Hintergrund

«Der gefährlichste Moment der Geschichte der Menschheit»

Im AKW Fukushima werden ab sofort Brennstäbe aus der Bauruine geborgen. Grund genug für einen Atomkritiker, in Superlativen zu sprechen.

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Der japanische Kraftwerkbetreiber Tepco hat gestern die ersten vier Brennelemente aus dem Abklingbecken von Reaktor 4 in einen Transporttank geladen. Damit hat in Fukushima die gefährlichste, aber auch wichtigste Bergungsarbeit begonnen. Bis Ende des nächsten Jahres sollen alle 1533 Elemente in ein neues Provisorium umgelagert werden.

Der kanadische Umweltaktivist Harvey Wassermann nennt die Bergung der Brennelemente den «gefährlichsten Moment der Geschichte der Menschheit». Akira Ono, der Tepco-Ingenieur, der die Aufräumarbeiten in Fukushima I leitet, entgegnet: «Im normalen Betrieb haben wir das immer wieder gemacht. Meine Leute sind alle erfahren.» Nur gibt es in Fukushima keinen Normalbetrieb mehr. Die Bergung kann nicht vom Computer gesteuert werden, der Kran muss von Hand geführt werden. Die Arbeiter tragen Gasmasken, Schutzanzüge und dreifache Handschuhe. Die Strahlung in der Halle beträgt etwa 36 Mikrosievert pro Stunde. Zum Vergleich: Die durchschnittliche Belastung eines Menschen durch natürliche und medizinische Strahlung liegt bei 2000 bis 6000 Mikrosievert pro Jahr. Auf eine Stunde heruntergerechnet sind dies 0,2 bis 0,7 Mikrosievert.

Dennoch hat die japanische Nuklearbehörde die Erlaubnis für die Bergung erteilt. Allerdings traut ihr Chef, Shunichi Tanaka, dem Elektrizitätskonzern Tepco nach den vielen Pannen und Schlampereien nicht mehr, wie er offen sagt. Er hat Trockenübungen der riskanten Bergungsaktion angeordnet. Und er hat einen seiner Inspektoren entsandt, der jeden Schritt der Bergung überwacht. Tepco hat mit einer Liste von möglichen Zwischenfällen und vorgesehenen nötigen Reaktionen geantwortet.

Trümmer im Abklingbecken

Zur Zeit des Erdbebens am 11. März 2011 befanden sich im Reaktor 4 wegen geplanter Wartungsarbeiten keine Nuklearbrennstäbe, deshalb kam es nicht zur Kernschmelze. Im Abklingbecken dagegen, etwa 30 Meter über dem Boden, lagerten 1331 abgebrannte und 202 neue Brennelemente. Vier Tage nach dem Beben und dem Tsunami zerstörte eine Wasserstoffexplosion dieses Gebäude. Betonbrocken und andere Trümmer fielen in das Wasserbecken mit den 1533 Brennelementen. Später musste man Meerwasser ins Becken pumpen, um sie weiterhin zu kühlen.

Die Explosion beschädigte die Tragstruktur des Reaktorgebäudes, vielleicht hatte diese schon vom Erdbeben Schaden genommen. Jedenfalls muss man seither bei jedem schwereren Beben fürchten, die Anlage breche ein. Zumal sie schief steht und langsam in den Grund einsinkt.

Sollte das Abklingbecken abstürzen, hätte das katastrophale Folgen: Es könnte weit mehr Radioaktivität frei werden als in den Wochen nach dem Unfall. Im schlimmsten Falle würden die nuklearen Brennelemente auf den Boden knallen, und man könnte sie nicht mehr kühlen. Dann käme es zur Kernschmelze unter freiem Himmel, mit einer Verstrahlung, wie die Welt sie noch nie erlebt hat.

Letztes Jahr hat Tepco die Bauruine des Reaktorgebäudes mit Stahlträgern verstärkt und eine Halle um das havarierte Abklingbecken gebaut, damit die Aufräumarbeiten überhaupt möglich wurden. Das Kühlwasser ist erneuert worden. Jetzt ruhen die Brennelemente im türkis schimmernden Wasser; trügerisch friedlich. Jedes Brennelement enthält 64 bis 70 Brennstäbe und ist etwa 300 Kilogramm schwer. Mit einer Geschwindigkeit von einem Zentimeter pro Sekunde zieht der Kran es aus seinem Gestell unter Wasser und lädt es in den Transporttank um, der ins Becken abgesenkt wird.

Bloss keine Gewalt anwenden

Das Entfernen der Elemente muss mit grössten Fingerspitzengefühl geschehen. «Auf keinen Fall darf man mit Gewalt ziehen, wenn es stockt», hat Tanaka, der Chef der Nuklearaufsicht, gewarnt. Sonst könnten Trümmerteile, die noch im Becken liegen, die Brennelemente beschädigen.

Obwohl Tepco die Trümmer aus dem Becken entfernt hat, die kleineren mit einem Unterwasser-Staubsauger, hält Tanaka es für möglich, dass zwischen den Brennelementen noch Schutt liegt. Sollte der Kran unvorsichtig geführt werden, könnten Splitter die aus einer Zirkon-Legierung gefertigte Hülle der Brennstäbe aufreissen. Passiert das bei mehreren benachbarten Stäben, könnte es eine Kettenreaktion auslösen.

Die Brennelemente müssen während der ganzen Bergungs- und Abtransportaktion ständig im Kühlwasser bleiben. Sollte das Abklingbecken oder der Transporttank wegen eines Lecks Wasser verlieren, würden sie schnell heiss. Käme die erhitzte Zirkonhülle dann auch noch mit Luft in Kontakt, könnten die Brennstäbe Feuer fangen.

Im Transportbehälter ist Platz für 22 Brennelemente. Tepco rechnet damit, ihn pro Woche einmal zu füllen. Dann wird er zum provisorischen Zwischenlager auf dem Kraftwerksgelände gebracht, etwa 100 Meter weiter hinten. In diesem Tempo kann Tepco, sofern alles klappt, die 400 Tonnen Nuklearbrennstoff in anderthalb Jahren bergen. Dann wird das gefährlichste Wrack von Fukushima entschärft sein und die Abbrucharbeiten können beginnen. Tepco-Sprecher Marayuki Ono nennt das «einen sehr wichtigen Schritt auf dem Weg zur Stilllegung von Fukushima I».Allerdings können die Brennelemente von Reaktor 4 nicht im Zwischenlager bleiben, ebenso wenig wie die andern etwa 6000 Brennstäbe, die noch in Fukushima stehen. Aber um die Endlagerung des radioaktiven Abfalls hat sich die Regierung bislang nicht gekümmert.

Erstellt: 18.11.2013, 19:00 Uhr

Die Operation in Fukushima. Zum Vergrössern auf die Grafik klicken. (Bild: TA-Grafik)

Bergung von radioaktiven Brennstäben in Fukushima

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