Die B 727 mit riesigen Öltanks statt Sitzen

Am 25. Mai 2003 verschwand eine Boeing 727 in Angola spurlos. Die Maschine diente als Erdöltransporter. Was dieses Ereignis mit dem Schicksal von MH 370 verbindet.

Eine falsche Spur von vielen: Ein Flugzeugwrack, das 2009 in der Sahara entdeckt wurde, stammte von einer anderen Maschine. Foto: Serge Daniel (AFP)

Eine falsche Spur von vielen: Ein Flugzeugwrack, das 2009 in der Sahara entdeckt wurde, stammte von einer anderen Maschine. Foto: Serge Daniel (AFP)

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Die CIA antwortet überhaupt nicht. Und das FBI erst nach längerem Hin und Her mit ein paar dürren Worten. Dabei dürfte der Fall einige Laufmeter an Akten umfassen, was Jonathan Zeitlin, FBI-Supervisory Special Agent in Washington D. C., auf Nachhaken auch einräumt: «Ein Grossteil der Untersuchungen ist immer noch klassifiziert, deshalb können wir nur sehr wenig offenlegen.»

Dabei sollten CIA und FBI nur einige simple Fragen beantworten: Welche Erklärungen gibt es heute dafür, dass am 25. Mai 2003 eine Boeing 727 in Angola spurlos verschwand? Was führte zur Annahme, dass die Maschine einem Terror­angriff auf die Twin Towers dienen sollte? Und wer ausser dem Amerikaner Ben Charles Padilla könnte noch im Cockpit gesessen haben? Denn Padilla, als Pilot nur für Cessnas und Ähnliches lizenziert, konnte die knapp fünfzig Meter lange und neunzig Tonnen schwere Maschine unmöglich allein fliegen.

Keine dieser Fragen ist bis heute geklärt, jedenfalls nicht öffentlich. Auch elf Jahre nach dem Verschwinden fehlt jeder Hinweis auf die Maschine.

Ein Typ wie John Wayne

Ben Charles Padilla, 1952 in Florida geboren, hatte schon einiges erlebt, als er im November 2002 den Auftrag erhielt, eine heruntergekommene Boeing 727 in Angola startklar zu machen. Als ausgebildeter Flugzeugmechaniker und -ingenieur erhielt er immer wieder solche Anfragen. Er war viel gereist und wusste, wie man auch in turbulenteren Weltgegenden seine Arbeit macht. «Ben war ein John-Wayne-Typ, aber sehr liebenswürdig», sagt seine Schwester Benita. Fotos zeigen einen verschmitzt lächelnden Mann mit dem Charme von TV-Kommissar Columbo. Fliegen sei schon immer sein Traum gewesen. «Wir sind sehr arm aufgewachsen, und er wollte hoch hinaus.» Ben ein Flugzeugdieb? Oder ein Terrorist? Für Benita unmöglich.

Als Ben Padilla am Flughafen Quatro de Fevereiro in Luanda eintrifft, steht die B 727 auf dem Rollfeld parkiert. Die Maschine ist von den American Airlines nach 20 Jahren ausgemustert worden. Erstanden hat sie ein gewisser Maury Joseph, Inhaber der Firma Aero­space Sales & Leasing in Florida, ein Einmannbetrieb mit wechselnder Adresse und ins Leere gehenden Telefonnummern, die schon mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist wegen frisierter Bilanzen. Joseph kauft und verkauft Occasionflieger.

Padilla trifft auf eine Maschine in blamablem Zustand. Statt Sitzen füllen zehn Treibstofftanks die Kabine. Das Flugzeug ist seit der Überführung nach Angola – Anfang 2002 – zeitweise herumgestanden, zeitweise benutzt worden, um Diamantenminen mit Treibstoff zu versorgen. Die Strassen im bürgerkriegversehrten Angola sind zu schlecht und zu gefährlich für Tankfahrzeuge, also übernimmt die B 727 die Aufgabe. Geflogen wird sie von Piloten, die keine weissen Hemden und Krawatten tragen, sondern in verschwitzten T-Shirts und rauchend hinter dem Steuer­horn sitzen. Viele von ihnen haben Kriegserfahrung und sind sich gewohnt, auf zu kurzen Staubpisten zu landen, die auch noch bergauf oder bergab führen. Die rauen Bedingungen haben jedoch zur Folge, dass die Maschine fast nur noch Schrottwert hat.

