Der Tod von Venedig

Eine gigantische Schleusenanlage soll die Stadt vor Hochwasser schützen. Unter dem Spardruck droht dem Projekt jetzt das Geld auszugehen. Kritiker sagen, dass die Fluten ohnehin nicht aufzuhalten seien.

Bei Hochwasseralarm presst Druckluft das Wasser aus den Tanks, diese steigen hoch: Das projektierte Staudammsystem gegen Hochwasser.

Bei Hochwasseralarm presst Druckluft das Wasser aus den Tanks, diese steigen hoch: Das projektierte Staudammsystem gegen Hochwasser. Bild: TA-Grafik mt / Quelle: Ministerium für Infrastruktur und Verkehr Venedig

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Vollmond und ein herannahendes Tiefdruckgebiet, das bedeutet für den Ozeanografen Georg Umgiesser: die Gummistiefel einpacken. Der bayerische Wissenschaftler arbeitet seit vielen Jahren beim staatlichen italienischen Ismar-Institut im Herzen Venedigs. Er ist unter anderem für die Berechnung und Vorhersage des Pegels der Adria zuständig und ein Experte für das Hochwasserrisiko der Region.

Am Wochenende vom 10./11. November 2012 war es besonders schlimm: Die Flut erreichte eine Höhe von 149 Zentimeter über Normalnull, mehr als 70 Prozent der historischen Altstadt waren überschwemmt, die Touristen hätten mitten auf dem komplett überspülten Markusplatz baden können.

Dabei sollte es solche Hochwasser gar nicht mehr geben: Bereits 2003 hatte die damalige Regierung von Silvio Berlusconi den Bau einer gigantischen Schleusenanlage in Angriff genommen. Das Modulo Sperimentale Elettromeccanico, abgekürzt Mose, sollte die gesamte Lagune von Venedig vor Hochwasser schützen – und eigentlich schon längst in Betrieb sein. Doch immer wieder kam es zu Bauverzögerungen, und seit kurzem steht das ganze Projekt auf der Kippe, die Finanzierung ist unsicher.

Auf Sumpf gebaut

Der Kampf gegen das Wasser gehört zu Venedigs Geschichte seit der Stadtgründung vor 1600 Jahren. Damals flohen die Bewohner der Gegend vor den Westgoten und bauten erste Häuser nach einer Idee des griechischen Einwanderers Antinopo auf Pfählen in den sumpfigen Grund. Aus der ersten Siedlung Rialto entwickelte sich die Stadt Venedig, die ihren Bewohnern zwar Schutz vor brandschatzenden Hunnen und anderen Feinden bot. Als Stadtgebilde war Venedig jedoch immer fragil und den Naturgewalten von Meer, Flüssen und Sedimentverlagerungen ausgeliefert.

«Schon im vergangenen Jahrhundert hat die Stadt ungefähr 30 Zentimeter von ihrem Niveau über dem Meereswasserspiegel eingebüsst», sagt Georg Umgiesser. Das hängt vor allem mit einer Absenkung des gesamten Lagunenbodens zusammen. Für diese waren vor allem massive Grundwasserentnahmen in den Jahren 1930 bis 1960 verantwortlich. Deshalb treten jetzt viel öfter Hochwasser auf als früher. Zwei oder drei Überschwemmungen der Innenstadt pro Jahr – daran hatten sich die Venezianer längst gewöhnt. Im Jahr 2010 gab es jedoch 18-mal Hochwasseralarm.

Die Klimaerwärmung könnte die Pegelstände und die Anzahl der Alarme in Zukunft dramatisch erhöhen. Im Herbst und im Winter bedroht das Hochwasser regelmässig die historische Stadt. An den Tagen mit Neumond oder Vollmond sowie starkem Wind werden die Wassermassen besonders heftig von der Adria in die Lagune gepresst. «Der starke Südostwind Schirokko und niedriger Luftdruck spielen hier eine wichtige Rolle», erklärt Umgiesser. «Wenn diese mit einer Springtide zusammenfallen, üblicherweise bei Voll- oder Neumond, dann steigen die Pegel dramatisch an. Diese Faktoren beobachten wir meist zwischen November und März.»

«Venedig wird früher oder später zerbröseln»

Der berühmte Markusplatz ist als tiefstgelegener Ort Venedigs besonders häufig von Hochwasser betroffen. Sein tiefster Punkt befindet sich vor der Markuskirche und liegt bei nur 40 Zentimeter über Normalnull. Ab etwa 110 Zentimetern stehen dann fast alle Plätze unter Wasser. Diese Situation gilt als wirklich bedrohliches Acqua alta. Die Venezianer dichten in diesem Fall ganz routiniert ihre Gebäude ab, und städtische Mitarbeiter bauen Notstege auf, um die wichtigsten Gehstrecken zu erhalten. Ab etwa 125 Zentimetern liegt dann auch ein Grossteil des Nahverkehrs auf den Wasserstrassen still. Die bislang schlimmste Überschwemmung gab es im Jahr 1966. Damals stieg der Pegel auf 194 Zentimeter über Normalnull.

