Der Sputnik-Schock

Im Oktober 1957 überraschte die Sowjetunion den Westen mit dem Sputnik. Der erste künstliche Satellit auf einer Erdumlaufbahn markierte den Anfang der Raumfahrtära.

Der Sputnik 1 lancierte 1957 den Wettlauf ins All zwischen der Sowjetunion und den USA: Replikat des Satelliten. Foto: SSPL, Getty Images

Der Sputnik 1 lancierte 1957 den Wettlauf ins All zwischen der Sowjetunion und den USA: Replikat des Satelliten. Foto: SSPL, Getty Images

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Was vor 60 Jahren die Amerikaner auf dem falschen Fuss erwischte, war Folge einer Ankündigung ihres Präsidenten. Da Wissenschaftler für 1957 ein Internationales Geophysikalisches Jahr (IGJ) planten, liess US-Präsident Dwight «Ike» Eisenhower Ende Juli 1955 erklären, er habe einen kleinen, unbemannten Erdsatelliten als Beitrag zum IGJ bewilligt.

1957 sollten wie in früheren Polarjahren mit koordinierten Beobachtungen umfangreiche Daten gewonnen werden. Themen waren etwa kosmische Strahlung, Polarlichter, Erdmagnetismus, Meteorologie, Glaziologie und Erdvermessung. Da eine besonders hohe Aktivität der Sonne erwartet wurde, versprachen sich die Forscher neue Erkenntnisse zur Geophysik. Viele Hoffnungen ruhten auf den neuesten Messgeräten, vor allem auf ersten Forschungssatelliten.

Sputnik-Schock: Vor 60 Jahren überraschte die Sowjetunion den Westen. Video: Tamedia/AFP

Eisenhowers Erklärung war für die sowjetischen Wissenschaftler Anlass, ihre eigene Forschung schneller voranzutreiben. Tatsächlich gewannen sie das Rennen. In der Nacht auf den 5. Oktober 1957, um 22.28 Uhr und 34 Sekunden Moskauer Zeit, begann mit dem Start von Sputnik 1 ein neues Zeitalter. Zwar fiel nach 16 Sekunden ein Treibstoffsystem aus, doch die Rakete erreichte knapp die nötige Höhe, um den Satelliten (Russisch: Sputnik) auf einer elliptischen Bahn um die Erde auszusetzen.

Die US-Generäle waren beunruhigt – aber vor allem wegen der Rakete.

Nikita Chruschtschow, Generalsekretär der Kommunistischen Partei, erinnerte sich nüchtern an den historischen Moment, wie Asif Siddiqi, Geschichtsprofessor und Raumfahrtspezialist an der New Yorker Fordham-Universität, den heute zugänglichen Akten entnommen hat: «Sie riefen an, um mir zu sagen, dass der Satellit um die Erde kreise. Ich gratulierte den Ingenieuren und Technikern und ging ruhig zu Bett.»

Während der grosse Kreml-Chef schlief, begann im Westen die grosse Aufregung. Die Agentur Tass brachte eine dürre Meldung, die der Parteizeitung «Prawda» nicht einmal eine Schlagzeile wert war. Doch die Signale des Satelliten waren auf der ganzen Welt zu empfangen. Die Kurzwellenfrequenzen, 20 und 40 Megahertz, waren ohne genauere Erklärung im Voraus publiziert worden, selbst Amateurfunker konnten die Piepsignale hören.

Furcht vor atomarem Angriff

Die Meldung vom ersten künstlichen Erdsatelliten war eine perfekte Sensation, der Westen erlitt den «Sputnik-Schock». Vor allem die Amerikaner waren betroffen, hatten sie diesen Triumph der Sowjetunion doch nie zugetraut. Die US-Generäle waren weniger schockiert vom piepsenden Forschungssatelliten als von der Rakete. Die Sowjets hatten also auch die Raketentechnik, um die USA zu erreichen. Da es inzwischen die H-Bombe gab, die im Gegensatz zur A-Bombe leicht und klein genug für eine Rakete war, wären die Sowjets in der Lage, einen atomaren Angriff auf Amerika durchzuführen.

Freiwillige werden 1957 in den USA als Satelliten-Späher ausgebildet. Foto: SSPL, Getty Images

Tatsächlich war es eine leicht umgebaute Interkontinentalrakete vom Typ R-7 der Armee. Das für eine nukleare Bombe vorgesehene Abteil wurde durch die Kapsel mit dem Satelliten (Objekt D) ersetzt. Objekt D war geplant als 1000 bis 1400 Kilogramm schwerer Flugkörper mit 200 bis 300 Kilogramm wissenschaftlichen Instrumenten. Der Bau erwies sich aber als schwierig, viele Zulieferer arbeiteten fehlerhaft und unpünktlich. Zudem brachte die R-7 zu wenig Schub. Die beiden leitenden Ingenieure, Michail Tichonrawow und Sergei Koroljow, liessen in ihren eigenen Labors eine Miniversion des Satelliten herstellen. Sputnik 1 hatte eine Masse von 83,6 Kilogramm. Sputnik 2, der einen Monat später startete und die Hündin Laika an Bord hatte, wog gut 500 Kilogramm.

Die letzten Wochen vor dem Start waren für Sergei Koroljow und seine Kollegen ein Albtraum: «Es läuft schlecht, sehr schlecht», schrieb er seiner Frau. Die Rakete legte einen Fehlstart nach dem anderen hin. Am 21. August aber flog eine R-7 von Tyuratam (in Kasachstan, heute Baikonur) 6500 Kilometer weit zur Halbinsel Kamtschatka im äussersten Nordosten. Die Agentur Tass berichtete verblüffend offen, es sei eine Interkontinentalrakete getestet worden, mit der sich jede Region der Erde erreichen lasse. In den USA wurde die Meldung nicht gross zur Kenntnis genommen – einen guten Monat später war die Überraschung dann gross.

