«Die Landwirtschaft ist ja permanent gedopt»

Der Agrarökologe Andreas Bosshard fordert einen Paradigmenwechsel in der Schweizer Landwirtschaft. Dazu müsste aber die Forschung neu ausgerichtet werden.

«In den 1990er-Jahren war die Schweiz international führend. Das hat sich geändert», sagt Andreas Bosshard. Foto: Doris Fanconi

«In den 1990er-Jahren war die Schweiz international führend. Das hat sich geändert», sagt Andreas Bosshard. Foto: Doris Fanconi

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Wenn Sie in einen Apfel beissen, merken Sie, ob Pestizide drin sind?
Schwierig, da müsste ich mal einen Blindversuch machen.

Haben Sie das noch nie getan?
Nein, das nicht. Die Pestizide alleine würde ich wohl kaum merken, ausser wenn der Apfel grössere Rückstände hätte, was nicht der Normalfall ist. Aber unsere Kunden bestätigen uns immer wieder, dass unsere Äpfel geschmacklich viel besser sind. Ob das daran liegt, dass wir keine Pestizide einsetzen, kann ich natürlich nicht sagen.

Woran denn sonst?
Unser gesamtes Anbausystem ist anders. Auch haben wir ganz andere ­Sorten, die viel resistenter gegen Schädlinge sind. Zudem lassen wir die Äpfel immer hängen, bis sie reif sind und nehmen sie erst ab, wenn sie sich leicht vom Ast lösen lassen.

Der Bund hat jetzt den Aktionsplan zur Reduktion der Pflanzenschutzmittel präsentiert mit dem Ziel, das Risiko von Pestiziden zu halbieren. Entspricht er Ihren Erwartungen?
Immerhin beinhaltet er gegenüber dem Entwurf einige Verbesserungen, doch viele wirksame Massnahmen fehlen. Die Zielsetzung, das Risiko des Pestizideinsatzes zu halbieren, klingt zwar gut. Risiko ist jedoch eine abstrakte Grösse. Umgerechnet auf den Pestizideinsatz entspricht das nur einer Reduktion von 12 Prozent, bei besonders giftigen Stoffen um 30 Prozent, und das in 10 Jahren. Das liegt weit unter dem von uns geschätzten Potenzial. Vor allem kritisieren wir das Fehlen handfester Angaben, wie die vorgeschlagenen Massnahmen finanziert werden sollen. Ohne zusätzliche Mittel bleibt selbst dieser wenig ambitiöse Aktionsplan ein Papiertiger.

Daten von Agroscope zeigen, dass in der Schweiz nicht mehr Pestizide eingesetzt werden als im Ausland.
Diese Zahlen sind umstritten, und es ist schwierig, darüber etwas Faktenbasiertes zu sagen, da es in der Schweiz leider keine zuverlässigen Daten gibt beziehungsweise die verfügbaren Zahlen vom Bund teilweise als «Geschäftsgeheimnis» der Industrie unter Verschluss gehalten werden. Aber selbst wenn wir nicht mehr Pestizide als im Ausland verwenden würden, ist da doch etwas faul. Wir investieren fünf- bis zehnmal mehr in eine nachhaltige Landwirtschaft als fast alle anderen Länder Europas und rühmen uns auch immer deswegen. Bei den Umweltzielen sind wir aber nicht besser, im Gegenteil. Die Landwirtschaft erfüllt in allen Bereichen nicht einmal die gesetzlichen Vorgaben zum Beispiel bezüglich Biodiversität oder Gewässerqualität. Da müssten wir viel besser werden.

Was müsste man ändern?
In den 1990er-Jahren war die Schweiz mit der Entwicklung der Integrierten Produktion international führend beim Bemühen, mit weniger Pestiziden umweltfreundlicher zu produzieren. Danach hat unser Land diese Pionierrolle völlig verloren und ist dem Weg des geringsten Widerstandes gefolgt – mit dem Resultat, dass wir heute wieder zu den Ländern mit einem besonders hohen Pestizideinsatz gehören. Kaum ein anderes Land hat so viele Staatsgelder zur Verfügung für seine Landwirtschaft wie die Schweiz. Wir fordern, dass diese Mittel endlich wieder zielgerichtet für eine nachhaltige Landwirtschaft eingesetzt werden. In der Agrarpolitik 2022, also der nächsten Reformetappe, müssen die Weichen in Richtung einer pestizidfreien Landwirtschaft gestellt werden. Dieses Ziel wird mittlerweile schon von fast 30 Organisationen mitgetragen.