Natürlich leidet die gesamte Bausubstanz heute mehr denn je unter dem dauernden Kontakt mit dem Meerwasser. Es sind weniger die grossen Sturmfluten, sondern mehr die dauernden Angriffe der Salzkristalle, die den sensiblen Marmor zerstören. «Venedig wird deshalb früher oder später zerbröseln», prognostiziert Umgiesser.

Wie stark die Klimaveränderung den Pegel der Weltmeere steigen lässt und letztlich das Schicksal Venedigs besiegelt, ist noch nicht eindeutig geklärt. Der Weltklimarat IPCC gibt den Pegelanstieg bis zum Ende des 21. Jahrhunderts mit etwa 30 bis 88 Zentimetern an. Diese Schätzung berücksichtigt allerdings nur die Volumenausdehnung des Wassers aufgrund der Erwärmung. Eine normale Flut wird dann ausreichen, um den Pegel von 80 Zentimeter über Normalnull zu überschreiten. Nach Schätzungen der Klimaforscher muss Venedig in 50 Jahren mit bis zu 100 Hochwasser-Attacken jährlich rechnen.

Nur eine kurzfristige Lösung

Untersuchungen, die das Abschmelzen des Südpols sowie der Gletscher Grönlands und anderswo einrechnen, prognostizieren einen globalen Anstieg des Meeresspiegels zwischen 50 und 190 Zentimeter bis zum Ende des Jahrhunderts. Schon dies würde den weitgehenden Untergang Venedigs bedeuten.

Insofern erscheint das gigantische Mose-Projekt auf den ersten Blick sinnvoll. Drei gewaltige Schleusenanlagen mit 78 beweglichen Toren, die sich bei Hochwasser aufrichten, sollen die Wassermassen zurückhalten. Wer zurzeit von der lang gestreckten Insel Lido di Venezia mit dem Schiff zur gegenüberliegenden Halbinsel bei Punta Sabbioni fährt, kann die riesigen Mose-Verbauungen betrachten: Dutzende Kräne legen Stahlgerüste auf die aufgeschütteten Deiche, Kähne und Bagger laden grosse Mengen Geröll zum Schutz vor der Wassergewalt ab.

So sieht es also aus, wenn Milliarden Euro verbuddelt, in den Lagunenboden gerammt, in Betonform gegossen oder einfach versenkt werden. Irgendwann sollen die Ingenieure grosse hohle Stahlkästen am Meeresboden verankern – die sich bei drohendem Hochwasser innerhalb von 30 Minuten mit Pressluft füllen –, sie aufstellen und die Lagune abriegeln. Bis zu einem Wasserpegel-Unterschied von etwa 200 Zentimetern zwischen Lagune und Meer wäre so ein sicherndes Wehr vorhanden.

«Sollte Mose fertiggestellt werden, wäre es bestenfalls kurzfristig eine Lösung», warnt Ozeanograf Umgiesser. Langfristig sei das Mose-Wehr einfach sinnlos, da die Schleusentore bei erhöhtem Meeresspiegel und dem künftig viel häufigeren Hochwasser zu oft geschlossen werden müssten. Bei einem Anstieg des Meeresspiegels von 70 Zentimetern müsste das Wehr die Hälfte des Jahres geschlossen bleiben, ergaben Hochrechnungen. Dieser permanente Sperrriegel brächte den ökologisch wichtigen Wasseraustausch sowie die ganze Versorgung der Lagunenstadt und den enormen Tourismus auf dem Wasserweg zum Erliegen. Hunderte von Schiffen bringen täglich Güter in Venedigs Hafen, und Dutzende Kreuzfahrtschiffe ankern in Sichtweite des Markusplatzes. Wegen der fehlenden Langzeitperspektive und der grossen Auswirkungen der Schleusenanlage auf die Natur sind Umweltschützer energische Gegner des Grossprojektes. Auch Venedigs Ex-Bürgermeister Massimo Cacciari lässt keine Gelegenheit aus, Mose zu kritisieren.

Ein Schildbürgerstreich

Nun gefährden die Sparzwänge der italienischen Regierung den Weiterbau. Schon in der Planungsphase lagen die geschätzten Kosten bei mehreren Milliarden Euro. Die Finanzierung ist nach dem ministeriellen Bericht allerdings nur zu rund einem Drittel gesichert. Lediglich 1,46 Milliarden Euro stehen nach Informationen der italienischen Nachrichtenagentur Ansa für den Weiterbau von Mose zur Verfügung. Berlusconis Firma Fininvest ist Teil des Firmenkonglomerats, das den Bau finanziert und ausführt. Der Sparzwang hindert die Befürworter jedoch nicht, für einen Weiterbau zu plädieren. Die derzeitige Finanzierung würde indes nur für die Fertigstellung einer einzigen Schleusenanlage ausreichen. Wasserbautechnisch wäre diese Drittel-Lösung ein Schildbürgerstreich: Bei Hochwasser werden die Stadt und die restliche Lagune dann durch die beiden offenen, nicht fertiggestellten Schleusen überflutet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2013, 21:14 Uhr

Ungemütlicher Stadtspaziergang: Eine Touristin auf einer überfluteten Strasse Venedigs im November 2012. (Bild: Keystone )

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