Die Seilbahnsicherheit hängt nicht nur am Seil

Bei Neubauten und Kontrollen der Seile von Schwebebahnen gelten in der Schweiz strenge Vorschriften. Doch Unfälle gibt es wegen defekter Klemmen und Entgleisungen.

Bei der Seilentgleisung der Sesselbahn Fallboden im Berner Oberland 2008 starb eine Person. Foto: Bruno Petroni (Keystone)

Bei der Seilentgleisung der Sesselbahn Fallboden im Berner Oberland 2008 starb eine Person. Foto: Bruno Petroni (Keystone)

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«Das subjektiv eingeschätzte Risiko ist bei Seilbahnen – trotz günstiger Unfallstatistiken – überdurchschnittlich hoch.» Das hat einer geschrieben, der das Seilbahngeschäft und dessen Kunden ausserordentlich gut kennt: Artur Doppelmayr, Seniorchef des Doppelmayr-Garaventa-Konzerns. Die Gründe dafür, dass manche Fahrgäste kritisch auf das Seil über ihren Köpfen und in die Tiefe unter ihren Füssen blicken, sieht Doppelmayr in der Psychologie: «Man hängt an einem dünnen Seil, man hat keinen festen Boden unter den Füssen, alles bewegt sich, viele Benützer leiden unter Höhenangst.» Und wenn ein starker Wind weht, wie mancherorts am vergangenen ­Wochenende, fragen sich manche Passagiere, wie sicher sie sind. Sicherheits­fragen kamen auch nach der Seilent­gleisung bei einer Sesselbahn 2008 im ­Berner Oberland auf. Der Unfall forderte ein Todesopfer und mehrere Verletzte.

Bei Einseilumlaufbahnen wie im Berner Oberland besteht das Risiko, dass das Seil von den tragenden Rollen an den Masten springt. Eine solche Seilentgleisung führt im schlimmsten Fall zum Absturz des Seils samt einer oder mehreren Kabinen. Die Umlaufbahn, bei der Sessel oder Kabinen an einer endlosen Seilschlaufe berg- und talwärts fahren, ist der meistverbreitete Typ der Bergbahn. 470 der 870 Luftseilbahnen in der Schweiz gehören dazu. In der Regel gibt es nur ein Förderseil, das die Funktionen des Tragseils und des Zugseils zugleich ausübt. Damit die Fahrzeuge in den Stationen ihre Geschwindigkeit auf ein für die Fahrgäste bequemes Tempo reduzieren können, werden meistens Sessel oder Gondeln verwendet, die durch Klemmen am Seil befestigt sind und in den Stationen vom Seil ­getrennt werden. Diese Technik geht auf den Schweizer Seilbahnbauer Gerhard ­Müller zurück.

Blinder Fleck im Regelwerk

Die Seilbahnen haben zwar ein hohes Sicherheitsniveau erreicht. In der Schweiz werden im Jahr durchschnittlich 12 Seilbahnunfälle registriert, wobei technisches Versagen die Ausnahme ist, Fehlverhalten von Fahrgästen oder des Personals ist häufiger. In den letzten zehn Jahren kamen bei Seilbahnunfällen insgesamt acht Personen ums Leben. Die Fahrt mit der Seilbahn ist also bei weitem nicht die gefährlichste alpine Freizeitaktivität.

Das technische Regelwerk hat allerdings einen blinden Fleck. Das Augenmerk bei der Prüfung und Überwachung der bestehenden Anlagen wird hauptsächlich auf das Seil gelegt. Andere, für die Sicherheit des Gesamtsystems ebenfalls wichtigen Elemente werden separat behandelt. «Die Seile werden ungleich strenger überwacht, als die übrigen ­Sicherheitsbauteile», sagt René Weber. Er ist Leiter der akkreditierten Prüf- und Inspektionsstelle des privaten Prüfinstituts IWM in Monthey und Fachdozent.

Die heutige Rechtslage habe eine Lücke beziehungsweise eine Asymmetrie, sagt René Weber. Eine Prüfstelle, welche die periodische Kontrolle der Seile ausführt, muss als fachlich kompetent und unabhängig akkreditiert sein und zudem vom Bundesamt für Verkehr (BAV) offiziell anerkannt werden. Im Gegensatz dazu können die Seilbahnunternehmen alle anderen Sicherheitsbaugruppen selber prüfen oder «fachkundige Dritte» beiziehen, an die das Gesetz aber nur wenig konkrete Anforderungen stellt. In der Praxis zeigt sich, dass es kaum jemals einen Unfall infolge eines Seilrisses gegeben hat – die Kontrolle erfüllt ihren Zweck. Andere Sicherheitsbauteile versagen aber bisweilen ihren Dienst: Beim am meisten verbreiteten Typ, der Einseilumlaufbahn, sind in den letzten Jahren mehrmals Kabinen abgestürzt, nachdem das Seil von den Rollen sprang. Unfälle gab es auch, weil die Klemmen, welche Sessel oder Gondeln am Seil festhalten, ins Rutschen kamen. Rollenbatterien und Seilklemmen gehören zu den Sicherheitsbaugruppen, die weniger streng kontrolliert werden als die Seile.

Franzosen fordern neue Regeln

Neue Sicherheitsbauteile für Seilbahnen müssen nach einem genauen, europaweit geltenden Zulassungsverfahren ­typengeprüft werden, ehe sie eingebaut werden dürfen. Neben Berechnungen braucht es Tests. «Wir haben eine Testseilbahn, an der die Teile bis an die Grenzen beansprucht werden», erklärt István Szalai, CEO des Herstellers Garaventa. Begutachtet werden die Versuche durch eine Zertifizierungsgesellschaft, etwa einen Technischen Überwachungsverein (TÜV). Sowohl das Bundesamt für Verkehr wie auch der Branchenverband Seilbahnen Schweiz sind vom heutigen Zulassungsverfahren überzeugt.