Ist eine pestizidfreie Landwirtschaft nicht eine verwegene Utopie? Die Schädlinge sind ja da, ob Sie es wollen oder nicht.
Das wird uns immer in die Köpfe gehämmert von denjenigen, die ihre Mittelchen verkaufen möchten. Da geht es um Milliarden. Und der Bund und die Forschung spielen mit. Der Bauer erhält von den landwirtschaftlichen Forschungsanstalten dauernd Informationen, welche Schädlinge gerade im Anzug sind und was man spritzen sollte, damit nicht die ganze Ernte bald dahin ist.

Die Frage ist doch, ob der Anbau, wie Sie ihn bei Ihren Obstkulturen praktizieren, auf andere Kulturen übertragbar ist. Wenn diese mehr Fläche brauchen, weil der Ertrag so viel kleiner ist, ist das auch nicht so ökologisch.
Bei ein paar wichtigen Ackerkulturen hat man bei pestizidfreiem Anbau tatsächlich noch starke Mindererträge. Bei Getreide können diese bis 50 Prozent betragen. Beim Mais dagegen sieht man kaum Unterschiede, den kann man gut pestizidfrei anbauen. Wir haben zwar die Vision einer pestizidfreien Landwirtschaft, aber wir sind da nicht kategorisch oder ideologisch. Wenn es einmal wirklich ein Problem mit Schädlingen gibt, so wie wir es mit den Apfelwicklern erlebt haben, ist für uns ein Einsatz von Pestiziden tolerierbar. Genau wie wir dann und wann Medikamente brauchen, wenn wir krank sind. Aber wir stehen ja auch nicht dauernd unter Medikamenteneinfluss.

Im Gegensatz zur Landwirtschaft.
Eben, die ist ja eigentlich permanent gedopt mit Pestiziden, zumindest bei vielen Kulturen. Eine solche Landwirtschaft, die nur mit permanentem Gifteinsatz funktioniert, hat keine Zukunft.

Wenn die Erträge tiefer sind, müsste man mehr importieren. Man weiss aber, dass Importe hinsichtlich Pestiziden bedenklicher sind.
Je nach Kultur müsste man gewisse Mindererträge tatsächlich zumindest vorübergehend durch Importe ausgleichen. Da haben wir noch keine Lösung. Doch bisher wurde ja praktisch nicht in diese Richtung geforscht, um auch ohne Pestizide hohe Erträge zu ermöglichen.

Hat die Forschung bisher versagt?
Hier besteht grosser Nachholbedarf. Die Forschung hat jahrzehntelang nur in eine Landwirtschaft investiert, die auf Pestiziden basiert. Deshalb stehen für eine pestizidfreie Landwirtschaft oft noch keine praxistauglichen Lösungen bereit. Das muss sich ändern. Kommt dazu, dass absurderweise viel Geld in die Erforschung der Folgeschäden von Pestiziden investiert wird und wie diese zu vermeiden sind. Diese Forschungsmittel fehlen dann anderswo. Das ist ärgerlich: Die chemische Industrie produziert ein Problem, und der Staat muss dann teuer untersuchen, wie man das Problem in den Griff bekommt.

Wie könnte man aus dem Teufelskreis ausbrechen?
Man müsste in andere Bereiche der Forschung investieren, in die Sortenvielfalt oder in nachhaltige, agrarökologisch optimierte Anbautechniken. Da sind noch riesige ungenutzte Potenziale.

