Ein Wasserweg über die Schweizer Alpen

Riesige Ladeschiffe hätten dereinst auf ihrem Weg von der Nordsee ins Mittelmeer den Splügenpass überqueren sollen. So plante es ein Ingenieur vor über 100 Jahren. Seine Idee wäre beinahe in Vergessenheit geraten.

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Das Unterfangen hätte ein Jahrhundertwerk wie der Gotthardtunnel werden sollen, und tatsächlich erinnern die Bilder an die Gotthardröhre. Doch das waghalsige Projekt des Bündners Pietro Caminada unterscheidet sich davon in mindestens drei Punkten: Die Röhren führen nicht durch das Gotthardmassiv, sondern über den 2113 Meter hohen Splügenpass. Nicht Züge, sondern Schiffe überwinden das Hindernis – und das Projekt wurde nie realisiert.

Dabei hätte der Wasserweg über den Splügen zum Panamakanal der Alpen werden können. Einen Handelsweg von der Nordsee zum Mittelmeer wollte Caminada, der 1862 im bündnerischen Vrin zur Welt kam, vor rund 100 Jahren schaffen. Der Weg sollte von der Hafenstadt Genua über Alessandria, Mailand, Como, Chiavenna, den Splügenpass, den Bodensee und Basel bis in die Nordsee führen. Zahlreiche Schleusen hätten die grossen Ladeschiffe dabei passieren müssen. Was heute wie ein Hirngespinst anmutet, hatte aber einen handfesten Hintergrund: Für den internationalen Handel war der Pass schon lange wichtig. Und Caminada wollte ihn zu einem Welthandelsumschlagplatz machen.

Eine Hochbahn über einen Aquädukt

1907 präsentierte der Bündner sein Kanalprojekt der Öffentlichkeit. Damals hatte Pietro Caminada bereits einen Namen, und er war weit in der Welt herumgekommen. Laut Recherchen des Publizisten Kurt Wanner hatte er Vrin wohl schon in den 1880er-Jahren verlassen. Er reiste nach Argentinien, 1892 kam er nach Rio de Janeiro. Und dort stiess er möglicherweise auf das Vorbild für seinen transalpinen Wasserweg: den 1750 erbauten «Arcos da Lapa», einen 270 Meter langen und 18 Meter hohen Aquädukt, der einst das Trinkwasser vom Carioca-Fluss ins Stadtzentrum führte. Caminada, der sich damals als Ingenieur mit dem Bau einer Hochbahn in Rio beschäftigte, nutzte den Aquädukt als Trassee für das städtische Tram.

Auch durch andere Projekte wurde er bekannt – etwa bei der Umgestaltung von Rios Hafenanlage oder durch die Planung der neuen Hauptstadt Brasilia. Als Caminada nach über 20 Jahren in Südamerika nach Europa zurückkehrte, hätte er deshalb durchaus das Zeug dazu gehabt, sich einem Projekt wie dem Wasserweg über den Splügen anzunehmen. Doch seine Pläne, die zu Beginn auf breites Interesse stiessen, gerieten in Vergessenheit. Zum einen erwies sich die Finanzierung als Hindernis, zum anderen rückte das Projekt wegen der Kriege im 20. Jahrhundert endgültig in den Hintergrund.

Die Idee lebt 100 Jahre später wieder auf

Die vergessen gegangene Idee machte erst wieder der Bündner Kurt Wanner bekannt, und jüngst griff auch das deutsche Nachrichtenmagazin «Spiegel» das Thema auf. «Der Wasserweg war für mich immer nur aus historischer Sicht von Interesse», sagt der Bündner gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Es gehe ihm nicht darum, das Projekt zu realisieren, stellt er auch gleich klar. Er könne und wolle gar nicht beurteilen, ob ein solcher Wasserweg sinnvoll wäre. Dazu fehle ihm das technische Wissen. Ihn habe lediglich Pietro Caminada und dessen Pioniergeist gefesselt. Wanner stiess während seiner Zeit als Lehrer in Splügen auf das Thema. Zwischen 1964 bis 1990 unterrichtete er im Dorf. Und der Pass, über den er mehrmals wanderte, liess ihn seither nicht mehr los.

Dass die 100 Jahre alte Idee eines Kanals über den Splügen nun plötzlich auf ein solches Echo stösst und sogar im «Spiegel» Erwähnung findet, verwundert Wanner jedoch ein bisschen. Denn vor sechs Jahren war das Thema bedeutend aktueller: Damals organisierte Wanner im Heimatmuseum von Splügen eine Sonderausstellung über das Kanalprojekt, im «Bündner Monatsblatt» publizierte er zudem einen Aufsatz über Pietro Caminada und seine «via d'aqua transalpina». Niemals aber habe er eine «Alpenkanal-Diskussion» lostreten wollen. Doch dass die Ideen des Ingenieurs noch immer die Fantasien einer breiteren Öffentlichkeit beflügeln, dürfte auch Wanner freuen.

Ein Ersatz für den Brenner?

Und laut «Spiegel» hat sich ein pensionierter Staatsbeamter aus dem Tirol von Caminada inspirieren lassen. Albert Mairhofer, gemäss dem deutschen Nachrichtenmagazin ein «Wasserkraftaktivist», plant angeblich einen 88 Kilometer langen Tunnel für den Schiffsverkehr, der von Innsbruck bis ins Etschtal im Südtirol führt. Seine «Donau–Tirol–Adria-Wasserstrasse» preist Mairhofer dabei öffentlichkeitswirksam als Alternative zum Brenner-Eisenbahntunnel an. (miw)

Erstellt: 09.03.2011, 23:27 Uhr

Zeichnet die Geschichte des nicht realisierten Alpenkanals minutiös nach: Kurt Wanner.

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