Die Stimme verstellen bringt nichts

Stimmforensiker Volker Dellwo kennt die Tricks, mit denen sich Straftäter anhand der Stimme überführen lassen. Künftig könnten Teile des Gesichts anhand der Aussprache rekonstruiert werden.

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Der Anruf traf acht Minuten vor Abflug ein. Eine Bombe befinde sich an Bord des Fluges nach Los Angeles, sagte ein Mann. Spezialisten der Polizei evakuierten die Maschine sofort, durchsuchten sie, fanden aber keinen Sprengstoff. Den Anrufer konnten die Fahnder jedoch bald ermitteln. Ein Passagier hatte sich geärgert, dass er seinen Flug verpassen würde, und versuchte, die Maschine so aufzuhalten. Seine Dummheit bezahlte er mit zehn Monaten Gefängnis.

Geht es darum, die Stimme eines Verdächtigen zu identifizieren, kommt Volker Dellwo, Professor für Phonetik und Phonologie an der Universität Zürich, regelmässig zum Einsatz. Denn manchmal sind Stimm­aufnahmen vor Gericht ein wichtiges Beweismittel. Dellwo beschäftigt sich damit, was eine Stimme einzigartig macht und wie man sie einem Sprecher zuordnen kann. «Im Krimi sieht man häufig, wie jemand ein Tuch über den Telefonhörer legt», sagt Dellwo. Er sitzt in seinem Büro in Zürich-Oerlikon. Klänge hätten ihn immer schon fasziniert, über Musik und Tontechnik fand er zu seinem Forschungsgebiet. Ein Tuch über dem Telefonhörer nütze aber herzlich wenig. Wie wir klingen, bestimmen zwei Faktoren, die sich nur bedingt verfälschen lassen: die Anatomie und die Biografie.

Entscheidend für den individuellen Stimmklang sind der Kehlkopf, wo die Stimme entsteht, und die Resonanzräume, die ihr zur Verfügung stehen, also der Nasenraum, der Rachen- und der Mundraum. Die Stimmlippen liegen im Kehlkopf, umgangssprachlich nennt man sie auch Stimmbänder, tatsächlich sehen sie aber aus wie Lippen. Sie öffnen und schliessen sich, beim Durchströmen der Luft entstehen Töne. Wie hoch der Kehlkopf im Hals sitzt oder wie gross die Stimmlippen sind, all das ­beeinflusst den individuellen Charakter einer Stimme. Auch die Stellung der Zähne oder die Grösse der Zunge hat einen ­Einfluss auf den Klang.

Zischlaute als wichtiges Beweismittel vor Gericht

Das Sprechen ist ein komplexer Vorgang, an dem rund 200 Muskeln im Mund- und Rachen­bereich beteiligt sind. Die Mischung dieser individuellen biologischen Vorgaben schafft dann den ganz eigenen Stimmsound.

So lassen sich umgekehrt von einer Stimmaufnahme mit ausgeklügelten Analyseverfahren auch Rückschlüsse auf die Anatomie eines Menschen ziehen. «Es soll in der Zukunft sogar möglich werden, Phantombilder der unteren Gesichtshälfte zu erstellen», sagt Dellwo. Eine entsprechende Software könnte anhand des Klangs einer Stimme ausrechnen, wie die Anatomie des Sprechers beschaffen sein könnte. Von der inneren Anatomie des Mund- und Nasen­traktes liessen sich dann Rückschlüsse auf die Form und Grösse von Mund, Nase, Kiefer und Kinn ­ziehen.

Schon heute bezieht die Stimmforensik körperliche Merkmale bei der Identifizierung eines Sprechers mit ein. Hat jemand beispielsweise eine kleine Lücke zwischen den beiden vorderen Schneidezähnen, kann man das bei gewissen Lauten mit akustischen Messmethoden nach­weisen. Dies wurde auch einem der RAF-Terroristen zum Verhängnis, der auf Aufnahmen von der Entführung Martin Schleyers zu hören war. Fonetiker des ­Bundeskriminalamtes Wiesbaden (D) konnten die Zischlaute seiner Zahnstellung zuordnen. Vor Gericht galt das als wichtiges Beweismittel.

Aufnahmen aus dem Kernspintomografen: Oben spricht eine Frau den Buchstaben A, rechts ein I. Unten spricht ein Mann die gleichen Vokale. Je nach Buchstabe ist die Verengung zwischen Rachen- und Vokaltrakt an anderer Stelle. Fotos: PD

Doch nicht nur die biologischen Vorgaben sind entscheidend, genauso viel lässt sich aus der dialektischen Färbung eines Sprechers schliessen. «Unsere Art zu sprechen verrät viel über unsere Lebensgeschichte», sagt Dellwo. Seit acht Jahren lebt der Wissenschaftler aus dem deutschen Trier in der Schweiz. Er spricht Hochdeutsch mit einer moselfränkischen Färbung, daran hat sich nicht viel geändert. «Wenn ich aber zum Beispiel SBB sage, lachen meine deutschen Freunde.» Die typisch schweizerische Erstsilbenbetonung habe er längst übernommen.

