Hintergrund

Der Kampf gegen die Fettberge des Untergrunds

In London verstopfte ein 15-Tonnen-Fettberg einen Abwasserkanal. Obwohl auch in der Schweiz grosse Mengen Fett in die Kanalisation gelangen, zeigen sich die Tiefbauämter unbesorgt.

15 Tonnen Fett verstopfen Leitung: Abwasserrohr unter Kingston. (Foto: County Clean)

15 Tonnen Fett verstopfen Leitung: Abwasserrohr unter Kingston. (Foto: County Clean)

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Ein Fettberg so gross wie ein Bus: 15 Tonnen wiegt das Gemisch aus fettigen Wischtüchern und verfaultem Fleisch, das in diesen Tagen den öffentlichen Ekel erregt und das Abwassersystem im südwestlichen London verstopft. Anwohner des Stadtteils Kingston beklagten sich, dass ihre Hinterlassenschaften nicht mehr die Toiletten verlassen wollten. «Dies dürfte der grösste Berg dieser Art in der britischen Geschichte sein», sagt Gordon Hailwood vom Wasserversorger Thames Water. Nun soll es bis zu sechs Wochen dauern, bis das Kanalisationsrohr wieder einwandfrei funktioniert. Eine aufwendige Reinigungsarbeit, um die sich wohl niemand freiwillig reisst.

Überall, wo viele Menschen sind, entstehen solch unappetitliche Rückstände. Wie ist die Situation in der Schweiz? Haben hiesige Kanalreiniger mit ähnlichen Problemen zu kämpfen? In der Stadt St. Gallen ist Roland Meile für die Liegenschaftsentwässerungen zuständig. Er kennt den Kampf gegen die hartnäckigen Rückstände aus eigener Erfahrung. «Einzelne Stellen im Abwasserkanal sind immer wieder von Fettablagerungen betroffen», sagt Meile. Damit sich kein monströser Berg wie in London bildet, werden gefährdete Streckenabschnitte regelmässig inspiziert. «Alle sechs Jahre werden die Kanäle mit Hochdruck durchgespült. Bei Bedarf kann das Intervall auch verkürzt werden.»

Schweizweite Richtlinien für Restaurants

Damit es erst gar nicht zu einer Ablagerung im grossen Stil kommt, werden in der Schweiz Vorkehrungen getroffen. Der Verband Schweizer Abwasser- und Gewässerschutzfachleute (VSA) hat für Städte und Kantone Richtlinien erlassen. Diese betreffen Autogaragen und vor allem Restaurants, die zu den grössten Fettquellen gehören. Serviert eine Gaststätte täglich mehr als 250 Mahlzeiten, muss sie eine Abscheideanlage installieren, in der das Fett gesammelt wird. Die Kosten von 5000 bis 10'000 Schweizer Franken trägt der Gastronom selbst. Für Restaurants wie McDonald's, die stark fettlastig kochen, kann es gemäss Meile noch teurer werden. Kleinere Restaurants müssen in der Regel keine Fettabscheidungsanlage installieren. «Das wäre unverhältnismässig», sagt Meile.

Auch in der Stadt Bern sind die Kanalreiniger dem Kampf gegen Fett ausgesetzt. «In Kanälen, die wenig Wasser führen, bleiben viele Rückstände zurück. Es entsteht eine klebrige Masse, die zu Verstopfungen führt», sagt Patric Schädeli, Leiter von Betrieb und Unterhalt des Tiefbauamts Bern. Zu grösseren Überschwemmungen sei es deswegen aber noch nicht gekommen. Wie in St. Gallen wird auch in Bern das rund 300 Kilometer lange Kanalnetz regelmässig mit Wasser durchgespült. «Kameras signalisieren uns die Stellen, bei denen Handlungsbedarf besteht», sagt Schädeli.

