«Die Raumfahrt hilft, die Klimakrise zu lösen»

Die Astronautikprofessorin Dava Newman über Wissen aus dem Weltraum und irdische Probleme.

«Er kann Menschen ­helfen, die Probleme mit dem Bewegungsapparat haben»: Dava Newman im von ihr entwickelten Raumanzug Biosuit. <nobr>Foto: Douglas Sonders</nobr>

«Er kann Menschen ­helfen, die Probleme mit dem Bewegungsapparat haben»: Dava Newman im von ihr entwickelten Raumanzug Biosuit. Foto: Douglas Sonders

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Ist es in ­Anbetracht irdischer Probleme wie Klimawandel und ­Biodiversitätsverlust nicht unverantwortlich, Milliarden für die Eroberung des Weltalls auszugeben?
Nur auf den ersten Blick. Vor 50 Jahren bestand die grosse Herausforderung darin, Menschen auf den Mond zu schicken. Den Mars zu besiedeln, wird in Zukunft eine ähnlich grosse Herausforderung sein. Der Mondflug unserer Generation ist in der Tat die Bewältigung der Klimakrise. Wenn sich die Menschheit nun anschickt, eine interplanetare Spezies zu werden, dann hat das scheinbar wenig mit den irdischen Problemen zu tun (lesen Sie hier, warum das Interesse an der bemannten Raumfahrt wieder wächst). Aber der Schein trügt. Um den Weltraum zu erobern, müssen wir viel in Forschung und Technologie investieren. Und diese Investitionen haben oft einen grossen und direkten Nutzen für Anwendungen hier unten auf der Erde.

Wir könnten unser Geld direkt für Innovationen ­ausgeben, mit denen wir die Probleme auf der Erde angehen, ohne Umweg über den Mars.
Das ist eine falsche Gegensätzlichkeit: entweder Geld für den Weltraum oder für die Erde. Vielmehr gibt es einen Doppelnutzen: Wir investieren in Wissenschaft und Technologie für Weltraumanwendungen und können die Entwicklungen auch auf der Erde nutzen. Oft hilft uns der Weltraum sogar, Probleme auf eine andere Art zu lösen. Wir sind mit vielen Einschränkungen konfrontiert, mit enorm tiefen Temperaturen, mit Vakuum und mit Schwerelosigkeit. Es ist eine grosse Herausforderung, Dinge für dieses extreme Umfeld zu entwickeln. Aber wenn uns das gelingt, können wir darüber nachdenken, wie uns diese Technologien auf der Erde helfen.

Wir haben aber keine Garantie, dass sich die Investitionen in die Raumfahrt auszahlen.
Wenn wir heute in Weltraumtechnologie investieren, dann kann ich natürlich nicht sagen, was dabei herauskommt.

Oft braucht es einen langen Atem, bis wir die Früchte ernten können.
Genau. Aber es gibt viele Beispiele, wo sich diese Investitionen ausgezahlt haben. Man denke an das Satellitennavigationssystem GPS. Heute vergehen kaum zehn Minuten, ohne dass wir mit dem Handy in irgendeiner Form auf GPS zurückzugreifen. Ein anderes Beispiel sind Lebenserhaltungssysteme im Weltraum. Heute profitieren Millionen Menschen auf der Erde täglich von der Wasserfiltertechnologie, die wir für die Internationale Raumstation entwickelt haben. Oder denken Sie an Satelliten zur Erdbeobachtung. Sie liefern Daten zur Temperatur der Atmosphäre, zur Konzentration der Treibhausgase, zum Rückgang der Eisschilde und zu vielem mehr. Mit dieser Weltraumtechnologie erfassen wir permanent die Vitalparameter der Erde. Sie helfen uns, das Raumschiff Erde und insbesondere den Klimawandel besser zu verstehen.

«Die Marsmissionen haben auch der Robotikindustrie auf der Erde geholfen.»

Aber muss es denn ­Weltraumtechnologie sein, in die wir investieren?
Nein, das kann auch Ozeanforschung oder die Entwicklung neuer Energiesysteme sein. Es gilt generell für die Investition in Wissenschaft und Technologie, dass wir von den daraus hervorgehenden Erkenntnissen und Technologien profitieren.

Okay, aber was hat denn zum Beispiel die jahrzehntelange Erkundung des Mars uns Erdenbürgern gebracht?
Für die Marsmissionen war die Autonomie von Robotern ein wichtiger Aspekt. Der Mars ist so weit weg, dass ein nicht auto­nomer Rover wenig Sinn macht. Alles, was wir unter den harschen Bedingungen des Mars in Sachen Autonomie demonstrieren konnten, hat auch der Robotikindustrie auf der Erde geholfen. Heute ist Autonomie bei Autos und Transportsystemen ein grosses Thema. Dafür hat die Weltraumrobotik den Weg geebnet.

Sie befassen sich in Ihrer ­Forschung insbesondere mit der Entwicklung eines künftigen Raumanzugs, dem Biosuit. Können wir auf der Erde auch davon profitieren?
Ja, definitiv. Die eine Hälfte meiner Studenten sind im Bereich der Weltraumforschung tätig, die andere Hälfte arbeitet in der Biomedizin. Unser neuartiger Raumanzug kann Menschen helfen, die Probleme mit dem ­Bewegungsapparat haben, etwa ­älteren Personen. Der Biosuit funktioniert wie ein weiches Exoskelett. Er ist voll mit intelligenten, funktionalen Fasern und Sensoren, die die menschliche Bewegung messen. Beim Messen mit den Sensoren sind wir schon sehr gut. Der schwierigere Teil ist die aktive Unterstützung der Bewegung mit einem weichen Anzug. Darauf liegt der Fokus unserer aktuellen Forschung.