Vor allem die ersten Lebensjahre hinterlassen meist gewisse Spuren in der Art, wie jemand spricht. So haben die meisten Menschen in Fremdsprachen den Akzent jener Sprache, die sie als erste im Leben gesprochen haben. Eine kanadische Studie konnte vor einigen Jahren sogar zeigen, dass Kinder, die als Baby von China nach Kanada adoptiert worden waren, in ihren Hirnscans noch Reaktionen auf die chinesische Sprache zeigten, die kanadische Kinder nicht hatten. Obwohl die adoptierten Kinder selbst nie Chinesisch gesprochen hatten. Schon während der Schwangerschaft hören Babys die Stimme ihrer Mutter.

Die lokale Dialektfärbung kann in gewissen Fällen auch zur Identifizierung eines Täters dienen. So erstellten Spezialisten ein Stimmprofil eines Unbekannten, genannt Jiihadi John, der für den Islamischen Staat mehrere Menschen vor der Kamera ermordete. Der Mann war in den Videos maskiert, die Spezialisten konnten seinen erkennbar britischen Akzent jedoch relativ genau einem Teil Londons zuordnen. Diese Informationen halfen dabei, sein soziales Umfeld ausfindig zu machen.

Weniger eindeutig als Fingerabdrücke oder Iris

Immer wieder versuchen Menschen, bei einer Tat einen anderen Dialekt oder Akzent nachzuahmen. Das gelingt allerdings selten so perfekt, dass es ein ­professionelles Ohr täuschen könnte. «Isch rede jetzt mal ein bischen mit französischem Akzent», sagt Dellwo. Das würde einen Laien vielleicht überzeugen, Spezialisten könnten derartige Fälschungen aber schnell entlarven. Für schweizerdeutsche Detailfragen zieht Dellwo die Dialektologin Ingrid Hove von der Uni Zürich bei.

Als Arbeitsinstrument dienen den Sprachforensikern Programme zur Signalverarbeitung. Sie ermöglichen eine Quantifizierung der akustischen Merkmale und erfassen Details, die wir nicht hören. «Am erfolgreichsten ist die Stimmforensik, wenn die Menschen nicht wissen, dass sie aufgenommen werden», sagt Dellwo. Obwohl der Versuch mit dem Tuch vor dem Hörer nichts bringt, gibt es andere Versuche, die Stimme zu verändern. Details möchte Dellwo jedoch nicht ­verraten, um die Arbeit seiner Kollegen nicht zu erschweren. Stimmforensiker achten auf Dinge, die einem beim normalen Zuhören nicht auffallen. Wie wir beispielsweise zwischen zwei Worten für Sekundenbruchteile innehalten, kann sehr verräterisch sein. Oder wann jemand beim Sprechen Luft holt.


Video – Die tiefste Stimme der Welt

Tim Storms singt «Lonesome Road» in tiefen Lagen. Quelle: Youtube


Trotzdem ist die Stimmforensik nicht unfehlbar und die Stimme kein so klares Identifikationsmerkmal wie der Finger­abdruck oder die Iris. Sie hängt stärker von äusseren Einflüssen ab und verändert sich im Laufe des Lebens. Wer erkältet ist, klingt anders. Drogen oder Alkohol verändern das Sprechen. Auch wer müde oder niedergeschlagen ist, dessen Stimme bekommt einen anderen Klang.

Dass unsere Stimme stark auf emotionale Zustände reagiert, hat mit der Rolle des Atems zu tun. Weil unsere Art zu atmen, ohne dass wir das bewusst wahrnehmen, auf Gefühlszustände reagiert, verändert sich dann auch die Stimme. Je besser man jemanden kennt, umso schneller nimmt man die verschiedenen Gefühle in der Stimmlage wahr. Gewisse Dinge merkt man jedoch auch bei Fremden, beispielsweise wenn jemand sehr nervös ist und die Stimme zittert.

Erstaunlich ist, wie gut wir die Stimmen von Menschen erkennen können, die uns nahe sind. Es reicht ein Wort, oftmals nur ein Laut, und wir erkennen unsere Liebsten sofort. Weil jeder Mensch seinen ganz eigenen Klang hat, lernt unser Hirn diese Klänge nach einer gewissen Zeit. Wie es diese Meisterleistung vollbringt, weiss man noch nicht im Detail. «Es gibt noch viele offene Fragen, doch genau das macht die Forschungen auch sehr spannend», sagt Dellwo.

Im eingangs erwähnten Beispiel des verärgerten Fluggastes in England hatte der Mann zwar vom gleichen Handy aus an­gerufen, mit dem er auch sein ­Ticket gebucht hatte, doch als Beweis reicht das noch nicht. Er könnte behaupten, ein Mann mit ähnlicher Stimme habe sein Handy gestohlen. Volker Dellwo: «Dann muss ein stimmforensisches Gutachten zeigen, dass der Anrufer und der Besitzer des Handys die gleiche Person sind.»

Erstellt: 04.02.2019, 00:26 Uhr

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