Die Hälfte aller Autounfälle wäre vermeidbar

Elektronische Fahrerhilfssysteme könnten viele Menschenleben retten und Blechschäden ersparen – wenn sie in allen Autos installiert wären.

Besondere Unfallgefahr: Autokolonne im Schneetreiben auf der Autobahn.

Besondere Unfallgefahr: Autokolonne im Schneetreiben auf der Autobahn. Bild: Keystone

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Die Hälfte der Autounfälle wäre laut einer Untersuchung des Versicherungskonzerns Allianz vermeidbar, wenn alle Autos mit Fahrerassistenzsystemen ausgerüstet wären. Bis es so weit ist, werden allerdings noch einige Jahre ins Land ziehen.

Es dauere rund drei Jahrzehnte, bis ein Fahrerassistenzsystem in 95 Prozent der Autos vorhanden sei, erklärt der Chef der Allianz Deutschland AG, Markus Riess, im konzerneigenen Technikzentrum am Rande Münchens. Das Elektronische Stabilitätsprogramm (ESP) wurde ab 1995 eingeführt, um durch Bremseingriffe an den vier Rädern das Schleudern des Autos in grenzwertigen Situationen zu verhindern. Mittlerweile sei das ESP in 60 Prozent aller Autos vorhanden, sagt Riess. Wegen des Durchschnittsalters aller Autos von 8,5 Jahren dauere es seine Zeit, bis sich technische Neuerungen flächendeckend durchsetzten.

Aktive Gefahrenbremse hat das grösste Potenzial

Den Anfang der Fahrerassistenzsysteme hatte 1978 in Europa das Antiblockiersystem (ABS) gemacht. Seither ist eine ganze Armada an Ausstattungspaketen hinzugekommen, die dem Fahrer seine Aufgabe erleichtern, Gefahren zeigen und menschliche Fehler vermeiden sollen. Dazu zählen etwa Spurhalteassistenten, Totwinkel-Überwacher, Abstandswarner oder automatische Notbremssysteme.

Die Spurhalteassistenten schlagen Alarm, wenn das Auto seine Spur zu verlassen droht, weil der Fahrer etwa bei der Suche nach einem anderen Radiosender abgelenkt ist. Auch vor Fahrzeugen im toten Winkel oder vor zu geringen Abständen wird gewarnt. Reagiert der Fahrer weiterhin nicht oder ungenügend, leiten gewisse Autos sogar automatisch eine Notbremsung ein.

Die so genannte aktive Gefahrenbremse weist das grösste Potenzial zur Vermeidung von Unfällen auf. Damit können 45 Prozent aller Unfälle verhindert werden, bei denen es Verletzte gibt. Dies zeigt eine Untersuchung der Allianz und der Hochschule München, für die über 2000 schwere Verkehrsunfälle analysiert wurden.

Hilfreiche Auffahrwarnsysteme

Aber auch bevor es kracht, sind Assistenzsysteme nützlich. So nimmt durch Tempomaten, die ihre Geschwindigkeit an den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug anpassen, und durch Auffahrwarnsysteme die Zahl scharfer Bremsmanöver stark ab. Auf der Autobahn sinkt sie um zwei Drittel, auf der Landstrasse fast um die Hälfte und innerorts immer noch um ein Drittel. Dies ergab eine weitere Studie, für die 1000 Autos und Lastwagen mit wechselnden Fahrern ein Jahr lang auf den Strassen Europas unterwegs waren.

So könnten mit dem anpassungsfähigen Tempomaten und Auffahrwarnsystemen 42 Prozent aller Auffahrunfälle auf der Autobahn vermieden werden, erklärt Allianz-Unfallforscher Johann Gwehenberger. Auch die Zahl der Beinahe-Unfälle nehme stark ab (Autobahn -32 Prozent, Landstrasse -45 Prozent und innerorts -2 Prozent).

Parkunfälle sind häufigste Unfallart

Auch Totwinkel-Assistenten stossen auf Zustimmung: 80 Prozent der Fahrer waren der Meinung, dass diese Systeme die Sicherheit erhöhten. Als besonders nützlich erwies sich die Ergänzung zum immer weniger praktizierten Schulterblick im dichten Stadtverkehr.

Viel Geld lässt sich durch Parkhilfen sparen. Damit könnten bis zu 40 Prozent der Schäden beim Parkieren und Rangieren vermieden werden, sagt Riess. Und diese sind immerhin die häufigste Unfallart, gefolgt von Auffahrunfällen.

Nutzen hängt von Akzeptanz ab

Allerdings: Welchen Nutzen Fahrerassistenzsysteme bringen, hängt stark von der Akzeptanz bei Käufern und Fahrern ab. So kann das beste System die Verkehrssicherheit nicht steigern, wenn es vom Fahrer ignoriert oder gar abgeschaltet wird.

Akzeptanzprobleme können durch verschiedene Ursachen entstehen. Seit Beginn wird das Autofahren mit Freiheit verbunden. Diese sehen die Fahrer möglicherweise in Gefahr. Assistenzsysteme könnten in das gewöhnliche Fahrverhalten so eingreifen, dass sich der Fahrer entmündigt oder unterfordert fühlt. Dann beschäftigt er sich mit Nebentätigkeiten, die nichts mit dem Fahren zu tun haben. Problematisch ist auch, wenn das System überempfindlich reagiert. Dann wird der Fahrer Warnungen als nicht so wichtig einstufen.

Ausstattungspakete als Stolperstein

Ein Stolperstein ist auch die Preispolitik der Hersteller. Bei Aufpreisen von mehreren tausend Franken überlegen sich viele Käufer, ob sie ein solches System überhaupt bestellen wollen.

Hinderlich ist zudem die Ausstattungspolitik der Hersteller. Bei gewissen Autos sind die wichtigen Hilfssysteme nur in Verbindung mit anderen Ausstattungspaketen zu haben, die nicht sicherheitsrelevant sind.

Erstellt: 25.09.2012, 00:01 Uhr

Fast jeden Tag ein Verkehrstoter

Im letzten Jahr verunfallten in der Schweiz 23'562 Menschen auf der Strasse. 320 davon starben. 4437 Menschen wurden schwer und 18'805 leicht verletzt. Somit starb im Strassenverkehr durchschnittlich fast jeden Tag eine Person, wie aus den Zahlen des Bundesamtes für Strassen (ASTRA) für 2011 hervorgeht.

Trotz wachsenden Verkehrs ist die Anzahl der auf Schweizer Strassen getöteten Personen in den vergangenen Jahrzehnten stark zurückgegangen. Auch bei den Verletztenzahlen ist ein Rückgang zu beobachten.

Am meisten Verkehrsunfälle gab es Anfang der 1970er Jahre. 1971 waren bei fast 30'000 Verkehrsunfällen 1773 Menschen ums Leben gekommen. Dabei war damals der Fahrzeugbestand pro 1000 Einwohner weniger als halb so gross wie heute.

Mit 42 Verkehrstoten pro 1 Million Einwohnern im Jahr 2010 hat die Schweiz eine relativ tiefe Opferquote im europäischen Vergleich. Am wenigsten Tote gab es mit 28 pro 1 Million Einwohnern in Schweden. Auf der anderen Seite der Skala steht Griechenland mit 111 Toten pro 1 Million Bewohner vor Polen (102) und Italien (68). (sda)

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