Die 2-Prozent-Gesellschaft

Forscher der Empa zeigen auf: Wenige erreichen derzeit die Ziele der 2000-Watt-Gesellschaft. Der Ausstoss von Treibhausgasen ist selbst dann zu hoch, wenn der Energiebedarf deutlich gesenkt wird.

">Wohnraum für die 2000-Watt-Gesellschaft: Neubau der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich.

Wohnraum für die 2000-Watt-Gesellschaft: Neubau der Genossenschaft Kalkbreite in Zürich. Bild: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Visionäre müssen Ausserordentliches leisten. Wer zum Beispiel Mitglied der 2000-Watt-Gesellschaft werden möchte, muss seinen persönlichen Lebensstil überdenken: zwei- bis dreimal Fleisch in der Woche? Weniger als 1700 Autokilometer im Jahr? Nur alle fünf Jahre einen Flug in die Ferien? Können diese Fragen mit Ja beantwortet werden, gehört man zum Kreis der 2000-Watt-Visionäre und Wegbereiter ins postfossile Zeitalter.

Der Energiekonsum für Heizung, Transport und Nahrung liegt dann im Jahr bei 17'500 Kilowattstunden. Das wäre hierzulande eine respektable Leistung, weil der Schweizer Bürger heute mehr als das Doppelte verbraucht, gar das Dreifache, wenn der Energiekonsum der Industrie und der Dienstleistungsbranche mitgerechnet wird.

Kaum jemand erreicht das Ziel

Nur 107 Personen liessen sich bei einer repräsentativen Umfrage unter 3369 Befragten des Eidgenössischen Materialforschungsinstituts (Empa) in Dübendorf zur 2000-Watt-Gesellschaft zählen – obwohl nicht alle von ihnen das 2000-Watt-Ziel erreichen. Dies tun nur 2 Prozent der Befragten. Die oben genannten Prüffragen entstammen den durchschnittlichen Angaben zu deren Lebensstil. Das Ergebnis sei nicht überraschend, aber ernüchternd, sagt Projektleiter Dominic A. Notter.

Immerhin hat sich die Pilotregion Basel seit 2001 dieser langfristigen Vision – von ETH-Forschern entwickelt – verschrieben; die Stadt Zürich hat sie 2008 in der Gemeindeverordnung verankert. Und immer mehr Gemeinden wollen ihre Zukunft nach diesem Konzept entwerfen. Dabei soll nicht nur der Energiebedarf deutlich sinken, sondern auch der Ausstoss an Treibhausgasen, vor allem Kohlendioxid (CO2). Das Ziel: Die Emissionen sinken von heute etwa 9 auf 1 Tonne CO2 pro Kopf und Jahr.

Graue Energie

Die Studie macht Empa-Forscher Notter vor allem in dieser Beziehung Sorgen: «Die 2000 Watt zu erreichen, ist realistisch, doch das Emissionsziel scheint mir in weiter Ferne.» Keiner der 107 Befragten, welche die 2000-Watt-Limite erfüllten, lag nur annähernd bei der CO2-Marke von 1 Tonne. Im Gegenteil, der durchschnittliche Emissionswert beträgt 2,8 Tonnen. Und das, obwohl der Strom in der Schweiz aus Wasser- und Kernkraft stammt und dabei praktisch keine CO2-Emissionen verursacht. «Allein durch das Essverhalten der untersuchten Bevölkerung, unabhängig vom Einkommen, wird fast 1 Tonne CO2 pro Person und Jahr produziert», sagt der Empa-Forscher.

Das Einmalige der Empa-Studie ist die Verknüpfung der Umfragedaten zum Lebensstil mit Inventardaten aus Datenbanken zum Lebenszyklus von Gütern und Umweltindikatoren wie Gesundheitsfolgen durch den Klimawandel und Luftverschmutzung, Landverbrauch und Ressourcenzerstörung durch die verschwenderische Produktion von Gütern. Die Forscher fragten per Telefon und schriftlich nach dem Lebensstil: Gebrauch verschiedener Transportmittel zur Arbeit und in die Ferien, Anzahl gefahrene Kilometer pro Jahr, Anzahl und Länge der Flüge, Hausinfrastruktur, Strom- und Esskonsum. Die Empa-Datenbank Ecoinvent gab Auskunft über den Ressourcen- und Energieverbrauch von der Herstellung über den Vertrieb bis zum Gebrauch und die Entsorgung einzelner Güter. Damit wurde auch die sogenannte graue Energie mit dem Lebensstil in Verbindung gebracht.

