Ein Nobelpreisträger, der gerne kocht

Der Zürcher Ehrendoktor Martin Karplus erhält mit Michael Levitt und Arieh Warshel den Nobelpreis für Chemie. Sie wurden für Computermodelle ausgezeichnet, die chemische Reaktionen simulieren.

Martin Karplus, Nobelpreisträger für Chemie

Martin Karplus, Nobelpreisträger für Chemie Bild: Keystone

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Schon als Primarschüler war Martin Karplus fasziniert von dem Chemieexperimentierkasten seines älteren Bruders Robert, der diesen 1938 kurz nach ihrer Ankunft in den USA erhalten hatte. Sein Vater schenkte Martin jedoch ein Mikroskop, weil er es zu gefährlich fand, dass zwei pubertierende Buben im Keller explosive Stoffe herstellten.

Der Blick durch das neue Instrument zeigte dem 8-Jährigen, der zusammen mit seiner jüdischen Familie von Wien in die Nähe von Boston geflüchtet war, eine andere Welt. Und er weckte sein Interesse für die Forschung. Martin wollte stets Neues entdecken und vor allem die Natur im Detail studieren.

Gestern wurde der 83-jährige österreichisch-amerikanische Staatsbürger zusammen mit den beiden Chemikern Michael Levitt und Arieh Warshel von der Königlich Schwedischen Akademie in Stockholm ausgezeichnet. Die drei Chemiker teilen sich das Preisgeld von mehr als 1,1 Millionen Franken für ihre bahnbrechenden Arbeiten auf dem Gebiet der Computersimulation von komplexen chemischen Reaktionen.

«Karplus ist ein Genie», sagt Biochemiker Amedeo Caflisch von der Universität Zürich über den Nobelpreisträger. Caflisch hatte bei ihm als Postdoktorand geforscht, und die beiden publizieren weiterhin gemeinsam wissenschaftliche Studien. Der Professor an der Harvard University gehöre zu den drei meistzitierten Chemikern, habe mehr als 1000 Veröffentlichungen geschrieben und seine vielen Schüler seien heute über die ganze Welt verstreut an den wichtigsten Instituten tätig.

Auf der Flucht vor den Nazis

Vor sieben Jahren verlieh die Mathematisch-naturwissenschaftliche Fakultät der Universität Zürich Martin Karplus den Ehrendoktortitel: Seine wissenschaftlichen Beiträge würden eine wichtige Grundlage der computergestützten Chemie und Strukturbiologie bilden. Zu Zürich hat der gebürtige Wiener eine besondere Beziehung. Hier war die erste Station seiner Flucht vor den Nazis, hier ging er 1938 vom Frühling bis zum Sommer in die Schule und lernte schnell etwas Schweizerdeutsch. Damals verstand er Dialekt als eine Art Geheimsprache zwischen ihm und seinem Bruder, da seine Mutter ihn nicht verstand.

Danach verliess die Familie Zürich und zog weiter nach Frankreich. Dort erschien auf wunderbare Weise ein paar Tage vor der Abreise in die USA auch sein Vater: Der Onkel hatte ihn aus dem Gefängnis in Wien freigekauft. Trotz dieser traumatischen und prägenden Erlebnisse durch das Terrorregime der Nazis in seiner Kindheit hat er sein positives Denken nie verloren. Er habe ihn nie wütend erlebt, sagt Caflisch, der Karplus seit 22 Jahren kennt, sondern immer sehr zuvorkommend und freundlich.

Der emeritierte Professor forscht nicht nur in Harvard, sondern hat seit 1991 auch eine Forschungsgruppe in Strassburg. «Karplus hat den unglaublichen Drang, Dinge aus unserem Leben im Detail zu verstehen», sagt Physiker Markus Meuwly von der Uni Basel, der mit Karplus in Strassburg und Harvard forschte und weiterhin gemeinsame Projekte mit ihm verfolgt. Zum Beispiel Untersuchungen an Hämoglobin, das im Blut Sauerstoff aufnimmt. Auf atomarer Ebene ist dies bis heute ungeklärt. Bekannt ist Karplus für sein ausserordentliches Erinnerungsvermögen und seinen enzyklopädischen Überblick über die wissenschaftliche Literatur. «Er kann noch auf viele Jahre zurück sagen, wann ein Artikel zu einem bestimmten Thema publiziert worden ist», sagt Meuwly.

Karplus’ Eltern hatten gehofft, dass er wie viele andere in seiner Familie Mediziner werden würde. Diese Hoffnung keimte beim Vater auf, als er den damals fünfjährigen Jungen dabei beobachtete, wie er Stuhlbeine und sonstige Gegenstände wie gebrochene Knochen bandagierte.

Dies beschreibt der mehrfach preisgekrönte Harvard-Professor in einem persönlichen Bericht mit dem Titel «Spinat an der Decke: Wie ein theoretischer Chemiker zur Biologie zurückkehrt.» Mit Humor erzählt er darin von seiner Kindheit in Wien, davon, dass er ein sturer und eigensinniger Bub war, der keinen Spinat essen wollte. Deshalb habe er ihn mit einem Löffel an die Decke gespickt, wo der Fleck länger sichtbar war. Wenn er schon nicht Mediziner wurde: In der Zwischenzeit haben seine zwei Töchter die familiäre Tradition fortgeführt. Der Sohn studiert in Boston Jura.

Ausgezeichnete Gänseleber

Karplus ist nicht nur ein exzellenter Wissenschaftler. «Er kann auch hervorragend fotografieren», sagt Caflisch. Vor ein paar Monaten habe er in Paris seine mehrjährige Aufnahmeserie «La couleur des années 50» in der Bibliothèque Nationale de France ausgestellt. Nach seiner Doktorarbeit hatten ihm seine Eltern 1953 eine Leica IIIC geschenkt. Ein Stipendium ermöglichte ihm dann den Aufenthalt in Oxford und den Besuch von ganz Europa.

Der Professor, der seine Leidenschaft zur Chemie in frühen Jahren entdeckte, weil die Knaller von seinem Bruder so schön stanken, liebt heute vor allem die schönen Gerüche – besonders aus der Küche. Laut Meuwly ist er ein ausgezeichneter Koch. Legendär sei die Gänseleber mit Birne, zu der er seine Gruppe in Strassburg immer wieder eingeladen habe.

Erstellt: 10.10.2013, 14:00 Uhr

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