Hintergrund

Warum Google ins Roboter-Geschäft einsteigt

Seit der Internetriese eine Roboter-Firma gekauft hat, sind die Blechmaschinen mit Innenleben wieder ein heiss diskutiertes Thema. Was ist dran?

Schafts Auftritt am Darpa Challenge in Florida: Der Google-Roboter schliesst einen Feuerwehrschlauch an. <nobr>Foto: Keystone/Maxppp</nobr>

Schafts Auftritt am Darpa Challenge in Florida: Der Google-Roboter schliesst einen Feuerwehrschlauch an. Foto: Keystone/Maxppp

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Rechtzeitig fürs Weihnachtsgeschäft landete Jeff Bezos einen Coup: Amazon entwickelt eine Mini-Transportdrohne, mit der der Versandhandel noch einmal beschleunigt und verbilligt werden soll. Auch Google wartet mit eigenen Automatisierungsplänen auf: Der Erzrivale von Amazon will eine Serie mobiler Roboter bauen und ebenfalls Fuss im Transportgeschäft der Zukunft fassen.

Der Vorstoss der beiden Internetkonzerne in die Robotik markiert nach Ansicht von Technologieexperten einen fundamentalen Wandel. Bislang waren Roboter und Drohnen die Domäne des Militärs, der Geheimdienste und der Polizei. Kommerzielle Drohnen, wie sie Amazon anpeilen oder DHL, der Paketdienst der Deutschen Post, sind dagegen nicht für den Verkehr zugelassen.

Roboter waren lange Jahre eher eine Freizeitbeschäftigung für Hobbybastler als ein kommerzielles Geschäft. Trotzdem bringen Start-up-Firmen vor allem im Silicon Valley und in Japan mehr und mehr mobile Roboter auf den Markt, von denen erwartet wird, dass sie direkt mit Menschen zusammenarbeiten können. Ob sich damit die kühnsten Science-Fiction-Szenarien bestätigen oder eher die Albträume einer durchautomatisierten Wirtschaft bewahrheiten, ist offen.

Sicher ist: Die Nachfrage nach Robotern und Drohnen wächst. Die Marktforschungsgruppe Freedonia schätzt, dass der Absatz von Robotern jährlich um über 10 Prozent wachsen wird und 2016 mehr als 20 Milliarden Dollar Umsatz erreicht. Allein Apple will in Fertigungsroboter für iPhone und iPad mehr als 10 Milliarden Dollar investieren. Aktuell ist Japan der grösste Robotermarkt, gefolgt von den USA und Deutschland.

Googles bester Mann

Der Einstieg von Google und Amazon pflüge den Markt fundamental um, sagt Jacob Rosen, Direktor des Bionics-Labors an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz. Internetfirmen wie Google seien an Design, einer integrierten Software sowie der Standardisierung der Roboter interessiert. Ziel ist der Massenmarkt – und nicht das obskure Geschäft mit Spionen und Agenten.

Bei Google sind die beiden Gründer Larry Page und Sergey Brin die treibenden Kräfte. Solche «Moonshots» – das Greifen nach den Sternen – sind Teil ihres Selbstverständnisses. Tim Draper, einer der erfolgreichsten Risikokapitalgeber im Silicon Valley, sieht die Investitionen in Roboter und Drohnen als Beweis dafür, dass die Hightechfirmen ihre Innovationskraft behaupten und dies auch nach aussen zeigen wollen. Nichts sei aus dieser Optik unmöglich. «Wenn ein Erfinder wie Elon Musk (Tesla) Pläne für einen Flug zum Mars schmiedet, denken viele, dass er spinne. Wir im Silicon Valley aber finden das toll und wollen ihm helfen.»