Dass die vor kurzem aktualisierten Normen Verbesserungspotenzial haben, zeigt indessen ein Vorstoss der französischen Sicherheitsstelle nach einem Seilbahnunfall von 2013: Das europäische Normenkomitee CEN solle für die Überwachung der Rollenbatterien auf Materialermüdung spezielle Regeln aufstellen, fordern die französischen Experten, die bei diesem technischen Detail eine Lücke sehen.

Seilentgleisungen sind gefährlich. Doch wirkungslos sind die heutigen Seilfangvorrichtungen nicht. Zwischen 2005 und 2015 wurden dem Bundesamt für Verkehr (BAV) 19 Seilentgleisungen gemeldet. In sechs dieser Fälle wurde das Seil nicht durch den Seilfänger aufgefangen. Von den sechs Seilabstürzen ereigneten sich drei während des Betriebs, bei den anderen stand die Anlage still. Nach dem schweren Unfall von 2008 ordnete das BAV an, dass bestehende Anlagen auf den neuesten Stand der Technik gebracht werden mussten. Die heutigen Seilfänger seien zweckmässig, heisst es beim BAV.

Die gefürchtete Seilentgleisung lässt sich am besten durch vorbeugendes Eingreifen verhindern. Meistens ist die Ursache eine Windböe, die das Seil und die Sessel oder Kabinen in starke, unkontrollierbare Schwingungen versetzen kann. Eine automatische Überwachung des Seilverlaufs auf den Rollen, gute Kurzfristprognosen, strenge Windgrenzwerte und schnelle Reaktionen des Personals sind nötig. Wegen der im Gebirge komplizierten Windverhältnisse müssen die Windmessgeräte sehr gut platziert werden. Das ist nicht immer der Fall. «Oft wird dabei vergessen, dass nicht nur die Windstärke, sondern auch die Windrichtung entscheidend ist», sagt René Weber.

Andere Risiken

Theo Wenger, Geschäftsführer des Prüfinstituts IWM, kennt aus seiner Inspektionstätigkeit noch weitere kritische Stellen, etwa Risse im Gehänge, das den Sessel oder die Kabine hält oder Korrosionsschäden an Kabinenböden. «Solche Mängel kann man von Auge sehen, wenn man geübt ist», sagt Wenger, der früher selber Betriebsleiter von Seilbahnen war. Das Gesetz verlangt von den Bahnbetreibern die Selbstkontrolle aller Sicherheitsbauteile. Die Seile müssen ­visuell kontrolliert werden, dafür gibt es einen speziellen Kurs. «Vielen Unter­nehmen fehlen aber Möglichkeiten und Ressourcen, um die Prüfungen selber auszuführen», sagt René Weber.

Für die Seilbahnbranche sind eigens neue Berufsbilder und Lehrgänge geschaffen worden, die Bahnen haben aber heute Mühe, genügend qualifiziertes Personal zu finden. Die privaten Prüf­institute haben keine amtlichen Funktionen, mit einem Prüfbericht kann ein Seilbahnbetreiber jedoch ­beweisen, dass er seiner Pflicht nachkommt, den Zustand der Bahn objektiv zu erfassen. Der erfahrene Seilbahn­experte René Weber hat sein eigenes, ­sicheres Rezept: «Wenn es stark windet verzichte ich aufs Skifahren.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.01.2016, 18:51 Uhr

Seilentgleisungen: Die Lösung eines Zürcher Ingenieurs

Artemio Granzotto als passionierten Ski­fahrer hat das Unglück im Berner Oberland 2008 stark beschäftigt. Beruflich führt er ein Ingenieurbüro für Medizintechnik. Doch seit einigen Jahren befasst er sich zusammen mit einem Physiker, einem Mathematiker und einem Programmierer mit der Analyse der Seilschwingungen und deren kinetischer Energie bei Seilentgleisungen, wie er berichtet. Der sogenannte Seilfänger an der Rollen­batterie, der bei einer Seilentgleisung den Absturz des Seils verhindern soll, sei ungenügend, fand Granzotto. Durch Computersimulationen an einer virtuellen Seilbahn konnte sein Team die auftretenden sehr komplexen Seilschwingungen messen. «Die Seilfänger nach dem heutigen Stand der Technik sind relativ klein und muldenförmig, sie leisten keine besondere Schwingungsdämpfung trotz der gewaltigen kinetischen Energie und gewähren nicht genügend Sicherheit gegen einen Seilabsturz», sagt Granzotto. Er hat mit seinem Team einen neuen Seilfänger entwickelt, bei dem die Schwingungen zum grössten Teil gedämpft und blockiert werden können. Das Patent­verfahren läuft, damit die Neuheit zugelassen wird, muss sie jedoch noch nach den europäischen Normen getestet werden. Artemio Granzotto sprach mit Behörden, Verbänden und Seilbahnherstellern, fand aber bisher wenig Echo.

Gegenüber Vorschlägen für neue Systeme gibt es viele Vorbehalte. Auch István Szalai, dem CEO des Schweizer Herstellers Garaventa, werden immer wieder Ideen und Entwürfe vorgestellt. «Bei diesen Erfindungen geht es meist um mechanische Zusatz­einrichtungen, doch das erhöht nur die Komplexität», sagt Szalai. (jä.)

Die Muldenförmigen Seilfänger auf dem Verbindungsstück der Rollen sollen bei einer Seilentgleisung den Absturz des Seils verhindern. Foto: Xpicto

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