung im Alltag, auch wenn diese noch so klein sei.

Mit einem Barren übte David Mzee, freihändig fünf bis zehn Schritte zu gehen. Foto: Getty Images

Das Training in Lausanne verlangte ihm einiges ab. «Ich muss wollen, sonst klappt es nicht», sagt er. Es sei ein langer Prozess, die Software für die Stimulation so einzustellen, dass sie einen funktionellen Nutzen bringe. Im Rahmen der Studie übertraf er die Erwartungen und lief anstatt 60 Minuten 1,5 Stunden auf dem Laufband mit Tragegurten zur Entlastung des Körpergewichts. Obwohl er hin und wieder kleine Pausen gemacht habe, sei dies extrem anstrengend gewesen.

Mzee ist nach wie vor ein Bewegungsmensch. «Ich habe schon immer viel Sport gemacht und tue es jetzt weiterhin», sagt er. Inzwischen spiele er in der Nationalmannschaft Rugby. Dies sehe manchmal brutal aus, wenn beim Match zwei Rollstühle mit voller Wucht gegeneinanderkrachen und sich gelegentlich auch überschlagen. Doch dies gehöre dazu. Es mache ihm Spass, einen Mannschaftssport zu machen. Und der Ball, den er jetzt mitgebracht habe, müsse so dreckig sein, weil man an den Handschuhen für eine bessere Ballkontrolle Klebstoff habe.

Bilder – Neue ETH-Therapie lässt Gelähmte wieder gehen

Sein Studium der Bewegungswissenschaften konnte er zum Glück noch abschliessen. «Als Jahrgangsbester», sagt er. Da er vor dem Unfall auch fast alle praktischen Tests für sein Lehrerdiplom abgeschlossen hatte, fehlten ihm dann vor allem noch Didaktik und Pädagogik. Im März diesen Jahres unterrichtete er nun zum ersten Mal als Sportlehrer und war eine Woche an der Kantonsschule Baden tätig. Die Schüler machten erstaunlich gut mit. Rollstuhl hin oder her. Über seine Lähmung sprach man gar nicht. «Ich habe ihnen aber gesagt, dass ich der Einzige bin, der hier sitzen darf», erzählt er. Jetzt suche er eine unbefristete Anstellung, da er zuvor nur Stellvertreter war.

Der Unfall in der Turnhalle hat Mzees Leben verändert. Es geschah alles extrem schnell, in Bruchteilen von Sekunden. Seine Studienkollegen wollten ihn damals dort sofort herausziehen. Doch er wusste, dass dies nicht gut gewesen wäre und die Situation nur noch verschlimmert hätte. Er musste es aushalten, bis der Helikopter der Rega kam. Sich konzentrieren, möglichst ruhig atmen und die Angst unterdrücken. «Ich stand unter Schock, war aber auch total klar», sagt er. Da seine Eltern ferienhalber gerade in Kenia gewesen seien, habe er der Trainerin unter anderem die Handynummer seiner Geschwister auswendig genannt. Auch den Vater seiner damaligen Freundin liess er anrufen. Aus Rücksicht, damit dieser ihr die Nachricht schonend mitteile.

Schritt für Schritt

Durch die Lausanner Studie erhielt er ein Stück seiner einstigen Bewegungsfreiheit zurück, aber nur ein sehr kleines. Er hoffe, dass es noch weitergehe. Er sei froh, dass er durch das intensive Training der Beinmuskulatur nun sicherer stehen könne und mit Gehhilfen wieder eine kurze Strecke laufen. Doch für jeden Schritt müsse er sich sehr konzentrieren und anstrengen.

Im Alltag ist er somit vorerst weiterhin auf den Rollstuhl angewiesen. «Vieles klappt aber inzwischen recht gut», sagt er. Zum Beispiel das Skifahren. Auch diesen Winter sei es wieder auf seiner To-do-Liste. Er geniesse es, sich in die Kurven zu legen und die frische Bergluft zu spüren. Es gehe ihm beim Skifahren – ähnlich wie früher – vor allem um Technik und weniger um Geschwindigkeit. Er brauche kein Risiko.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 03.11.2018, 13:49 Uhr

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