Google steckt nicht nur einfach Geld in die Robotertechnologie. Der Konzern hat das Projekt einem seiner erfolgreichsten Mitarbeiter anvertraut. Andy Rubin arbeitete für Carl Zeiss und Apple, bevor er das Handy-Betriebssystem Android entwickelte. Allein in den letzten Monaten kaufte Rubin acht Roboterfirmen auf – ein Ende ist nicht in Sicht. Wie viel Geld ihm dafür bleibt, ist geheim.

Anders als beim futuristischen X-Lab, wo Google mit der digitalen Brille Google Glass und dem selbst fahrenden Auto experimentiert, sollen die Roboter schon bald kommerziell verwertbar sein. Wie weit Google dabei ist, zeigen die Darpa Robotics Challenge, einer der wichtigsten Roboterwettkämpfe, der am Wochenende in Florida stattfand: Der Schaft-Roboter dominierte den Anlass. Entwickelt wurde er von japanischen Studenten, die ihr Unternehmen an Google verkauft haben.

Obwohl Schaft auch Feuerwehrschläuche anschliessen kann: Die besten Einsatzmöglichkeiten von Robotern sehen Google und Amazon in der Logistik und im Warenversand. Beide Konzerne testen in San Francisco und einigen weiteren US-Städten die automatisierte Hauslieferung. Ziel ist nicht nur, eigene Kunden schneller zu bedienen, sondern etablierte Transportwege zu erobern.

Roboter und Drohnen dürften den Versandhandel auf gleiche Art und Weise aufmischen, wie iTunes von Apple dies im Musikgeschäft getan hat, glaubt Techcrunch-Experte Josh Constin: «Google und Amazon wollen sich aber noch nicht in die Karten blicken lassen, weil ihre Pläne von den Konkurrenten kopiert werden könnten.»

Null Toleranz bei Fehlern

Die Geheimniskrämerei ist riskant: Die Roboter und Drohnen verstärken Ängste vor einer überbordenden Technokratie in der Wirtschaft und der zwielichtigen Rolle der Internetfirmen im US-Überwachungsstaat. «Plötzlich sorgen sich die Menschen um ihre Privatsphäre», sagt Professor Rosen. Es sei unklar, ob unbemannt herumfliegende Maschinen je akzeptiert würden. «Wir haben Verständnis für menschliches Versagen, aber null Toleranz gegenüber technologischen Fehlern», so Rosen.

Allerdings ist der Einsatz kommerzieller Drohnen noch weit entfernt. Zwar könnten sie technisch in 5 bis 7 Jahren ausgereift sein, sagt Technologiereporter Constin. Doch es könnte bis zu 10 Jahre dauern, bis die nationale Luftfahrtbehörde FAA die Risiken geklärt hat und eine Bewilligung erteilt. Kein Wunder: Allein die Amazon-Flotte würde wohl aus Tausenden von Drohnen bestehen. Die Fluggeräte wären für sich selber wie für die Menschen eine Gefahr: Sie sind im Moment unfähig, sich zu erkennen und einander auszuweichen. Jeff Bezos’ Ankündigung ist deshalb in erster Linie als PR-Coup zu verstehen: Er sichert Amazon Schlagzeilen und lenkt zudem von der Tatsache ab, dass der Konzern kürzlich einen 600-Millionen-Dollar-Vertrag zum Betrieb eines Datenzentrums mit den US-Geheimdiensten abgeschlossen hat. Vergessen ging auch, dass Paketdienste wie DHL oder UPS schon länger an Drohnenprojekten arbeiten als Amazon – ohne das je an die grosse Glocke gehängt zu haben.

Lesen Sie morgen im TA, wie die Roboter-Nation Japan die Maschinen in der Betreuung von älteren Menschen einsetzt.

Erstellt: 27.12.2013, 11:17 Uhr

Lesen Sie im «Tages-Anzeiger»

Tages-Anzeiger Zeitung
Print-Ausgabe vom 28. Dezember 2013
Roboter-Hilfe Wie Japan Maschinen in der Betreuung von älteren Menschen einsetzt

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