Die geschäftigste Baustelle Europas

Tunnelgänge, U-Bahn-Schächte, Abwasserkanäle: Die chaotische Infrastruktur im Untergrund Londons fordert die Ingenieure beim Bau der Bahnlinie Crossrail vom Osten in den Westen heraus.

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Wann immer in der City of London ein neuer Büroturm in den Himmel wächst, weiss die ganze Stadt sich darüber auszulassen. Kaum jemand spricht jedoch über das, was sich unter Fluss und Pflaster der britischen Hauptstadt abspielt. Dabei sind Tausende menschliche Maulwürfe Tag und Nacht daran, das Leben in der Oberwelt erträglicher zu machen. Zurzeit wird ein System riesiger neuer Stromkabel für das Hauptversorgungsnetz ab 2018 installiert. Gleichzeitig werden Vorbereitungen für einen Mega-Abwassertunnel unter der Themse getroffen. Neue unterirdische Bahnlinien und Bahnstationen nehmen ausserdem unablässig Gestalt an. London ist gegenwärtig «die grösste Baustelle Europas».

Durchlöcherter Untergrund

Auf insgesamt 180 Kilometer Länge wird mit Crossrail eine Regionalexpress-Strecke quer durch London gezogen. Zwischen Paddington im Westen und Stratford und Woolwich im Osten wird die Bahn unterirdisch verkehren. Das umgerechnet 24 Milliarden Franken teure Projekt, das 2009 begann und 2019 fertig sein wird, soll jede Stunde 30'000 Passagiere durch die Hauptstadt befördern. Die Bahn sei nötig geworden, sagen die Stadtplaner, weil Europas grösste Stadt so schnell und unaufhaltsam wachse. Um 2030 soll London die 10-Millionen-Marke erreicht haben. Die älteste U-Bahn der Welt aber, die dieses Jahr gerade ihren 150. Geburtstag feiert, hat schon jetzt Schwierigkeiten, den Ansturm zu bewältigen.

London hat also dringend eine Ost-West-Verbindung benötigt. Auch eine Nord-Süd-Linie ist im Gespräch. Für das erste, doppelspurige Trassee wird die Stadt neu untertunnelt. Mehrere 1000 Tonnen schwere Bohrmaschinen wühlen sich durch den Untergrund. Und die Arbeiten sind eine grosse Herausforderung: nicht nur, weil deutsche Bohrer auf ungezündete Bomben aus dem Zweiten Weltkrieg stossen könnten. Sondern, weil sie überall von anderen Tunneln, Bahnstrecken, Rohren, Versorgungsschächten, Abwasserkanälen und Gas- und Stromleitungen umgeben sind. Seit zweihundert Jahren buddeln die Briten unter ihrer Hauptstadt herum.

Wertvolle Schätze gefunden

1815 verlegte die Gas Light and Coke Company fast 200 Kilometer Gasrohre. 1843 wurde zwischen Rotherhithe und Wapping der erste Fussgängertunnel unter der Themse hindurch gegraben. Er ist, als Eisenbahntunnel, bis heute in Gebrauch. Zwischen 1859 und 1865 entstand das weitverzweigte Kanalisationsnetz, das die Themse entlasten sollte. Und 1863 wurde mit der Metropolitan Line der Welt allererste U-Bahn-Linie eröffnet. Seither hat sich das U-Bahn-Netz immer weiter ausgedehnt. 1927 nahm die Royal Mail, die britische Post, ein unterirdisches Bahnsystem in Betrieb, auf dessen Geleisen sie ein Viertel der gesamten Londoner Post beförderte.

Wo Neu und Alt verzahnt werden müssen, wie gegenwärtig am innerstädtischen Schnittpunkt der Station Tottenham Court Road, herrscht Bauchaos.

Anderswo machen die Grabungsmannschaften unerwartete Entdeckungen. Gelegentlich haben sie verschüttete viktorianische Gewölbe ausgegraben. Ab und zu stossen sie auf eine verborgene Frischwasserquelle. Oder sie müssen einen der zahlreichen vergessenen unterirdischen Seitenarme der Themse umgehen. Mehrfach sind Crossrail-Ingenieure auch auf unverzeichnete Rohre oder Stromkabel gestossen. In der Regel entstammen diese Installationen älteren Epochen Londons. Neuzeitliche Firmen sind verpflichtet, präzise Pläne von allen Eingrabungen anzufertigen. Alles, was vor dem Zweiten Weltkrieg an Karten produziert wurde, kann aber «ein bisschen ungenau» sein, wie die Underground-Experten wissen.

Erfreut sind derweil Historiker und Archäologen von den Überraschungen, die den Crossrail-Teams in den Tiefen der Themsestadt so zuteilwerden. Erstaunliche Schätze sind in den ersten Grabungsjahren ans Tageslicht gekommen. Mehr als 10'000 handwerkliche und Kunstgegenstände aus Londons Vergangenheit sind gefunden worden. Dazu gehören Keramikstücke, Steinkrüge, römische Hufeisen, Überreste von Themse-Schiffswerften und eine ganze Produktionsstätte für Feuersteine. Auch 68'000 Jahre alte Knochen eines Mammuts hat man beim Graben, draussen in Canary Wharf, gefunden. Und Schlittschuhe aus dem 8. Jahrhundert, gut erhalten. Eine venezianische Goldmünze ist entdeckt worden, ausgerechnet im früheren Armenviertel um die Liverpool Street.

Überfordertes Abwassernetz

Ein alter Pestfriedhof aus dem 14. Jahrhundert wurde am heutigen Charterhouse Square in der City entdeckt. Zwölf Opfer des Schwarzen Todes hat man dort bisher ausfindig gemacht. Tausende sollen an dieser Stelle begraben liegen. Es ist genau die Stelle, an der die künftige Crossrail-Fahrkartenhalle der Station Farringdon entsteht. Die auffindbaren Skelette sollen darum ausgegraben und untersucht werden und an anderer Stelle, im Osten Londons, ein christliches Begräbnis erhalten. Für Jay Carver, den Chefarchäologen von Crossrail, reihen sich die Fundstücke zu einem kostbaren Bild der Geschichte der Themsestadt: «Unsere Arbeit liefert uns einen fantastischen Einblick.»

Eine weitere Grossbaustelle ist in einem Jahr geplant. 2015 soll die achtjährige Arbeit am Thames Tideway Tunnel, einem mächtigen Abwasserkanal unterhalb der Themse, beginnen. Der «Super-Sewer», der knapp 6 Milliarden Franken kosten wird, soll das überforderte viktorianische Kanalisationssystem der Stadt entlasten. Schon jetzt schwappen bei starken Regenfällen an 57 Überlaufpunkten beträchtliche Mengen an Fäkalien und Urin direkt in die Themse. Verwunderlich sei das nicht, meinen Ingenieure: Das alte System sei für 2, nicht für 8 Millionen Einwohner gedacht gewesen. Ohne den «Super Sewer», heisst es, würde man von 2020 an jedes Jahr 70 Millionen Tonnen ungeklärtes Abwasser in die Themse leiten müssen.

Erstellt: 20.12.2013, 12:01 Uhr

Tonnenschwere Bohrmaschinen in London

Megaprojekt in London: Regionalbahn und Kanalisation. (Für Detailansicht auf Grafik klicken.) (Bild: TA-Grafik kmh / Quelle: Crossrail, «The Guardian»)

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