Öl nicht in den Abfluss

Nicht gesetzlich geregelt ist die Fettentsorgung im privaten Bereich. Appelle an das Verantwortungsgefühl sollen verhindern, dass Hobbyköche ihre Bratpfannen einfach im Lavabo ausspülen. «Essensreste und Friteusenöl gehören nicht in den Abfluss», sagt Schädeli. Die Alternative lautet Abfalltrennung. Für die korrekte Entsorgung von Fett stehen Wertstoffsammelstellen zur Verfügung. In Zürich sind dies gemäss Karin Leemann von ERZ Entsorgung + Recycling Zürich rund 160. Wie viele Privathaushalte diesen Mehraufwand im Sinne der Umwelt betreiben, ist gemäss Leemann nicht bekannt.

«Fett, das in den Abwasserkanal gelangt, ist sehr schwierig zu filtern», sagt Leemann. Das Klärwerk Werdhölzli in Zürich hat ein vierstufiges Reinigungssystem installiert. Ein Rechen sorgt zunächst dafür, dass nebst anderen Stoffen grössere Fettklumpen abgeschöpft werden. Auf der nächsten Stufe sorgt ein sogenannter Ölsandfang für eine verfeinerte Filterung. Dank Luftzufuhr werden weitere Fettkügelchen abgetrennt. Weil Fett leichter ist als Wasser, schwimmen die Rückstände obenauf und können abgeschöpft werden. Die letzten Rückstände werden auf den Stufen drei und vier in der biologischen Reinigung abgebaut. Dafür sorgen Mikroorganismen.

Fett als Energieerzeuger

Leemann ist überzeugt, dass ein solcher Vorfall wie in London hier nicht denkbar wäre. Die Reinigungstechnologie in Zürich bezeichnet sie als besonders fortschrittlich: «Wir haben eine der modernsten Anlagen Europas.» In diesem Jahr wurde das Klärwerk Werdhölzli gar mit der Médaille d'eau ausgezeichnet. Dank eines Faulturms sei es möglich, das Fett wiederzuverwerten. «Die gefilterten Rückstände werden in dieser Anlage gegärt und in Biogas umgewandelt», sagt Leemann.

Die Wiederverwertung von Fett ist jedoch kostspielig und lohnt sich erst ab einer gewissen Menge. In Städten wie St. Gallen oder Bern stehen noch keine entsprechenden Anlagen zur Verfügung. Auch London hat das Potenzial seiner Fettberge erkannt. Im Stadtteil Beckton entsteht zurzeit eine Anlage, die einst Energie für 39'000 Haushalte liefern soll. Wer künftig an der Themse Fish and Chips verzehrt, muss also nicht zwingend ein schlechtes Gewissen haben. Zumindest nicht aus Umweltgründen.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 06.08.2013, 15:51 Uhr

Aus Fett soll Seife werden

Ein 15 Tonnen schwerer Fettklumpen hat dem Abwassersystem der britischen Hauptstadt zu schaffen gemacht. Es habe zehn Tage gedauert, die Zusammenballung aus Fett, Papier und anderen Bestandteilen von der Grösse eines Doppeldeckerbusses aus einem Rohr in London zu bergen, teilte das britische Wasserversorgungsunternehmen Thames Water mit.

Zuvor hatten sich die Bewohner des Stadtteils Kingston beschwert, weil ihre Toiletten nicht mehr spülten.

Wäre der Fettklumpen nicht entfernt worden, hätte es für die Kingstoner ungemütlich werden können. Ungeklärte Abwässer hätten aus den Kanaldeckeln quellen und Strassen überschwemmen können.

Es seien zwar bereits früher grössere Mengen Fetts entfernt worden, ein Klumpen dieser Grösse sei aber noch nie aufgetaucht, schrieb Thames Water in einer Mitteilung. «Er war so gross, dass er den Abflusskanal beschädigte, die Reparaturen werden bis zu sechs Wochen dauern», hiess es.

Das Abfallunternehmen County Clean Environmental Services teilte mit, der Brocken werde weiterverwendet: «Das Wasser wird herausgezogen, und die verbleibenden Fette und Öle werden zu Produkten wie Seife, Biodiesel und Treibstoff gemacht.» (sda)

Da staunten selbst die Rohreiniger von Thames Water in London nicht schlecht. (Video: Reuters )

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