Schweizer Rohstoffhandel: So stark schädigt er die Umwelt

Erstmals zeigen Zahlen, wie gross die Umweltbelastung durch Rohstoffabbau ist – und wie stark die Schweiz in dem Geschäft mitmischt.

Abbau, Verarbeitung und Transport von Rohstoffen sind mit Umweltschäden verknüpft: Kohlenmine bei Changji, China. Foto: Getty Images

Abbau, Verarbeitung und Transport von Rohstoffen sind mit Umweltschäden verknüpft: Kohlenmine bei Changji, China. Foto: Getty Images

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Die kleine Schweiz ist das globale Zentrum für den Handel mit Rohstoffen wie Eisen und Rohöl sowie von Nahrungsmitteln wie Kakao und Palmöl. Rund zwei Drittel aller Metalle und 40 Prozent des Getreides wird von Unternehmen wie Glencore, Nestlé, Vitol und Hunderten weiteren gehandelt. Meist berührt kein Gramm dieser Waren jemals Schweizer Boden.

Auch diese sogenannten Transithandelsgeschäfte sind mit Umweltbelastungen verknüpft. Nicht in der Schweiz und auch nicht durch den Schweizer Konsumenten, aber im Ausland: durch den Abbau, die Verarbeitung und den Transport der gehandelten Waren. Erstmals zeigt nun eine Pilotstudie auf, wie viele Rohstoffe und andere Produkte von der Schweiz aus gehandelt werden und wie gross die damit verknüpfte Umweltbelastung ist. Im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) hat das auf Ökobilanzen spezialisierte Unternehmen ESU-services aus Schaffhausen 16 ausgewählte Rohstoffe genauer unter die Lupe genommen.

Die Autoren der Studie verlangen vor allem eines: mehr Transparenz.

«Je nach Rohstoff laufen zwischen 20 und 65 Prozent des Welthandels über Schweizer Unternehmen», sagt Studienautor Niels Jungbluth, Geschäftsführer von ESU-services. Etwa 3,5 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung gingen auf das Konto dieser Transithandelsgeschäfte. «Die damit verknüpften Umweltauswirkungen sind fast 20-mal so gross wie die Umweltbelastung des gesamten Schweizer Konsums.» Das zeige, von welch beachtlicher Grössenordnung die Umweltbelastung sei, um die es hier gehe. Rohstoffe aus dem Energiesektor haben bezüglich Umweltbelastung die höchste Relevanz. Dabei ist deren Verbrennung in dieser Umweltbilanz noch gar nicht berücksichtigt. Schliesslich geht es in der Studie nur um den Handel, nicht um den Konsum.

Verantwortung der Händler

«Das Ausmass an mit dem Handel verknüpften Umweltschäden zeigt, welche grosse Verantwortung Schweizer Unternehmen haben», sagt Jungbluth. Das gelte insbesondere vor dem Hintergrund der Konzernverantwortungsinitiative. Diese verlangt, dass Unternehmen mit Sitz, Hauptverwaltung oder Hauptniederlassung in der Schweiz die international anerkannten Menschenrechte und Umweltstandards sowohl im In- als auch im Ausland respektieren müssen. «Die Studie leistet auch einen Beitrag zur vom Bundesrat gewünschten Neubeurteilung der Lage der Schweizer Rohstoffbranche einschliesslich eines ­allfälligen staatlichen Handlungsbedarfs betreffend Wettbewerbsfähigkeit, Integrität und Umweltaspekte», sagt Sébastien Truffer, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Abteilung Internationales beim Bafu.

Matthias Stucki, Leiter der Forschungsgruppe Ökobilanzierung der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW in Wädenswil, hält die Studie für wichtig, weil sie die grosse Bedeutung der Schweiz als internationale Handelsplattform und die daraus entstehenden Umweltauswirkungen aufzeigte. Zwar sei die Studie mit Unsicherheiten behaftet, da bezüglich Herkunft und Umweltwirkung auf dem Lebensweg der gehandelten Produkte oftmals nur wenig Transparenz bestehe. «Trotzdem ist die angewandte Methode robust und sind die Ergebnisse zur Dimension der mit dem Handel verbundenen Umweltauswirkungen glaubwürdig.»

Auch Urs Rybi von der nicht staatlichen Organisation Public Eye hält die Forschungsarbeit für sehr relevant. «Erstmals nimmt sich eine Studie der umfassenden Quantifizierung der Umwelteffekte im Ausland an. Das ist eine entscheidende Voraussetzung, um erkennen zu können, welch bedeutenden Hebel die Schweizer Politik hier besitzt.» Der Bundesrat müsse sich die Frage stellen, wie sinnvoll für die Schweiz die Standortförderung einer Branche sei, die massiv auf fossile Ressourcen setze. «Und Rohstoffhandelsfirmen müssen sich die Frage stellen», sagt Rybi, «ob sie mit ihrem heutigen Geschäftsmodell auf die richtigen Rohstoffe setzen.»