Seinen Vorgesetzten erklärte Koroljow die Umstellung auf den kleineren Satelliten damit, dass die USA mit ihrer Vanguard-Rakete bereit seien, demnächst einen Satelliten zu starten. «Eisenhowers Plan, den amerikanischen Satelliten zum Geophysikalischen Jahr zu starten, war der bestimmende Faktor für den Starttermin der Sowjets», schreibt Asif Siddiqi. Mit dem Argument, man werde vor den Amerikanern starten, gelang es Koroljow, die Programmänderung durchzusetzen. Er plante zunächst, am 17. September zu starten, zum 100. Geburtstag von Konstantin Ziolkowski, einem der Begründer der Raumfahrt. Koroljow, dessen tatsächliche Funktion geheim gehalten wurde, hielt an diesem Tag eine Festrede und erwähnte, «in nächster Zukunft» würden künstliche Erdsatelliten gestartet. Anfang Oktober sollte in Washington eine Konferenz über Satelliten stattfinden. Koroljow fürchtete, dies werde der Anlass für den Start der Vanguard-Rakete sein. Obschon ihn der gut informierte Geheimdienst KGB beruhigte, beschloss Koroljow, schnell loszulegen.

So gaben in der Nacht zum 5. Oktober zwei Experten das Startkommando, ein ziviler und ein militärischer. Die Zusammenarbeit zwischen Militär und ziviler Forschung war selbst in der Sowjetunion nicht immer einfach. Die Armee war an den Raketen als Bombenträger interessiert und zeigte für die Wissenschaft nur eine «lauwarme» Begeisterung, wie Asif Siddiqi schreibt. Koroljows schlagends­tes Argument war, man werde einen gewaltigen Prestigegewinn erreichen.

«Entwicklungsland» USA

Diese Rechnung ging noch besser auf als gedacht. In den USA herrschte totaler Katzenjammer nach dem raketentechnischen Tiefschlag. Die Fortschritte der Raumfahrt hinter dem Eisernen Vorhang waren der amerikanischen Spionage entgangen. Selbst das Hightech-Aufklärungsflugzeug U-2 half nicht viel.

Um das Mass vollzumachen, mussten die USA auch noch den Fehlstart der eigenen Rakete melden. Am 6. Dezember 1957 explodierte die Vanguard beim Start. Vor der Weltöffentlichkeit war die amerikanische Technik blamiert. Scheinheilig boten die Sowjets an, im Rahmen eines UNO-Programms für Entwicklungsländer den USA zu helfen.

Nun waren es die amerikanischen ­Experten, die Albträume hatten. In höchster Eile wechselte die Regierung vom militärischen Vanguard-Projekt zum Juno-Projekt von Wernher von Braun, das bei der Auswahl unterlegen war. Am 31. Januar 1958 brachte eine ­Juno-Rakete endlich den ersten amerikanischen Satelliten ins All. Explorer 1 war klein, aber wissenschaftlich ergiebiger als die Sputniks. Die Entdeckung des Strahlungsgürtels rund um die Erde war eines der wichtigsten Resultate des Geophysikalischen Jahrs. Der Van-Allen-Gürtel wurde nach James Van Allen benannt, der den wissenschaftlichen Teil der Explorer-Satelliten leitete.

Zu den Errungenschaften des IGJ 1957 gehörte unter anderem der Vertrag zum Schutz der Antarktis. Ausserdem begann im Rahmen des IGJ die Erforschung der Erderwärmung. Roger Revelle und Hans Suess publizierten 1957 ihre Theorien zum Treibhauseffekt. Revelle prägte den berühmten Satz: «Die Menschheit ist daran, ein geophysikalisches Experiment durchzuführen, das weder in der Vergangenheit geschehen konnte noch in der Zukunft reproduzierbar ist.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2017, 19:56 Uhr

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Tausende Satelliten im Orbit

92
Tage lang sendete der erste Satellit Sputnik 1 Signale auf die Erde. Die Sowjetunion schoss den künstlichen Himmelskörper am 4. Oktober 1957 ins All.

8000
Satelliten etwa wurden in den letzten 60 Jahren ins Weltall geschossen. Das Ge­schäft mit den künstlichen Himmelskörpern wird längst nicht mehr den USA und den Russen überlassen. Inzwischen sind mehr als 70 Länder an Raumflügen beteiligt. Die Satelliten erkunden unter anderem die Erde, liefern Meteo- und Navigationsdaten (zum Beispiel GPS), spionieren für das Militär oder sind Datenbrücke für die Telekommunikation. Inzwischen gibt es Minisatelliten, so gross wie Schuhschachteln, die etwa hochauf­gelöste Bilder von der Erde schiessen.

1500
Satelliten, so wird geschätzt, sind heute in Betrieb, darunter solche, die schon mehr als 15 Jahre im Einsatz sind. Der älteste noch aktive künstliche Himmelskörper ist Amsat Oscar-7, der 1974 ins All gebracht wurde. Er sendet heute noch Signale, die für Funk­amateure wichtig sind.

100'000
Bruchstücke entstanden, so schätzen Experten, als die beiden Kommunikations­satelliten Iridium 33 und Kosmos 2251 kollidierten. Das geschah auf einer Höhe von 800 Kilometern. Diese erste Satellitenkollision ereignete sich am 19. Februar 2009. Die Bruchstücke sind gross genug, um noch Jahrzehnte im Orbit zu bleiben. Zusammenstösse sind allerdings eher selten.

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