Die Gentechnologie könnte die Züchtung umweltfreundlicher Sorten entscheidend beschleunigen, trotzdem wehrt sich die Bioszene dagegen. Weshalb?
Klar könnten diese Technologien in diesem Bereich hilfreich sein, zum Beispiel mit der Entwicklung von schädlingsresistenten Obstsorten etwa gegen den Feuerbrand. Nur müsste man diese Sorten dann darauf ausrichten, dass sie in einem pestizidfreien Anbau eingesetzt werden können. Das ist heute noch überhaupt nicht der Fall. Praktisch alle auf dem Markt zugelassenen Gentechsorten zielen heute darauf ab, dass sie Herbizidduschen besser überstehen.

Um wie viel Prozent könnte der Pestizideinsatz in der Schweiz realistisch reduziert werden?
Wir haben in einer recht detaillierten Berechnung die kurzfristige Reduktion unter den gegebenen Umständen, also mit den heutigen Sorten, berechnet und sind dabei schon in einer konservativen Berechnung auf 50 Prozent gekommen. Nur schon 20 Prozent könnten eingespart werden, wenn der ökologische Leistungsnachweis von den Behörden gesetzeskonform vollzogen würde. Die restlichen 30 Prozent könnte man mit gezielten Massnahmen reduzieren. Mittelfristig gehen wir davon aus, dass wir weitgehend auf Pestizide verzichten könnten, ohne die inländische Produktion zu schwächen.

Der Ertrag müsste gesteigert werden, wenn man den Selbstversorgungsgrad halten will.
Alle sprechen immer vom Ertrag, wenn es um den Selbstversorgungsgrad geht. Dabei gäbe es viel bedeutendere Hebel. Zum Beispiel bei den Nahrungsmittelverlusten. Wir verlieren über ein Drittel der Nahrungsmittel zwischen Feld und Konsum. Anstatt Energie und Geld in eine dauernde Ertragssteigerung zu investieren, welche die Umwelt zu­sätzlich belastet und unsere Landwirtschaft noch abhängiger vom Ausland macht, wäre es bedeutend effizienter, die enormen Nahrungsmittelverluste zu minimieren. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.09.2017, 19:12 Uhr

Andreas Bosshard

Agrarökologe und Obstbauer

Der Agrarökologe ist Geschäftsführer der Denkwerkstatt «Vision Landwirtschaft», die sich für eine «nachhaltige, eigenwirtschaftliche Landwirtschaft» einsetzt. Als Mit­bewirtschafter eines Biohofes in Oberwil-Lieli betreibt Bosshard zudem eine Hochstammanlage mit Äpfeln komplett pestizidfrei.

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Eine Reihe von Massnahmen

Rund 2200 Tonnen Pestizide bringen die Schweizer Bauern jährlich aufs Feld. Nun hat der Bundesrat den Nationalen Aktionsplan Pflanzenschutzmittel ­verabschiedet. Ziel ist es, die Risiken der Pestizidanwendung zu halbieren und ­Alternativen zum chemischen Pflanzenschutz zu fördern. Der Verbrauch von Pflanzenschutzmittel mit besonderem Risikopotenzial soll bis 2027 um 30 Prozent gesenkt werden, die Emissionen von Pestiziden um 25 Prozent.

Diese Ziele sollen mit einer Reihe von Massnahmen erreicht werden. So sollen etwa den Bauern über Direktzahlungen Beiträge für den Verzicht von Herbiziden verteilt werden. Weiter soll die ­Forschung an pilzresistenten Sorten ­gefördert werden, um den Einsatz von Fungiziden zu reduzieren. Mit Abstandsregelungen, Anbauvorschriften sowie dem Einsatz von Hightech will der Bund die Belastung der Gewässer reduzieren.

Die Reaktionen auf den Bericht sind zwiespältig. Für die Zürcher Grün­liberale Tiana Angelina Moser sind die Ziele «zu wenig ehrgeizig». «Die Fristen sind ungenügend, und so bleibt offen, ob die Massnahmen wirklich umgesetzt werden.» Die Industriegruppe Agrar des Branchenverbandes Sciencesindustries dagegen kritisiert, dass der Aktionsplan den Nutzen des Pflanzenschutzes nicht genügend berücksichtige. Der Schweizer Bauernverband hingegen begrüsst und unterstützt den Massnahmenplan.

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