E-Bolide fährt in Dübendorf Weltrekord

Am Steuer sass eine Pilotin, sie trieb das Stromauto in 1,785 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Was hinter dieser grossen Leistung der ETH steckt.

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200 PS stark, bloss 168 Kilo schwer, vier Elektromotörchen in den Radnaben und jede Menge Elektronik: Das waren die Voraussetzungen, als der Racer Grimsel heute um 13 Uhr auf der Piste des Flughafens Dübendorf an den Start ging. Zu schlagen galt es den Weltrekord, eine Zeit von 2,15 Sekunden. So lange hatte ein Team der holländischen Universität Delft Anfang Oktober gebraucht, um mit einem selbst gebauten Elektroflitzer auf Tempo 100 zu beschleunigen.

Am Steuer des Flitzers sitzt Gabriela Rafique (28), Studentin in Arbeitspsychologie – und bloss 50 Kilo schwer. Die Pilotin sollte nicht die Arbeit von 30 Studenten mit unnötigen Kilos zunichtemachen, die nun zwei Semester lang um jedes Gramm am Auto gerungen haben. Rafique ist aber auch rennmässig kompetent: Sie fährt eine 1000er-Yamaha-R1, mit der sie auch Rennen bestreitet.

Was Gabriela Rafique heute bei jedem Start erlebt, ist «unvergleichbar», wie sie sagt. Wenn sie aufs Pedal tritt, machts «bsssssssss» – wie bei einer kleinen Bohrmaschine oder beim Zahnarzt –, und der Bolide ist weg. Optisch wirkt der Start viel brutaler – wie ein Schlag mit einem riesigen Vorschlaghammer. «Man darf einfach keine Angst haben», sagt sie.

Die letzten Tricks hervorgezaubert

Damit der Weltrekord gilt, ist ein Spezialist der Firma Kistler (Winterthur) vor Ort, welcher optische Sensoren am Auto angebracht hat. Ein Spezialist des vom Bundesamt für Strassen anerkannten Prüf- und Ingenieurzentrums Fakt aus Sennwald überwacht die Messungen. Die massgebende Zeit ist der Durchschnitt einer Hin- und Rückfahrt auf dem gleichen Pistenstück. Der Start liegt 18 Zentimeter höher als das Ziel, dafür herrscht beim ersten Lauf jeweils Gegenwind.

«Unter zwei Sekunden», jubeln die Studenten bereits um 12.30 Uhr. Doch sie haben noch ein paar Tricks auf Lager. Der Heckspoiler wird demontiert, um nochmals fünf Kilo und etwas Luftwiderstand zu sparen. Mit Wärmedecken werden zudem die Reifen vor jedem Lauf aufgewärmt. 1,85 Sekunden ist die nächste Zeit. Marcial Monn, technischer Leiter im Elektronik-Bereich, analysiert die Drehzahlen der vier Motoren. 200 Datensätze werden pro Sekunde aufgezeichnet. Monn entscheidet: «Wir legen die Momentenverteilung noch etwas mehr auf die Vorderräder.»

Beim Antrieb einem Formel-1-Auto überlegen

Der Elektroracer Grimsel ist einem Formel-1-Boliden punkto moderner Elektronik haushoch überlegen, weil in der Formel 1 vieles verboten ist. Erstens hat Grimsel Allrad-Antrieb, und zweitens ist der Antrieb jedes Rades individuell gesteuert. Neben Traktionskontrolle verfügt er auch über eine adaptive Dämpfung sowie Torque Vectoring – eine Unterstützung des Lenkverhaltens durch Drehmomentenverteilung zwischen den vier Rädern. Beim Start ist die Dämpfung hart eingestellt, dann wechselt sie innert Millisekunden auf weich. Auch in den Kurven – heute nicht gefragt – ist das Auto viel agiler.

Zwischen jedem Lauf schliessen die Maschinenbaustudenten einen Laptop ans Auto an, um ein neues Setup zu programmieren. Das letzte Schräubeln an der Elektronik bringt nochmals einen Zehntel: 1,785 Sekunden, über 0,36 Sekunden schneller als der bisherige Weltrekord. Jubel auf dem Platz.

Nach 26 Metern auf Tempo 100

Die Leistung ist für normale Autofahrer kaum zu erfassen. Grimsel beschleunigt im unteren Tempobereich klar besser als ein Formel-1-Auto. Nach etwa 26 Metern hat der Flitzer Tempo 100 erreicht. Zum Vergleich: Ein Mensch, der von einem hohen Turm springt, hätte das gleiche Tempo erst nach 38 Metern freiem Fall erreicht, 2,8 Sekunden nach dem Absprung. Die 50 Kilo leichte Pilotin wiegt beim Beschleunigen fast das Doppelte, sie wird mit bis zu 1,9 g in den Sitz gepresst. Die Beschleunigung ist stärker als bei jedem Auto, das auf der Autobahn eine Vollbremsung einlegt.

Am eindrücklichsten sind die vier selbst gebauten kleinen Motörchen in den Radnaben, die bloss je 3,4 Kilo wiegen und je 50 PS leisten. Der Antrieb hat somit die dreifache Leistungsdichte eines Formel-1-Fahrzeugs, also eine viel höhere Leistung im Vergleich zum Gewicht. Das Karbon-Chassis wiegt nur 18 Kilo. Die Aerodynamik –Front- und Heckflügel – ist derart wirksam, dass das Auto ab Tempo 100 umgekehrt an der Decke fahren könnte und nicht runterfallen würde.

Bereits Meister in der Formula Student

Der Akademische Motorsportverein Zürich besteht aus 30 Studenten der Maschineningenieurwissenschaften der ETH Zürich und Elektrotechnikern der Hochschule Luzern. Mit dem siebten Fahrzeug in der Vereinsgeschichte haben die Studenten die bisher erfolgreichste Saison erlebt. Grimsel hat in der internationalen Formula Student drei von vier Wettbewerben gewonnen und führt auch die Weltrangliste an.

Beim Treffpunkt Science City der ETH Zürich unter dem Motto «Spitzenleistung» besteht die Möglichkeit, das Rekordauto live zu erleben. Am Student Power Day, Sonntag, 9.11., führt das Formula-Student-Team seinen Grimsel der Öffentlichkeit am ETH-Standort Hönggerberg vor. Die Showfahrten sind zwischen 12 und 14 Uhr. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.11.2014, 17:20 Uhr

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