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Mediensprecherin Sarah Antenore von Glencore sagt, man habe die Studie zur Kenntnis genommen. «Wir arbeiten schon länger an Programmen, um potenzielle Auswirkungen durch unsere Tätigkeiten auf die Umwelt zu mindern.» Als Beispiel nennt sie das Frachtgeschäft. Hier habe Glencore ein Programm eingeführt, um seine Umweltleistungen zu verbessern. «Das Programm wurde kürzlich vom Long-Beach-Hafen mit dem Green Flag Award gewürdigt.» Im Bergbau gebe es Massnahmen, um die Intensität der CO2-Emissionen bis 2020 um fünf Prozent gegenüber 2016 zu reduzieren. Zudem habe Glencore eine konzernweite Wasserstrategie, deren Ziel es unter anderem sei, den Wasserverbrauch zu reduzieren. «Wir prüfen auch, wie wir den Transport unserer Produkte energieeffizienter gestalten können. Dies unterstützt auch unsere Abnehmer bei ihrer Ökobilanz.»

Wie Jungbluth sagt, sind die Handelsfirmen nicht direkt für die Umweltbilanz der von ihnen gehandelten Güter verantwortlich. Insofern möchte er die Firmen nicht an den Pranger stellen. «Aber die Händler haben durchaus eine gewisse Kontrolle über das, was sie handeln.» Würden die Unternehmen vermehrt Umweltstandards für die von ihnen gehandelten Waren verlangen, würde das eine entsprechend achtsamere Vorgehensweise beim Abbau oder beim Transport fördern. Laut Truffer vom Bafu sind die Herausforderungen somit in erster Linie beim Einkauf von Rohstoffen sowie bei den Geschäftsbeziehungen mit Dienstleistern wie Transportunternehmen und Finanzdienstleistern angesiedelt.

Vieles bleibt im Dunkeln

«Bis heute läuft beim Rohstoffhandel jedoch vieles anonym und intransparent ab», sagt Jungbluth. Daher fordern die Studienautoren vor allem eines: mehr Transparenz, und zwar von der Förderung der Rohstoffe über deren Verarbeitung und den Transport bis zur Nutzung der Waren. Laut Jungbluth bedeutet das zum Beispiel, dass man den gehandelten Waren Informationen über die Umweltaspekte mit auf den Weg gebe. Viele Handelsfirmen hätten jedoch nicht einmal einen Webauftritt und würden Unternehmensformen nutzen, bei denen sie keine Bilanz und keinen Rechenschaftsbericht publizieren müssten. So bleibe vieles im Dunkeln.

Auch Stucki sieht die Schweizer Handelsfirmen in der Verantwortung, «um die Produktion dieser Güter in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung zu lenken. Als ersten Schritt können Handelsfirmen mehr Transparenz in ihren Lieferketten einfordern.»

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Laut Truffer vom Bafu können die Schlussfolgerungen der Studie zu der vom Bundesrat auf Ende 2018 gewünschten Neubeurteilung der Lage in der Schweizer Rohstoffbranche beitragen. Auf internationaler Ebene könnten die Ergebnisse der Studie in die Arbeiten des International Resource Panel (IRP) des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (Unep) einfliessen.

Jungbluth betont, dass es sich um eine Pilotstudie handle, in der die Thematik zwar erstmals, aber nicht umfassend abgehandelt wurde. So hätten die Autoren nur 16 und nicht alle potenziell relevanten Waren erfasst. Auch müsse man künftig besser aufzeigen, aus welchen Ländern die Rohstoffe kommen und wo genau die Umweltbelastungen entstehen. «Es ist sicher noch ein weiter Weg», sagt Jungbluth, «bis man da messbar zu Verbesserungen kommt.»


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(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.09.2018, 07:04 Uhr

Die Methode der Belastungspunkte

Umweltbilanz Schäden an der Umwelt haben viele Facetten: Luftverschmutzung, Wasserbelastung und Landverbrauch sind nur einige Beispiele. Bei einer umfassenden Analyse erhält man ein Dutzend oder mehr Indikatoren für diverse Umweltschäden. Das ist wenig übersichtlich und schwierig zu vermitteln.

Ein vereinfachender Ansatz ist die Methode der Umweltbelastungspunkte, die auch in der aktuellen Studie zum Einsatz kam. Diese hat unter anderem das Bundesamt für Umwelt ­entwickelt: Hierbei wird ein breites Spektrum von Umwelt­belastungen in einer Kennzahl zusammengefasst. Diese Darstellung ist zwar nicht so anschaulich wie zum Beispiel der ökologische Fussabdruck, widerspiegelt die Umweltauswirkungen von Rohstoffen oder dem Konsum aber viel umfassender.

Wertvorstellungen enthalten

Die Methode hat jedoch einen Haken: Es gibt keinen streng wissenschaftlichen Weg, Aspekte wie Klimawandel, Erosion und Biodiversitätsverlust zu einem einzigen Indikator zu addieren. Daher fliessen gesellschaftliche Wertvorstellungen und politische Zielsetzung in die Umweltbelastungspunkte ein.

Zur Veranschaulichung: 1000 Umweltbelastungspunkte entsprechen der Herstellung von 1 kg Zucker, 8 Tassen Kaffee oder 12 Gramm Rindfleisch. Der gesamte Konsum in der Schweiz verursacht gemäss einer aktuellen Studie 193 Billionen (Tausend Milliarden) Umweltbelastungspunkte. Die von Schweizer Unternehmen gehandelten Erzeugnisse sind mit rund 20-mal so vielen Umweltbelastungspunkten verknüpft (3747 Billionen). (jol)

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