Die grosse Kränkung

Der Go-Grossmeister Ke Jie hat das Verlieren gelernt – gegen eine Maschine.

Er betrachtet die Software neuerdings als Lehrer, nicht mehr als Gegner: Go-Grossmeister Ke Jie. Foto: Getty Images

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Es sieht schlecht aus für die Menschheit. Eine weitere Bastion ihrer angeblich einzigartigen Intelligenz ist gefallen, gestürmt von einem Computerprogramm namens Alpha Go.

Diese Bastion verteidigte ein 19-jähriger Chinese, Ke Jie heisst er und gilt als weltbester Go-Spieler. Das in Asien beliebte Brettspiel ist deutlich komplexer als Schach, da jeder neue Spielzug 250 Möglichkeiten zulässt. Während Computer menschliche Schachchampions seit 1997 demütigen, blieben sie im Go bisher chancenlos. Doch Alpha Go lernte schnell. Innert zwei Jahren hat das Programm Fortschritte gemacht, die alle Experten überraschten.

Ke Jie begann als Fünfjähriger, Go zu spielen. Mit elf wurde er Profi, seit Ende 2015 hat er die besten Spieler der Welt geschlagen. Nun ist der junge Grossmeister, der sich selber als überheblich bezeichnet, an einem Automaten gescheitert. Ke schwankt zwischen Verachtung und Bewunderung für Alpha Go. Erst schimpfte er die Software eine kalte Maschine, behauptete, jedes Programm zu schlagen. Später weigerte er sich, gegen Alpha Go anzutreten, weil es seinen Stil kopieren würde. Am Ende stellte er sich dem Kampf.

Ke, in einem blauen Anzug, leistete harten Widerstand. Er hatte die Strategie von Alpha Go studiert, hielt die Partien lange ausgeglichen, seine einzig sichtbare Gefühlsregung bestand im ständigen Nagen an der Unterlippe. Doch nach der ersten Niederlage in den drei Spielen wirkte er überwältigt. Von einer «schrecklichen Erfahrung» sprach er, Alpha Go habe einen eigenen Stil entwickelt und spiele mehr wie ein Gott als wie ein Mensch. «Tausende Jahre lang hat der Mensch seine Go-Strategien verfeinert. Alpha Go zeigt uns, dass wir komplett falsch lagen.»

Hinter der revolutionären Maschine steht die englische Firma Deep Mind, 2014 von Google gekauft. Für den Internetkonzern bedeutet die Kränkung der Go-Gemeinde einen wichtigen Durchbruch. Mit Rechenleistung allein kommen Programme bei Go nicht weit. Zu viele Varianten gibt es. Techniker haben Alpha Go deshalb mit Millionen von Go-Positionen gefüttert und es danach gegen sich selber spielen lassen. So hat sich das Programm selbst beigebracht, erfolgreiche Züge vorauszusehen. Das lässt es menschlicher erscheinen als etwa den Schachcomputer Deep Blue. Google will selbstlernende Programme nun in anderen Bereichen anwenden.

Kes Niederlage hat Befürchtungen angeheizt, dass intelligente Maschinen bald der Kontrolle ihrer Schöpfer entglitten. Man müsse sehr genau hinsehen, sagen gewisse Experten. Andere betonen die Nützlichkeit der Programme und den riesigen Abstand zur menschlichen Intelligenz.

Ke hat in Alpha Go seinen Meister anerkannt. Künftig werde er das Programm als Lehrer statt als Gegner betrachten, sagte er. Und ein kleiner Trost bleibt bei aller Unterlegenheit: «Roboter werden die Schönheit von Go nie verstehen.»

Erstellt: 28.05.2017, 22:54 Uhr

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