Der technische Zustand ist nicht das Hauptproblem: Maury Joseph hat Padilla nach Afrika geschickt, weil der Käufer der Maschine, ein in Angola tätiger Südafrikaner, den grössten Teil des Preises von 1 Million Dollar schuldig geblieben ist. Dem weissen Mann haben die lokalen Geschäftssitten nicht behagt. Seine Partner brachten zu Sitzungen jeweils Kalaschnikows mit, sie hintergingen ihn und versuchten nachts die Tür seines Hotelzimmers zu öffnen. Schliesslich floh der Unternehmer in Panik. Zurück liess er die Maschine und Schulden von mehreren Zehntausend Dollar an unbezahlten Lande- und Parkgebühren.

Padilla soll die Maschine flugfähig machen, damit sie zu einem neuen Abnehmer gebracht werden kann. Gleichzeitig soll er die ausstehenden Gebühren bezahlen, damit die Maschine überhaupt Starterlaubnis erhält. Diesen Auftrag habe Padilla erfüllt, sagt Joseph, er habe das Geld vorgestreckt: «Über die Überweisung haben wir die US-Botschaft informiert.» Falls das stimmt, entfällt die naheliegendste Erklärung für das Verschwinden: Padilla hat die Maschine mit Komplizen heimlich ausser Landes geschafft, damit Joseph die aufgelaufenen Schulden nicht bezahlen musste.

Transponder ausgeschaltet

Am frühen Abend des 25. Mai 2003 ist Padilla mit der Revision der Maschine so weit, dass er einen Triebwerktest durchführen kann. In Begleitung eines Mechanikers namens Jean Mutantu geht er an Bord. Der aus dem Kongo stammende Mann hat sich wie Padilla aus bescheidensten Verhältnissen hochgearbeitet: Er gilt als Fachmann für die verschiedenen alten Boeings auf dem Flughafen.

Padilla und Mutantu starten die drei Triebwerke. Doch statt auf dem Rollfeld stehen zu bleiben, rollt die Boeing plötzlich Richtung Startbahn. Sie bewegt sich laut den Fluglotsen seltsam ruckartig. Gleichzeitig werden die Scheinwerfer und der Transponder ausgeschaltet, der die Identifizierungsdaten des Flugzeugs an die Flugüberwachung sendet. Der Tower versucht Kontakt mit der Maschine aufzunehmen, was nicht gelingt. Dann nimmt die Boeing Tempo auf, hebt ab und verschwindet im Abendhimmel.

Was ist geschehen? Wer fliegt die Maschine? Und wohin fliegt sie? «Wir werden es nie mit Sicherheit wissen», schreibt Tim Wright 2010 im Magazin «Air & Space», nachdem er die einzige umfassende und öffentlich einsehbare Recherche zur verschwundenen B 727 durchgeführt hat. Das glaubt auch Maury Joseph. Elf Jahre nach dem Verlust seines Flugzeugs sagt er: «Die Theorien, was geschehen sein könnte, lassen sich nicht mehr überblicken – es sind zu viele.»

Klar ist nur: Nach dem Abheben herrscht Verwirrung. Die Behörden Angolas sind überfordert. Aufgrund der fehlenden Radarüberwachung kann die Maschine nicht verfolgt werden. Bis die Suche richtig anläuft, verstreichen 24 Stunden. Auf dem Meer vor Angola ist kein Ölfilm zu erkennen, im Busch raucht es nirgends aus einer Schneise, in der Steppe blinken keine silbernen Wrackteile.