Bei der Mobilität ansetzen

Für Notter ist klar: «Wir müssen genügsamer werden.» Einen Grund sieht er im Wohnungsbau. Die durchschnittliche Wohnfläche etwa von Minergiehäusern ist deutlich grösser als beim konventionellen Pendant: Einen Teil der Energieersparnis wird durch Raumgrösse kompensiert. Es überrascht nicht, dass von 216 Befragten, die in Niederenergiehäusern leben, nur 16 das 2000-Watt-Ziel erreichten. «Ein Minergiehaus kann sich nur leisten, wer über ein gutes Einkommen verfügt. Wer nicht konsequent ist und gleichzeitig ein grosses Auto fährt, trägt wenig zu einer nachhaltigen Entwicklung bei», sagt Notter. Bei der Heizenergie und der Mobilität muss angesetzt werden. Ein nachhaltiger Wohnungsbau macht nur Sinn, wenn die Arbeits- und Freizeitwege möglichst kurz werden, mit öffentlichen Verkehrsmitteln, zu Fuss oder mit dem Velo zu bewältigen sind.

Zwar verbrauchen neuere Geräte und Fahrzeuge weniger Energie. Dieser Bonus wurde durch einen exzessiven Konsum wettgemacht. Selbst jene Befragten, die den Energiebedarf auf 2000 Watt reduzierten, müssen ihr Verhalten anpassen, um das CO2-Budget auf 1 Tonne zu reduzieren. Sie müssen mehr als 60 Prozent ihres Energiekonsums durch erneuerbare Energie decken. Das ist für Notter derzeit beinahe ein Ding der Unmöglichkeit: «Unser Wirtschaftssystem ist nicht darauf ausgerichtet.»

Erstellt: 29.05.2013, 10:10 Uhr

2000-Watt-Visionäre
(Zum Vergrössern auf das Bild klicken) (Bild: TA-Grafik ib/Quelle: Empa)

2000-Watt-Strategie

Ein ehrgeiziger Plan
ETH-Forscher haben in den 90er-Jahren das Konzept der 2000-Watt-Gesellschaft entworfen. Nach ihrer Vision ist der Energiebedarf um den Faktor 3 bis 4 zu reduzieren und der Anteil an fossiler Energie derart zu senken, dass sich die Emissionen bei 1 Tonne CO2 stabilisieren. 2000 Watt pro Kopf bedeutet, dass der Verbrauch von 17'500 Kilowattstunden Strom pro Jahr zulässig ist.

In der westlichen Welt liegt der Energiebedarf derzeit bei 5000 bis 12 000 Watt. Die Strategie sieht für die Schweiz vor, bis zum Jahr 2050 den Energiebedarf von heute 6500 auf 3500 Watt pro Kopf zu senken, den jährlichen CO2-Ausstoss pro Kopf von rund 9 auf etwa 2 Tonnen. 2000 Watt und 1 Tonne CO2 werden dann bis zum Jahr 2150 erreicht. Dann kämen 80 Prozent der Gesamtenergie aus erneuerbaren Quellen. (ml)

Artikel zum Thema

Der Gegenentwurf zur «2000-Watt-Religion»

Zürich ist um ein «Haus mit Botschaft» reicher. Während sich die Bewohner in der einen Liegenschaft für die 2000-Watt-Gesellschaft einsetzen, machen sich die Mieter des anderen für Atomstrom stark. Mehr...

2000-Watt-Gesellschaft: Nebst Datenlücken auch falsche Zahlen

Zahlensalat statt präziser Fakten: Das Präsidialdepartement von Corine Mauch (SP) liefert falsche Daten zur 2000-Watt-Gesellschaft. Mehr...

Wegen Datenlücke: Zürich ist weiter weg von 2000 Watt, als die Stadt berechnet hat

Nur noch 4200 Watt und 5 Tonnen Treibhausgase pro Kopf und Jahr: Die Stadtzürcher verbrauchen heute weniger als 1990. Die neue Erhebung der Stadt gibt die Realität jedoch nicht vollständig wieder. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Blogs

Geldblog Investieren Sie 3.-Säule-Gelder vorsichtig!
Mamablog Papas Notenverweigerung
Sweet Home Naturwunder in der Wohnung

Die Welt in Bildern

Bergungsarbeiten nach Taifun-Katastrophe: Der heftige Wirbelsturm «Hagibis» hinterliess über weite Teile Japans eine Spur der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer ist gemäss eines japanischen Fernsehsenders auf 66 gestiegen. (15. Oktober 2019)
(Bild: Jae C. Hong/AP) Mehr...