In Ihrem Vortrag in Basel haben Sie erwähnt, dass Sie und Ihr Mann eineinhalb Jahre um die Welt gesegelt seien und dabei etwas Wichtiges gelernt hätten.
Wir haben mit dem Segelboot 33 Inselstaaten besucht. Darunter waren einige grosse Inseln wie Australien, aber auch viele kleine Inseln wie Vanuatu im Südpazifik. Auf der Reise sind wir vielen indigenen Völkern begegnet, die sich seit Zehntausenden von Jahren in Balance mit dem Meer, der Landschaft und den Lebewesen ihrer Insel befinden. Wenn diese Inselbewohner nicht nachhaltig leben, geht ihre Kultur unter. Diese Erkenntnis ist natürlich nicht neu, aber wir haben das quasi für uns neu entdeckt. Diese indigenen Kulturen sind so klug darin, ihren Lebensraum nachhaltig zu bewirtschaften. Wir Stadtmenschen erleben den Segen der Biodiversität und einer intakten Natur nicht mehr direkt. Aber wir müssen über diese alte Philosophie und Lebensweisheit nachdenken: Wie können wir im Gleichgewicht mit der Natur leben?

«Wir können weniger konsumorientiert und trotzdem glücklich sein.»

Aber diese indigenen Völker können doch nicht als Vorbild für unsere westliche Konsumgesellschaft herhalten.
Natürlich sind diese Kulturen sehr unmaterialistisch. Wir indes sind sehr materialistisch, speziell in den entwickelten Ländern. Aber wir müssen uns die Frage stellen, wohin das führt. Können wir unseren Lebensstil ändern?

Und, können wir das?
Ich denke, die Antwort lautet Ja. Wir können weniger auf den materiellen Konsum orientiert und trotzdem glücklich sein.

Aber die Raumfahrt, um auf Ihren Forschungsbereich zurückzukommen, ist ein sehr materialintensives Vergnügen.
Auch die Weltraumfahrt lehrt uns etwas über Nachhaltigkeit. Wir entwickeln Lebenserhaltungssysteme als geschlossenen Kreislauf. Im Weltraum müssen alle Flüssigkeiten recycelt werden. Es gibt also eine Parallele zwischen den geschlossenen ­Lebenserhaltungssystemen im Weltraum und dem Leben auf einer Insel. Das Ganze geht natürlich weiter, indem wir auf der Erde eine vollständige Kreislaufwirtschaft anstreben, in der alles recycelt wird, anstelle von viel Input und am Ende viel Abfall, wie es heute oft der Fall ist.

Wie wollen Sie Firmen für diese nachhaltige Kreislaufwirtschaft gewinnen?
Das ist eine entscheidende Frage. Es gibt 350 Millionen kleine und mittlere Betriebe auf der Welt, sie machen 98 Prozent aller Unternehmen aus. Wenn sich diese KMU in Richtung Nachhaltigkeit bewegen, kann das einen enormen Unterschied machen. Nächstes Jahr wollen wir eine Million KMU dazu bewegen, nachhaltig zu wirtschaften. Wir wollen diesen Firmen aufzeigen, wie Nachhaltigkeit in ihrem Geschäft ökonomisch Sinn machen kann. Langfristig kann diese Rechnung aufgehen, wenn Konsumenten und die Industrie Hand in Hand gehen: Wenn die Konsumenten vermehrt nachhaltige Produkte verlangen, macht es für die Firmen auch Sinn, nachhaltiger zu produzieren.

Denken Sie, dass die ­Menschheit die Wende hin zu Nachhaltigkeit schafft?
Ja, denke ich, die Menschheit kann das schaffen. Wir können es schaffen. Die entscheidende Frage ist, ob uns das schnell genug gelingt. Daher müssen wir die Debatte über die Dringlichkeit von Klima- und Umweltschutz intensiver führen. Wenn jemand in der Familie ernsthaft krank ist, dann zeigen wir Empathie und tun alles, um dieser Person zu helfen. Wenn die Erde krankt, scheint uns die Empathie und die Leidenschaft zu fehlen, um dem Problem mit der entsprechenden Dringlichkeit zu begegnen. Wie also bringen wir die Erkenntnis der Dringlichkeit zu den Menschen? Das ist die grosse Herausforderung.

Oft hört man das Argument: Ich als Individuum oder selbst wir als kleine Nation wie die Schweiz, wir können die Welt eh nicht retten, darauf kommt es nicht an.
Klar, ich bin nur ein Individuum. Aber jeder kann in seinem Alltag etwas tun, den öffentlichen Verkehr nutzen, sich vegetarisch ernähren, zum Beispiel. Wenn Millionen Menschen und schliesslich Milliarden Menschen ihren Teil beitragen, dann kann das eine enorme, positive Wirkung entfalten.

Erstellt: 15.11.2019, 21:21 Uhr

Die Weltraumforscherin

Die US-Amerikanerin Dava ­Newman (55) ist Apollo-Programm-Professorin für Aeronautik und Astronautik am Massachusetts Institute of Technology in Cambridge (USA). Von 2015 bis 2017 war sie stellvertretende Vorsitzende der US-Weltraum­behörde Nasa und leitete vier Weltraummissionen. Sie forscht vorwiegend im Bereich Biomedizintechnik für den Weltraum und entwickelt unter anderem einen neuen Raumanzug für Astronauten, den Biosuit. Wir trafen Newman in Basel, wo sie auf Einladung des Schweizer Forschungs- und Entwicklungszentrums CSEM einen Vortrag hielt. (jol)

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