Der Schweizer an der Spitze der Nasa

Zum ersten Mal übernimmt ein Schweizer einen Chefposten bei der amerikanischen Raumfahrtbehörde. Begonnen hat für den Sohn eines Predigers alles am Thunersee.

Das Nasa-Bild zeigt eine Plasma-Sprengung der Sonne, auch ein Bereich, mit dem sich Thomas Zurbuchen beschäftigt hat.

Das Nasa-Bild zeigt eine Plasma-Sprengung der Sonne, auch ein Bereich, mit dem sich Thomas Zurbuchen beschäftigt hat. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er ist der erste Berner in dieser Position. Ab kommendem Montag mischt Thomas Zurbuchen an der Spitze der Nasa in Washington D.C mit. Als Wissenschaftsdirektor (Associate Administrator) ist er für alle Wissenschaftsprojekte der Nasa zuständig und verteilt die dafür zur Verfügung gestellten Gelder.

Fünf Milliarden Dollar gilt es pro Jahr zu verteilen: Das sei eines der höchsten Budgets, welches die Nasa erhält. Thomas Zurbuchen steht vor unglaublichen Möglichkeiten, er entscheidet, welchen Projekten er mehr oder weniger Gewicht gibt – das bedeutet viel Verantwortung.

«Ich habe Respekt, gar ein bisschen Angst vor dieser neuen Herausforderung. Es ist kein Job, auf den man sich vorbereiten kann», sagt der 47-Jährige in einem Berndeutsch, dem die vielen Jahre in den USA etwas anzumerken sind. Nicht wegen der Aussprache, sondern weil ihm einige Worte nur auf Englisch in den Sinn kommen. Zurbuchen hat sich in den letzten Jahren intensiv mit der Messung von Sonnenwind und Planetenteilchen auseinandergesetzt.

Das Gespräch in der Kantine

Der 26-jährige Zurbuchen hatte 1996 gerade seinen Doktortitel in experimenteller Astrophysik gemacht und ein Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds (SNF) erhalten, als ihm in der Kantine der Universität Bern sein erster Job in Amerika angeboten wurde. Das Eintrittsticket in die USA.

Das Ganze ging so: Zurbuchen beobachtete, wie zwei Koryphäen der Weltraumforschung – Johannes Geiss, führende Persönlichkeit in der Berner Weltraumforschung, und Lennard Fisk, Professor an der Universität Michigan und damals zuständig für das Wissenschaftsprogramm der Nasa – miteinander an einem Tisch diskutierten, und fragte, ob er sich dazusetzen dürfe; er wolle etwas lernen.

Drei Stunden später habe Fisk ihm einen Job in Michigan offeriert. Doch ohne das Stipendium hätte er diese Chance nicht wahrnehmen können, betont er. «Zu diesem Zeitpunkt hätte ich gewettet, dass ich nach zwei Jahren zurückkehre.»

Doch es kam anders. Er blieb. Später begann Zurbuchen an der Uni Michigan, eine der grössten Universitäten des Landes, als Professor für Weltraumforschung und Raumfahrttechnik zu arbeiten. Auch unterstützte er als Innovationsführer die Studenten dabei, ihre Ideen umzusetzen, ihre eigenen Grenzen zu überschreiten und Erfindungen nicht nur zu denken, sondern auch zu bauen.

«Ich mochte die Rolle als Mentor lieber als die als Lehrer», sagt der Berner Physiker. So konnte er die Studenten individuell beraten und fördern. Dasselbe wünscht er sich auch für seine neue Stelle bei der Nasa: Trotz der rund 8000 Forscher, die ihm künftig unterstellt sein werden, will er den individuellen Draht zu ihnen nicht verlieren.

Dank Stipendien studiert

Zurück an den Anfang, zurück in die Schweiz. Im kleinen Bauerndorf Heiligenschwendi am Thunersee entwickelte sich nach und nach Zurbuchens Neugier für die Wissenschaft: «Wenn es dunkel wurde, ging ich in die Berge, um die Sterne zu sehen. Ich wollte wissen, wie diese Sterne entstehen, was Sterne sind.»

Die Natur und das Weltall haben den Primarschüler begeistert. Sprachen zu lernen, sei ihm schwerer gefallen, als mit Zahlen zu jonglieren. So schreibt er sich später an der Uni Bern für den Studiengang Physik ein. Im Nebenfach: Mathematik. Für den Physiker sei die Mathematik nämlich wie Nägel und Hammer für den Handwerker.

Von seinen Eltern ist Zurbuchen zu diesem Zeitpunkt finanziell nicht mehr abhängig, vom Kanton Bern erhält er seit der fünften Klasse Stipendien. Grund für die Einschreibung in Bern: «Ich dachte, Bern sei die einzige Uni, die ich vermögen kann.» Heute weiss er, dass er mit den Stipendien auch in einer anderen Stadt hätte studieren können.

Zu Hause mit der Familie habe er halt nie über Themen wie Universitäten oder Studiengänge gesprochen: «Niemand in meiner Familie hat studiert, ich bin der Erste.» Er wächst in einem Akademiker-fremden Milieu auf. Seine Familie habe ihn aber «machen lassen».

Druck erfuhr der damals junge Wissenschaftler mitunter vonseiten des Vaters, der als Prediger einer Freikirche der Leidenschaft seines Sohnes für Physik nichts abgewinnen konnte. Ein bisschen erinnert das an die Figur Sheldon aus «Big Bang Theory», nur dass es dort die Mutter ist, die keine Freude hat: «Ja, ein wenig», sagt der neue Nasa-Chef und lacht.

Das grosse Potenzial der Uni Bern

Es bestehen keine Zweifel, dass Zurbuchen es wieder so machen würde: an der Uni Bern studieren. Bachelor, Master, Doktor. Bern ist für ihn nicht nur Heimat, sondern in der Weltraumforschung auch eine der wichtigsten Forschungsstellen auf der ganzen Welt: «Die Uni Bern hat absolut eine Vorreiterrolle.»

Er erinnert an das erste Apollo-Experiment 1969, welches von der Uni Bern durchgeführt worden ist. Sein Rat an Doktorierende: «Habt Mut, Fehler zu machen. Es ist besser, sich an Ungewisses heranzuwagen und Fehler zu machen, als in der Forschungswelt mit seiner Arbeit bedeutungslos zu bleiben.» (Der Bund)

Erstellt: 29.09.2016, 14:22 Uhr

Zur Person

Thomas Zurbuchen ist neuer Direktor Wissenschaft der amerikanischen Raumfahrtbehörde Nasa. (Bild: zvg)

Artikel zum Thema

Erste Bilder vom Nordpol des Jupiters

Knapp zwei Monate nach Eintritt in die Umlaufbahn hat die Nasa-Sonde «Juno» spektakuläre Nahaufnahmen vom grössten Planeten des Sonnensystems geschickt. Mehr...

Nasa zeigt eindrücklich, wie der Juli immer heisser wird

Infografik Forscher der Nasa haben eine neue, animierte Grafik veröffentlicht. Darauf ist zu sehen, wie die globale Temperatur zugenommen hat. Jahr für Jahr. Mehr...

Bewerben Sie sich als Marsbewohner

Die Nasa zeigt auf Plakaten, wer auf dem roten Planeten gebraucht werden könnte. Ist Ihr Beruf dabei? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grösste Wallfahrt der Welt: Eine Frau ruht sich während der jährlichen Pilgerfahrt zu Ehren der Jungfrau von Guadalupe in Mexico City aus. (11. Dezember 2018)
(Bild: Carlos Jasso) Mehr...