Als sich herumspricht, dass die Maschine zu einem fliegenden Treibstoff­lager umgebaut wurde, beginnen sich die Regierungen der umliegenden Länder für sie zu interessieren – und die US-Geheimdienste. Die 20'000 Liter, welche die Tanks fassen, würden genügen, um ein Inferno anzurichten. Und wenn die Maschine von den USA nach Angola geflogen ist, kann sie auch zurückfliegen. Oder in den Nahen Osten: Ein Mechaniker in Beirut will sie Tage nach dem Verschwinden in einem Hangar gesehen haben, wo sie angeblich für einen Angriff auf Israel vorbereitet wird. Zwei Jahre nach 9/11 herrscht höchste Alarmstufe.

Sämtliche Flughäfen überprüft

In der Folge suchen Spionagesatelliten die Erdoberfläche ab und lauschen auf allfällige Signale der Blackbox. US-Homeland Security, CIA und FBI mischen sich ein. Sämtliche Flughäfen werden überprüft, ebenso der Aufenthalt aller ausgemusterten B 727. Das FBI interviewt Padillas Angehörige in den USA, Maury Joseph wird einem Lügendetektortest unterzogen. Der Verdacht: Padilla habe die Maschine irgendwo versteckt, damit Joseph die Versicherungssumme kassieren kann. Aber der Test spricht für Josephs Ehrlichkeit. Nichts bringt die Untersuchung weiter; Padilla, Mutantu und die Maschine bleiben verschwunden.

Bis heute. Das FBI hat den Fall 2005 geschlossen. Die Gerüchteküche brodelt weiter. Der Pilot einer Hilfsorganisation will die flüchtig umgespritzte Maschine auf einem Flughafen in Guinea entdeckt haben. Andere Quellen behaupten, ihre zerlegten Reste würden in einem Hangar in Burundi liegen. Oder, dass sie auf den Seychellen um Landeerlaubnis angefragt habe, aber nie aufgetaucht sei. 2009 hiess es, der einstige Flieger der American Airlines transportiere Drogen und sei nun im Norden Malis in den Wüstensand gesetzt und anschliessend zerstört worden – weil die Händler ihre Spuren verwischen wollten. Nichts davon hat sich beweisen lassen.

Besonders interessant sind die Gerüchte, die sich um den Verbleib Padillas und seines Mechanikers ranken. Sie sind in jenem Internetforum nachzulesen, das den in Afrika fliegenden Cowboy-Piloten als digitales Café dient. Zwei Einträge behaupten, Mechaniker Mutantu sei in der nigerianischen Hauptstadt Abuja ins Gefängnis gesteckt worden und dort 2010 verstorben. Sollte das zutreffen, so hätte Mutantu das Verschwinden der Maschine überlebt. Was für Padilla einen ähnlichen Schluss zulässt. Falls dem so ist, stellt sich die Frage: Wo ist er?

Lunch in Lagos

Darauf hat ein anderer Pilot eine Antwort. Im Juni 2014 berichtet er im Forum, dass ein Kollege – «eine vertrauenswürdige Quelle» – ihm unlängst erzählt habe, er habe Padilla vor Jahresfrist zum Lunch getroffen: in Lagos. Padilla, der notorische Frauenheld, soll sich mit Hilfe der B 727 von seinem alten Leben verabschiedet und in Nigeria eine neue Familie gegründet haben.

Schwester Benita Padilla hat von all diesen Geschichten genug. Sie glaubt, ihr Bruder sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und auf die falschen Menschen getroffen. Wer «die falschen Menschen» sind, weiss sie nicht. Angola, damals in den letzten Zügen eines jahrzehntelangen Bürgerkriegs, war ein Hotspot für gefährliche Geschäfte. Und Flugzeuge waren ein Werkzeug, diese Geschäfte zu realisieren. Ben sei wahrscheinlich zusammen mit dem Flugzeug entführt und dann umgebracht worden, vermutet sie. Eine andere Möglichkeit sehe sie nicht. «Ben hat seinen Koffer in der Unterkunft zurückgelassen, und ohne diesen ging er nirgends freiwillig hin.»

Die Boeing mit der Registrierungsnummer N844AA ist bis heute das grösste Flugzeug weltweit, das vom Himmel verschwunden ist, ohne je wieder aufgetaucht zu sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.09.2014, 06:51 Uhr

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